VonAndreas Apetzschließen
In Bachmut hat die Wagner-Gruppe einen russischen Leutnant gefangen genommen. Die Spannungen zwischen der Söldnertruppe und dem Kreml wachsen weiter.
Bachmut/Moskau – Die Zusammenarbeit zwischen der Gruppe Wagner und den Soldaten der Russischen Föderation scheint einen neuen Tiefpunkt erreicht zu haben. Bei den blutigen Kämpfen um die ostukrainische Stadt Bachmut soll es zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen beiden Parteien gekommen sein. Nachdem Soldaten Russlands das Feuer auf die Mitglieder der Wagner-Gruppe eröffnet hatten, soll die Söldnertruppe einen russischen Oberstleutnant gefangen genommen haben. Ein Video des Gefangenen belegt die Behauptungen.
Russische Truppen beschießen Wagner-Söldner in Bachmut
Jewgeni Prigoschin hat sich im Laufe des Ukraine-Krieges auf Telegram zum Sprachrohr der Invasoren entwickelt. Beinahe täglich meldet sich der Wagner-Chef zu Wort und hetzt mal gegen die Ukraine und den Westen, mal gibt es Anfeindungen mit der russischen Führung. Die Schimpftiraden in Richtung Moskau hatten sich in den vergangenen Monaten auffällig gehäuft und offenbarten einen Bruch zwischen dem Kreml und Prigoschin. Nun erhebt Putins Koch erneut schwere Vorwürfe gegen Russland.
Laut eine Mitteilung vom 2. Juni auf dem Telegram-Kanal des Pressedienstes von Prigoschin sollen russische Truppen auf Mitglieder der Wagner-Gruppe in Bachmut geschossen haben. Doch die Anschuldigungen werden noch härter: Angeblich sei dies geschehen, während die Söldner eine Straße räumten, welche von Russland selbst vermint worden sei, um einen möglichen Rückzug der Wagner-Einheiten zu verhindern. Wie der Nachrichtendienst Meduza mit Bezug auf die Mitteilung schreibt, hätten die Söldner die Räumung der Straße unterbrochen, und seien zum Gegenangriff übergegangen.
Ukraine-Krieg: Wagner-Gruppe ergreift „Vergeltungsmaßnahmen“ und nimmt russischen Oberstleutnant fest
Um „Aggressionen zu unterdrücken“ habe man nach dem russischen Beschuss „Vergeltungsmaßnahmen ergriffen“, heißt es wörtlich in der Mitteilung. Dazu habe man den Oberstleutnant einer russischen Einheit festgenommen und „inhaftiert“. In einem von Prigoschin veröffentlichen Verhör des Gefangenen, gesteht dieser zudem „in betrunkenem Zustand“ auf ein Fahrzeug der Wagner-Gruppe geschossen zu habe. Außerdem habe er die „Entwaffnung einer schnellen Eingreiftruppe von Wagner“ angeordnet. Grund dafür seien „persönliche Feindseligkeiten“ gegen die Söldnereinheit gewesen, gab der russische Oberstleutnant vor laufender Kamera zu.
#Wagner mercenaries claim to have captured a lieutenant colonel of the #Russian army, who ordered them to shell their positions.
— NEXTA (@nexta_tv) June 5, 2023
Earlier, #Prigozhin said that the military personnel of the Russian Defense Ministry had mined the exit routes of the Wagner PMC from #Bakhmut. pic.twitter.com/XGtzknTuCQ
Über die Echtheit des Videos lässt sich mutmaßen. Der Telegramm-Kanal Siren schreibt dazu, dass in einer russischen Datenbank der Name des gefangenen Soldaten auftauche. Nach Angaben des Nachrichtendienstes sei er 45 Jahre alt, dient in den russischen Streitkräften und arbeitete zuvor für die Sicherheitsagentur „Sparta“ in der Region Nischni Nowgorod. Im Jahr 2013 wurde ihm laut Siren der Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer entzogen.
Verminte Rückzugswege: Prigoschin erhebt schwere Vorwürfe gegen Russland
Am 20. Mai hatte Prigoschin die vollständige Eroberung der Stadt Bachmut durch die Wagner-Gruppe verkündet. „Die Operation zur Einnahme von Bachmut hat 224 Tage gedauert“, ließ Prigoschin in einem Video wissen und betonte, dass dieser militärische Erfolg. Wenig später kündigte er die Übergabe der Kontrolle an Russland und den Rückzug seiner Armee aus Bachmut an. Mittlerweile ist der Truppenabzug in vollem Gange.
Einen vorschnellen Rückzug der Wagner-Gruppen habe Russland durch die Platzierung von Minen auf den Rückzugswegen verhindern wollen, behauptet Prigoschin. Laut Aussage des Wagner-Chefs wurden an rund einem Dutzend Stellen entlang der Fluchtwege der Wagner-Truppen Sprengsätze platziert, darunter „hunderte“ von Panzerabwehrminen. Es habe „keine Notwendigkeit“ bestanden, die Minen zu platzieren, um die ukrainischen Streitkräfte an diesen Orten zurückzuhalten, so Prigoschin. Laut dem Oligarchen seien die Sprengkörper als „öffentliche Strafe“ für die Wagner-Truppen gedacht.
„Wir haben gemeinsam mit den Strafverfolgungsbehörden Ermittlungsmaßnahmen durchgeführt, um alles zu dokumentieren. Derzeit laufen die Ermittlungen“, zitiert die das Nachrichtenportal Kyiv Independent Prigoschin. Die Täter seien „Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums“ gewesen. „Auf die Frage, warum sie es getan haben, zeigten sie mit dem Finger nach oben“, fügte der Anführer der Wagner-Truppe hinzu. Die Geste deute darauf hin, dass die Anweisungen von hochrangigen Beamten kamen, nimmt Prigoschin an. (aa)
