Der neue Zukunftspanzer? Ein Kampfpanzer Panther KF51 steht im Rheinmetall-Werk Unterlüß in Niedersachsen. Auf Basis dieses Panzers will Rheinmetall zusammen mit Leonardo einen neuen Kampfpanzer bauen.
Europa ist weiterhin ein Sammelsurium kleiner Staaten: Wegen des Wartens auf den MGCS-Superpanzer formieren sich die Unterlegenen zu einer Panzer-Allianz.
Düsseldorf – „Wir wollen einen europäischen Champion für Landsysteme schaffen“, hat Armin Papperger gesagt; und den will der Geschäftsführer der deutschen Rüstungsschmiede Rheinmetall sogar in Rekordzeit auf die Kette kriegen: Panther KF51 heißt der Kampfpanzer, den das Düsseldorfer Unternehmen zusammen mit dem italienischen Rüstungskonzern Leonardo produzieren will. Die Verträge dazu sind jetzt unterzeichnet. Damit reitet Rheinmetall eine fulminante Attacke gegen den Panzer der Zukunft, den Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius(SPD) zusammen mit Frankreich bauen wird. „Ist das gut für Europa?“, fragt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.).
„Schwergewicht im europäischen Panzerbau“: Rheinmetall will primär Italiens Markt bedienen
Rüstungspolitik ist Wirtschaftspolitik, ist Arbeitsmarktpolitik, ist Innenpolitik. „Wir schaffen ein neues Schwergewicht im europäischen Panzerbau“, sagt Papperger, wie ihn der Tagesspiegel zitiert. Rheinmetall und Leonardo wollen demnach „primär den italienischen Markt“ bedienen, „zukünftig aber auch andere Partnerstaaten, die Modernisierungsbedarf im Bereich ihrer Kampfsysteme haben“, so Papperger weiter im Tagesspiegel. Leonardo-CEO Roberto Cingolani strebe demzufolge die Entwicklung einer international wettbewerbsfähigen Technik an.
„Eine europäische Armee ist doch nur möglich, wenn alle EU-Staaten in ihrer Verfassung verankern, dass ein europäischer Verteidigungsminister sie in den Krieg schicken kann. Das ist ein schöner Traum, mehr nicht. Aktuell läuft es bei der Rüstung sogar in die andere Richtung: Renationalisierung statt Europäisierung.“
Zeit sei eine Schlüsselvariable im Leonardo-Rheinmetall-Projekt, schreibt aktuell die italienische Nachrichtenagentur Ansa. „Die Rüstungsindustrie muss von dem Sockel heruntersteigen, auf dem sie zu viele Jahre lang stand, und anfangen, wie andere Unternehmen auf dem Markt zu produzieren, also mit den geringstmöglichen Kosten und mit einer den Bedürfnissen entsprechenden Zeitplanung“, sagt Guodo Crosetto, der vor seiner Ernennung zum italienischen Verteidigungsminister den Verband italienischer Rüstungsunternehmen leitete, so Ansa.
Leopard keine Option mehr für Italien – Panther soll in drei Jahren ausgeliefert sein
Was ökonomisch vernünftig klingt, mag auch als Trotz auszulegen sein: Der Panther KF51 ist das Projekt einer Koalition aus Verlierern. Rheinmetall gehörte ursprünglich zum MGCS-Konsortium, war aber ausgestiegen, nachdem das Unternehmen in diesem Projekt keinen hinreichenden Einfluss habe ausüben können; wie die F.A.Z. schrieb, sei Frankreich mit den deutschen Unternehmen KNDS und Rheinmetall zusammen der deutsche Anteil zu dominant geworden. Auch Italien war als zukünftiger europäischer Partner im Gespräch gewesen. Allerdings steht dieser Deal auf der Kippe, nachdem ein anderer offenbar geplatzt ist.
Weil Italien seine seit mehr als ein Vierteljahrhundert alte und kaum modernisierte Flotte an Ariete-Panzern ersetzen muss, hatte sich die italienische Regierung zum Kauf von Leopard 2A8 entschieden – in einem Volumen von 132 Kampf- sowie 140 Schützenpanzern für insgesamt 8,5 Milliarden Euro, angelegt auf 14 Jahre. Einzige Bedingungen der Italiener: Sie wollten den Panzer weitgehend selbst bauen. Was KNDS ablehnte. Möglicherweise, weil deren Auftragsbücher voll sind, und sie den Italienern den Bau eines kompletten Waffensystems kaum zugetraut haben – das vermutet das Magazin Defense Express.
Wie die F.A.Z. berichtet, soll das Gemeinschaftsprojekt von Rheinmetall und Leonardo in drei Jahren ausgeliefert sein. Der Panther KF51 ist ja im Prinzip fertig konstruiert, soll aber jetzt mit „mehr italienischer Elektronik und teilweise mit Kanonen der Leonardo-Tochtergesellschaft Oto Melara ausgerüstet sein“, wie die F.A.Z. schreibt. Zum Panther könnte sich der Schützenpanzer Lynx gesellen – den wollen die Italiener ebenfalls haben und könnten ihn möglicherweise in zwei Jahren in die Truppe integrieren.
