Schritt in die Zukunft: Ein Littoral Combat Ship, LCS, der US-Navy mit einer Aufklärungsdrohne. Die kleinen Küstenkampfschiffe mit leichter Panzerung und Bewaffnung werden Teil vernetzter Systeme mit unbemannten Drohnen für verschiedene Aufgaben. Dieser Schritt könnte auch für die Europäer zum Vorbild werden.
Die USA gehen voran und setzen auf Autonomie in ihrer Flotte. Europa muss reagieren. Im nächsten Seekrieg werden Drohnen die Kriegsführung dominieren.
Brüssel – „Anders ausgedrückt wird erwartet, dass mehr als ein Drittel aller Schiffe der US-Marine bis zum Jahr 2045 unbemannt und autonom sein werden“, schreibt Yaseen Nisar – für den Regierungskundenbetreuer der kalifornischen Software-Schmiede One Stop Systems war 2022 ein gutes Jahr. Mit dem „Navigation Plan 2022“ hatte Michael M. Gilday festgezurrt, dass die Schiffe der USA möglichst weitestgehend ohne Matrosen gegen Xi Jinping oder Wladimir Putin in den Krieg ziehen würden. Was den damals ranghöchsten Offizier der United States Navy umtrieb, treibt jetzt auch die Europäer an.
Rüstung gegen Russland: Das KI-Kampfschiff soll auch die europäische Kleinstaaterei bekämpfen
Diese Veröffentlichung steht im Zusammenhang mit der europäischen Sicherheitsmesse Euronaval – in deren Rahmen treffen sich am 19. November in Brüssel die europäischen Verteidigungsminister, um das Projekt zu besprechen; das KI-Kampfschiff soll auch die europäische Kleinstaaterei bekämpfen und die Kompetenz der einzelnen Rüstungsindustrien bündeln. Damit würde vielleicht auch wieder ein europäisches Rüstungsprojekt verwirklicht werden, wogegen in verschiedenen anderen Rüstungsgütern individuelle nationalstaatliche Wirtschaftsinteressen einer kostengünstigen Nato-weiten Lösung entgegengestanden haben – beispielsweise beim Eurofighter, aus dem vor allem Frankreich zugunsten der eigenen Rüstungsindustrie ausgestiegen war.
„Jetzt erleben wir Leute, die an einem Seekampf beteiligt sind, die vielleicht noch nie zur See gefahren sind, und es ist eine ganz andere Art, darüber nachzudenken, wie man die Handlungsfreiheit auf hoher See erreicht, die wir für alle wollen, die ihren rechtmäßigen und friedlichen Geschäften nachgehen.“
Insofern ist ein gemeinsames KI-gestütztes Marine-Projekt ein für die aktuelle ausbaufähige europäische Gemeinsamkeit ein ambitioniertes Projekt. Die Bedrohungen für die verschiedenen europäischen Länder mögen die gleiche sein, aber deren Antworten darauf sind oft verschieden. Europa ist sich da bisher treu geblieben.
Neuer Nato-Kurs: „Wir fügen neue Bedrohungen hinzu, aber wir werden die alten nie los“
„Wir fügen neue Bedrohungen hinzu, aber wir werden die alten nie los“, sagte Konteradmiral Ignacio Cuartero, wie das US-amerikanische Magazin National Defense berichtet. Der Direktor für Konzepte und Fähigkeiten des Militärstabs der EU benannte als neue Bedrohungen gegen Schiffe die Drohnen in der Luft sowie Hyperschall-Marschflugkörper. Denen gegenüber hält er Altsysteme, die gegen die neuen Bedrohungen eingesetzt werden könnten, „für nicht effektiv, nicht effizient. Also müssen wir neue Systeme einbauen, um das gesamte Spektrum der Bedrohungen abzudecken“, wie ihn National Defense zitiert.
Von der „Datenplattform Marineschiff“ spricht Jonas Schöttler von der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität. Schiffe und ihre Besatzungen seien mittlerweile von zunehmend zahlreicheren, komplexeren und hochauflösenden Daten belastet, hat der Informatiker während des 24. Marineworkshops der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik vor zwei Jahren gesagt. Deren Auswertung mit dem Ziel des Potenzialausbaus der einzelnen Schiffseinheit sei manuell nicht mehr zu leisten und erfordere „Verfahren des maschinellen Lernens“, um kampffähig zu bleiben. Der Ukraine-Krieg hat diesen Prozess nochmal beschleunigt.
