Auf allen Kontinenten zuhause: Der Bradley Schützenpanzer aus den USA hat im Nahen Osten genau so Dienst getan wie jetzt in der Ukraine – er ist so wertvoll, dass ihn die Russen erbauten, umbauen und gegen die Ukraine wieder an die Front schicken (Archivfoto).
Ohne Beute-Waffen wäre der Ukraine-Krieg längst Geschichte. Russland zeigt stolz einen erbeuteten Bradley-Schützenpanzer – und redet den noch schlecht.
Moskau – „Einige Experten, darunter auch unsere, loben den Bradley. Meiner Meinung nach ist das ungerechtfertigte Begeisterung“, schreibt Sergej Tschemesow. Auf der Website des russischen staatlichen Rüstungskonzerns Rostec hat der Geschäftsführer den US-amerikanischen Schützenpanzer kleingeredet. Nichtsdestotrotz haben Wladimir Putins Invasionstruppen jetzt einen erbeuteten Bradley der Armee der Ukraine umgebaut – und ihn stolz im Netz präsentiert, wie das Magazin The War Zone (TWZ) berichtet.
Ein „faszinierendes Foto“ eines von Russland erbeuteten Schützenpanzers M2 Bradley sei aufgetaucht, schreibt TWZ-Autor Thomas Newdick. Auf Bilder in Sozialen Netzwerken ist der Bradley-Schützenpanzer zu sehen mit einer russischen 30-mm-Kanone anstelle der ursprünglichen Bushmaster M242 25-mm-Maschinenkanone. Ob die Installation für den operativen Einsatz angebracht worden ist oder die Russen sie zunächst testen wollen oder einfach nur angeben, ist fraglich. Das Prunkstück aus den USA ist ein gefürchteter Gegner, seit eine Schützenpanzer-Besatzung 2023 einen russischen Kampfpanzer ausgeschaltet hatte. Deshalb wird jeder Beute-Bradley von den Invasoren wie eine Trophäe gehandelt.
West-Panzer im Ukraine-Krieg: Das Auftauchen „habe in Russland einen ,ethischen Schock‘ ausgelöst“
Wie der US-Nachrichtensender CNN Anfang 2024 berichtet hat, war der russische Präsident Wladimir Putin über das Auftauchen westlicher Waffen im Ukraine-Krieg erbost und hat da schon mit Vergeltung gegen den Westen geliebäugelt: „Das Auftauchen deutscher Panzer in der Ukraine habe in Russland einen ,ethischen Schock‘ ausgelöst, wo die Haltung gegenüber Deutschland zuvor ,sehr gut‘ gewesen sei“, wie Putin laut den CNN-Autoren Radina Gigova und James Legge gesagt haben soll. „Wenn sie jetzt sagen, dass weitere Raketen auftauchen werden, die Ziele auf russischem Territorium treffen werden, zerstört das natürlich letztlich die russisch-deutschen Beziehungen“, habe er hinzugefügt, wie CNN berichtete.
„Dass die Ukraine – ein Land mit einem Drittel der Bevölkerungsgröße Russlands – erbeutete Ausrüstung einsetzt, ist verständlich und einfallsreich. Dass Russland (zweite Armee) die erbeutete ukrainische Ausrüstung komplett einsetzen muss, ist … sehr bezeichnend.“
Vorausgegangen war ein Video auf X, in dem zu sehen war, wie Putins Prestige-Panzer T-90 von einer gut ausgebildeten und reaktionsschnellen Bradley-Besatzung neutralisiert worden war. Der Bradley genießt aber auch in der US-Armee Kult-Status – oder wie das Magazin Forbes schreibt: „Das in den USA hergestellte Infanterie-Kampffahrzeug M-2 Bradley ist kein Panzer. Es ist ein Kampftaxi für die Infanterie.“
„Nicht alle Schützenpanzer- und Panzerbesatzungen waren bereit, sich einem Bradley zu stellen, da dieser eine ernsthafte Bedrohung für sie darstellte“, schrieb das Magazin Militarnyi im Januar 2024 – seit jetzt drei Jahren verstärkt der amerikanische Schützenpanzer im Ukraine-Krieg die Verteidigung gegen die Invasionstruppen Wladimir Putins. Normalerweise wird er wie jede westliche Waffe filetiert und ausspioniert, wenn er in feindliche Hände gerät. Beide Seiten machen sich die Technik der jeweiligen Seite zunutze so gut sie können. Moskau liegt im Rennen um die Analyse von auf dem Schlachtfeld erbeuteter Ausrüstung vorn, hatte bereits Mitte 2023 Intelligence Online gemutmaßt Allerdings spionierten die westlichen Mächte ebenso – „im industriellen Ausmaß“, wie das Magazin schreibt.
Ass im Ärmel der Ukraine: Ein fahrbereiter Bradley ist Gold wert
Davon abgesehen ist Russland sehr viel stärker auf westliche Technologie angewiesen als umgekehrt. Bereits vor dem Ukraine-Krieg war Russland knapp an modernen Halbleitern, Elektronikkomponenten und Werkzeugmaschinen. Die westlichen Sanktionen und der horrende Verbrauch des Aggressor-Staates in diesem Waffengang kommen erschwerend dazu. Darüber hinaus ist Russland immer knapper an Fahrzeugen. Ein fahrbereiter Bradley ist Gold wert, auch wenn möglicherweise nur sehr wenige Einheiten von den Fahrzeugen profitieren und sie zudem von einer unterstützenden Logistikkette abgeschnitten seien, also weder Munition noch Ersatzteile bekommen könnten.