Weiterentwicklung statt Zero-Base: Ukraine-Krieg überflutet von billig produzierten Panzern
Das MGCS verfolgt einen„Zero-Base“-Ansatz, muss also von Grund auf neu gedacht werden. Der Panther KF51 fußt auf einem Leopard-Chasis und wird auf dieser Basis zukunftsfähig konzipiert. Während das Magazin Europäische Sicherheit & Technik (ESUT) den Panther Ende vergangenen Jahres schon zur Serienreife hat rasseln sehen, schreibt die F.A.Z. aktuell, dass die vor vier Jahren begonnene Entwicklung noch laufe.
Stärken des Panzers seien sein automatisches Ladesystem sowie die 120mm-Rheinmetall-Glattrohrkanone L55A1, die auch in den neuesten Leopard 2-Varianten verbaut ist, wie ESUT schreibt. Eine Aufrüstung auf eine 130 Millimeter-Kanone soll möglich sein. Die Nutzung der bewährten 120 Millimeter-Kanone werde die Kompatibilität mit dem Leopard herstellen und logistische Voreile bieten.
Das Fahrzeug würde für drei Besatzungsmitglieder gebaut werden; mit der Option eines vierten Soldaten oder einer Bedienung. „Da die Steuerung des Turms und der Waffen auch von den Bedienerplätzen im Fahrgestell erfolgen kann, sind nach Angabe von Rheinmetall perspektivisch auch Varianten des Panther KF51 mit unbemannten Türmen oder komplett fernbedienbare Fahrzeuge geplant“, schreibt ESUT. Im Ukraine-Kriegflutet Russland das Gefechtsfeld mit billig produzierten Panzern. Die europäischen Länder versuchen weiter, Computer auf Ketten an die Front rollen zu lassen.
Konkurrenz kommt aus Südkorea: Noch ist der Leopard der Standard-Panzer der Nato
Der Panther KF51 macht insofern die bessere Figur in Preis und Realisierbarkeit. Polen, als das am stärksten durch Russland bedrohte Nato-Mitglied rüstet inzwischen mit Panzern aus Korea auf. Auch der von Rheinmetall produzierte Lynx KF41 unterlag im vergangenen Jahr ebenfalls gegen koreanische AS-21 Redback-Modelle in einer Ausschreibung der australischen Armee für neue Schützenpanzer. Ausschlaggebend seien die ohnehin engen Handelsbeziehungen zwischen Australien und Südkorea gewesen sowie die Möglichkeit der Produktion in Australien selbst: Rüstungspolitik ist Wirtschaftspolitik, ist Arbeitsmarktpolitik, ist Innenpolitik.
Mit 18 europäischen Nutzerländern sei der Leopard 2 der Standard-Kampfpanzer des europäischen Kontinents sowie der Nato – „es ist wichtiger denn je, diesen Standard zu sichern, der einen wesentlichen Beitrag zur Interoperabilität und gemeinsamen Kampfkraft der europäischen und Nato-Armeen leistet“, sagte der KNDS-Geschäftsführer Mitte des Jahres zum geplatzten Leopard-Handel mit Italien laut dem Magazin Defense News.
Renationalisierung statt Europäisierung: Trotz der Bedrohung durch Wladimir Putin kaum Einigkeit
Von einer rüstungspolitischen Union beziehungsweise sogar von einer einheitlichen Armee ganz weit entfernt, erscheint Europa aktuell dem Politikwissenschaftler Hans Kundnani: „Trotz des Hypes um ein ‚geopolitisches Europa‘ bleibt die Rolle der EU in Sachen Verteidigung hauptsächlich eine wirtschaftliche, sei es durch die Koordinierung von Sanktionen oder durch die Förderung der Rüstungsindustrie in den EU-Mitgliedstaaten“, schreibt er für den Thinktank Friedrich-Ebert-Stiftung.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Dabei ist die Idee einer europäischen Armee prinzipiell uralt: Für ein „neues Konzept“ der europäischen konventionellen Streitkräfte hatte schon Helmut Schmidt (SPD) während seiner Zeit als Bundeskanzler geworben, „etwa durch Bereitstellung ausreichender konventioneller Streitkräfte und mittels Integration von deutschen, französischen und Benelux-Truppen unter gemeinsamem französischen Oberbefehl“, wie er in seinem Buch „Menschen und Mächte“ 1987 angeregt hatte.
Eine europäische Armee sei doch nur möglich, wenn alle EU-Staaten in ihrer Verfassung verankerten, dass ein europäischer Verteidigungsminister sie in den Krieg schicken könne, hatte Armin Papperger dem Tagesspiegel Anfang des Jahres diese Vision gerade gerückt. „Das ist ein schöner Traum, mehr nicht. Aktuell läuft es bei der Rüstung sogar in die andere Richtung: Renationalisierung statt Europäisierung.“