Neue Mobilisierungswelle in Putins Russland? Ukraine schürt Spekulationen
VonTadhg Nagel
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In Russland könnte eine zweite Mobilisierungswelle anstehen. Das berichtet zumindest ein offizieller Berater des ukrainischen Innenministeriums.
Moskau - Schon seit längerem wird vermutet, dass Russland eine zweite Mobilisierung für den Ukraine-Krieg in die Wege leiten könnte, auch wenn die russische Regierung das Gegenteil behauptet. Im April hatte die Duma eine Novelle des Einberufungsgesetzes verabschiedet. Diese erlaubt es, elektronische Einberufungsbescheide an die Bürger zu verschicken.
Außerdem wurde kürzlich die Altersgrenze für die Einberufung erhöht. Nach ukrainischen Angaben könnte eine weitere Gesetzesänderung der Hinweis darauf sein, dass es im Oktober eine neue Mobilisierungswelle geben wird. Zumindest berichtet das der Ukrainer Anton Gerashchenko unter Berufung auf russische Telegram-Kanäle.
Gerashchenko ist ein offizieller Berater des ukrainischen Innenministeriums. Er war zuvor stellvertretender Minister im selben Ministerium sowie Mitglied des ukrainischen Parlaments. Außerdem hat er den Thinktank „Ukrainian Institute of the Future“ gegründet, der nach eigenen Angaben Veränderungen in der Ukraine vorhersagt und mögliche Szenarien entwickelt. In einem Twitter-Post vom 23. Juli prognostiziert der selbsternannte „ukrainische Patriot“, dass es eine neue Welle der Teilmobilisierung in Russland geben könnte.
Wer einberufen wird, muss antreten: Geldstrafen für ein Fernbleiben um das Hundertfache erhöht
Seit diesem Monat gebe es ein Gesetz, das die Geldstrafen für ein Fernbleiben um das Hundertfache erhöhe, habe der russische Militärblogger Wladimir Romanow berichtet. „Die Tatsache, dass es im Herbst eine zweite Mobilisierungswelle geben wird, ist offensichtlich“, soll Romanow geschrieben haben. Seit der letzten Mobilmachung sei ein Jahr vergangen, man habe also genug Zeit gehabt, um „aus den Fehlern anderer zu lernen“.
Besonders viel Vertrauen in die russische Militärindustrie scheint der Blogger allerdings nicht zu haben. Er habe seine Landsleute aufgefordert, sich nicht auf diese zu verlassen. Stattdessen habe er den Russen empfohlen einzukaufen, was sie dann bräuchten: Uniformen, Schutzwesten, Ausrüstung, Nachtsichtgeräte und Schuhe.
Russischer Militärblogger gibt Tipps: Körper in Form bringen und Zähne in Schuss halten
Auf dem Telegram-Kanal „Two Majors“ sei dem beigepflichtet worden. Hier habe man den Russen dazu geraten, in guter körperlicher Verfassung zu sein, einen Erste-Hilfe-Kasten zu haben und zum Zahnarzt zu gehen. Außerdem solle man sich ausreichend dehnen, „damit die Wirbelsäule nicht in die Hose fällt“, wenn man von einem LKW springen müsse.
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Zudem soll der Kanal darauf hingewiesen haben, dass die Verschärfung der Sanktionen für Verstöße gegen die militärische Registrierung und die Anhebung der Altersgrenze für den Militärdienst aus einem bestimmten Grund geschehen sei. „Die maximale Stärke der Armee wird erhöht, neue, vollblütige Divisionen werden gebildet“, soll bei „Two Majors“ zu lesen gewesen sein. Russische Männer, die ihren Dienst ohne weitere Verpflichtung abgeschlossen haben, können seit der Novelle bis zum Alter von 40, 50 oder 55 Jahren einberufen werden. Reservisten können sogar noch länger einberufen werden, in den höchsten Rängen bis zum Alter von 70 Jahren.
Tot oder entlassen: Russlands gehen die Generäle für den Ukraine-Krieg aus
Die Militärs fordern vom Generalstab laut Gerashchenko nachdrücklich die Rotation und den Ersatz der Gefallenen und Verwundeten. Zuvor habe Generalmajor Iwan Popow im Juli einen Bericht über die Notwendigkeit der Rotation vorgelegt. Inzwischen wurde Popow, der Kommandant der 58. Armee Russlands war, für seine Kritik gefeuert. Popow war nicht die einzige Führungskraft, die in letzter Zeit ihren Hut nehmen musste. Auch Generalmajor Wladimir Seliverstow, ein russischer Fallschirmjägerkommandeur, wurde von seinem Posten als Chef der 106. Garde-Luftlandedivision abberufen. Durch das Lichten der eigenen Reihen, sowie die Verluste durch Kämpfe, gehen Wladimir Putin damit langsam die Generäle aus.
Die Anhebung der Einberufungsgrenze für Reservisten könnte ein Versuch sein, diese Lücken zu schließen. Die Telegram-Kanäle, die der ukrainische Berater zitiert, scheinen sich der Sache jedenfalls recht sicher zu sein. In der Vergangenheit hätten die russischen Behörden zwar wiederholt erklärt, dass es keine neue Mobilisierungswelle geben würde, so Gerashchenko. Das müsse aber nichts heißen. Schließlich hätten sie das Gleiche über die Mobilisierung in Russland im Allgemeinen gesagt, doch auch diese sei dann geschehen. (Tadhg Nagel)