„Ja, er hat einige Vorteile in Bezug auf Schutz und Komfort im Truppenabteil. Aber das hindert unsere Waffen nicht daran, das Fahrzeug samt Besatzung und Passagieren zu zerstören“, sagt Rostec-Geschäftsführer Sergej Tschemesow. Laut der Statistik-Website Oryx hat die Ukraine 177 M2A2 Bradley ODS-SA verloren – die meisten davon sind zerstört, andere zumindest verlassen und möglicherweise wieder reparabel – eventuell sogar durch den Feind. Die Schmähungen durch den russischen Industriellen können dem US-Schützenpanzer wenig anhaben; im Gegenteil wertet ihn der Neid des Russen auf, denn TWZ-Autor Newdick verweist darauf, dass Tschemesow seine Produkte verkaufen will oder sich über die minderwertige Qualität gegenüber dem Bradley rechtfertigen muss.
The War Zone weist hin auf „zahlreiche dokumentierte Fälle, in denen ukrainische Bradleys mehrere direkte Treffer überstanden und den Auswirkungen von Drohnenangriffen oder Minen standhielten. Die Tatsache, dass Russland sogar in der Lage ist, beschädigte Fahrzeuge zu erbeuten und wieder einsatzbereit zu machen, spricht ebenfalls für ihre Robustheit“, wie Newdick schreibt. Als Prunkstück am Bradley gilt die Bushmaster M242 25-mm-Maschinenkanone mit der Möglichkeit, zwei Arten von Munition zu verschießen: gegen leichter und schwerer gepanzerte Fahrzeuge. Auf den aktuellen Bildern trägt der Bradley vermutlich die 30-mm-Kanone vom Typ 2A72, das als Hauptgeschütz des gepanzerten Rad-Personentransporters BTR-82 bekannt sei, so TWZ.
Beide Seiten brauchen Beute: „Russland liefert der Ukraine leicht gebrauchte Panzer“
„Die Feuerrate der 2A72 beträgt 330 Schuss pro Minute und ermöglicht so eine effektive Reichweite von fast einer Meile gegen gepanzerte Fahrzeuge. Dies ist eine deutlich höhere Feuerrate als die bereits beeindruckenden 200 Schuss pro Minute der Bushmaster“, schreibt Autor Newdick. Damit könnte der Bradley demnächst gegen die ukrainischen Verteidiger anrollen. Beutewaffen und Beutepanzer spielen in Kriegen eine entscheidende Rolle.
Beutemachen ist rechtmäßig
„Die Beschlagnahme feindlicher Waffen gilt im Krieg seit langem als rechtmäßig. Erbeutete Waffen gelten als Kriegsbeute, und nach altem Brauch geht das Eigentum an diesen Waffen auf den Staat über, der sie erbeutet.“
Quelle: US-Verteidigungsministerium, Handbuch zum Kriegsrecht , § 5.17.3.2, zitiert von US-Oberstleutnant Ronald Alcala
„Russland liefert der Ukraine leicht gebrauchte Panzer“, hat Jack Detsch, Ende des ersten Jahres des Ukraine-Krieges getitelt. Wie er aufgrund von Aussagen ukrainischer Offizieller im Magazin Foreign Policy schrieb, hätten die Verteidiger die überstürzte Invasion dazu genutzt, im Raum Charkiw mehr als 200 russische Fahrzeuge kampffähig erbeutet zu haben und diese wieder „gegen das schwächelnde russische Militär“ einzusetzen.
🇷🇺Some wondered how can Russians use the Bradley if they don't have ammo for it. Well, that's how:
"Russian repairmen installed a domestic 30mm 2A72 cannon on a captured Bradley instead of the chain-driven Bushmaster." pic.twitter.com/m4SZhfVKQe
Bereits im Zweiten Weltkrieg spielte Beutewaffen eine entscheidende Rolle. Die deutsche Wehrmacht habe zwischen 1939 und 1943 beispielsweise mehr als 30.000 Geschütze erbeutet; und bis 1941 selbst nur 18.000 eigene Feldgeschütze besessen, erzählt der unter dem Namen „Bacuffz“ bloggende Soldat Sascha Ulderup in seinem YouTube-Beitrag „Feuer und Stahl – die Wahrheit über Hitlers Feldartillerie“.
Selenskyj gegen Putin: Das Duell David gegen Goliath läuft mittlerweile im vierten Jahr
Die enorme Bedeutung von erbeuteten Waffen im Zweiten Weltkrieg erläutert auch Ronald Alcala in einem Aufsatz im Rahmen der Articles of War für das Lieber-Institute der US-Kadettenanstalt West Point: „Im Kampf setzten einzelne Soldaten notgedrungen häufig auch erbeutete feindliche Waffen ein. Angesichts dieser Realität produzierte das US-Kriegsministerium zur Vorbereitung auf die Landung in der Normandie einen Lehrfilm, der Soldaten den Umgang mit erbeuteten deutschen Kleinwaffen und deren Wartung erklärt“, wie der Oberstleutnant der US-Armee und Professor für Rechtswissenschaften erläutert.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Ob die Beschlagnahme rechtskonform anzusehen ist, wird von den Kommentatoren des War Zone-Artikels eher zweitrangig behandelt. Das Duell David gegen Goliath läuft mittlerweile im vierten Jahr, ohne dass ein Ende absehbar ist. TWZ-Leser-Kommentator „Unspecified Ghost“ („Unbekannter Geist“) bringt auf den Punkt, was der US-Panzer in russischen Diensten bedeutet:„Dass die Ukraine – ein Land mit einem Drittel der Bevölkerungsgröße Russlands – erbeutete Ausrüstung einsetzt, ist verständlich und einfallsreich. Dass Russland (zweite Armee) die erbeutete ukrainische Ausrüstung komplett einsetzen muss, ist … sehr bezeichnend.“ (KaHin)