Die Zukunft: Überwasserdrohne zu einer der gefährlichsten Waffen des Ukraine-Krieges geworden
Beispielsweise ist die Magura V-Überwasserdrohne zu einer der gefährlichsten Waffen dieses Krieges geworden. Inzwischen kann sie auch einen Raketenwerfer tragen, was ihre Reichweite und Gefährlichkeit potenziert. Eigentlich heißt das Boot „Maritime Autonomous Guard Unmanned Robotic Apparatus“ und ist in ihrer jetzigen Ausführung bereits die fünfte Generation. „Die Ukraine ist in den letzten Jahren und insbesondere seit Beginn des Krieges zu einer Drohnenmacht geworden“, lobte Ulrike Franke, vom Thinktank European Council on Foreign Relationsgegenüber dem ZDF. Und sie ist sich ziemlich sicher: „Es ist wahrscheinlich, dass die Ukraine aus diesem Krieg als wichtiges Drohnenherstellerland hervorgehen wird.“
Vor dem Ukraine-Krieg wäre eine Magura-Drohne Science Fiction gewesen, anfangs des Ukraine-Krieges sei sie „als Ersatz für bemannte Schiffe in ,langweiligen, schmutzigen und gefährlichen‘ Jobs“ eingesetzt worden, wie Bryan Clark schreibt. „Heute können Seedrohnen in jedem Glied der ,Kill Chain‘, die von der Erkennung eines Ziels bis zu dessen Beschuss mit einer Waffe reicht, Skalierbarkeit, Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit bieten“, so der Analyst des U.S.-Thinktank Hudson Institute in einer Publikation des Verbands Advanced Technology for Humanity (IEEE). Auch auf See kämen die Drohnen mittlerweile ins Schwärmen, wie Clark ausführt.
Der Plan: Künstliche Intelligenz übernimmt Kommando- und Kontrollfähigkeiten
Das Hunderte Tonnen schwere Überwasser-Schiff habe somit möglicherweise ausgedient, mit der Magura V sei das geschrumpft auf fünfeinhalb Meter Länge, prophezeit Clark: Um ein feindliches Schiff anzugreifen, bräuchten Marine-Streitkräfte bisher Radar, Abschussrampen und Raketen. Doch Militärs lernten heute zu schätzen, „dass eine Flotte bemannter Überwasser-Schiffe mit einem Dutzend oder zwei Marinedrohnen mehrere Wege bieten würde, ein Schiff zu finden und anzugreifen. Aufgrund ihrer Streuung wären diese Fahrzeuge auch weniger verwundbar“, wie der Analyst schreibt. Verluste werden minimiert.
Laut der Wirtschaftsnachrichten-Plattform GovConWire testet die in der Karibik stationierte 4. US.-Flotte den neuen Kurs der US-Admiralität unter Michael M. Gilday. „In der jüngsten Aktualisierung seines Navigationsplans war eine Flotte aus 373 bemannten und 150 unbemannten Schiffen vorgesehen, die seiner Vorstellung nach über Kommando- und Kontrollfähigkeiten sowie Fähigkeiten zur Cyber- und elektronischen Kriegsführung verfügen könnten“, schreibt Autor Sommer Myatt.
„Wir kommen wahrscheinlich in den nächsten vier oder fünf Jahren an den Punkt, an dem wir mit der Entsendung unbemannter Plattformen zu Trägerkampfgruppen beginnen werden … Und die Idee ist, dass wir mehr Schiffe brauchen, wir brauchen mehr. Wir müssen uns über den Pazifik und über den Globus verteilen“, sagte Gilday nach einem Bericht des Miitär-Magazins C4ISRNET. Offenbar unternimmt Frankreich bereits erste Schritte, um dem Tempo der USA folgen zu können – mit dem Wahlsieg des Republikaners Donald Trump steht Europa ohnehin in der Pflicht, für ihre eigene Rüstung mehr zu leisten.
Frankreich voran: Französische Marine will jetzt KI-Ingenieure an Bord ihrer Schiffe integrieren
Wie das Magazin National Defense berichtet, will die französische Marine jetzt KI-Ingenieure an Bord ihrer Schiffe integrieren. In den Wochen nach der Euronaval-Konferenz plant die französische Marine, Ingenieure, die auf künstliche Intelligenz spezialisiert sind, neben Obermaaten an Bord von Schiffen arbeiten zu lassen, „um genau zu verstehen, was wir brauchen, was wir wirklich brauchen“, wie Admiral Nicolas Vaujour, der Stabschef der französischen Marine, zitiert wird.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Offensichtlich bedeutet das KI-gestützte Marine-Projekt eine Änderung der Denkweise, wie Benjamin Key dem Magazin gegenüber äußerte: Im Gegensatz zur „analogen Sichtweise des 20. Jahrhunderts auf die Welt“, benötige die Marine Menschen mit digitaler Denkweise, die dem Tempo der Entwicklung folgen könnten und die Notwendigkeiten des digitalen Zeitalters begriffen, so der Erste Seelord der britischen Royal Navy.
„Jetzt erleben wir Leute, die an einem Seekampf beteiligt sind, die vielleicht noch nie zur See gefahren sind, und es ist eine ganz andere Art, darüber nachzudenken, wie man die Handlungsfreiheit auf hoher See erreicht, die wir für alle wollen, die ihren rechtmäßigen und friedlichen Geschäften nachgehen“, unterstrich er weiter.