„Ihre Ausrüstung“

Unfreiwillige Waffenlieferungen aus Russland: Ukraine erbeutet Panzer, Haubitzen und Munition

+
Ein russischer Soldat einer Artillerieeinheit vor einer gezogenen Haubitze des Typs 2A65 Msta-B im Februar 2023 an einem unbestimmten Ort im Ukraine-Krieg (Symbolbild).
  • schließen

Die Ukraine schlägt Russland teilweise buchstäblich mit seinen eigenen Waffen – denn Kiews Truppen gelingt es immer wieder, russische Munition oder Artillerie zu erbeuten.

Kiew – Seit Beginn des Ukraine-Kriegs konnten die Truppen Kiews immer wieder auch Waffen von Russland einkassieren. 800 Artilleriesysteme oder Fahrzeuge sollen es einem Bericht der Deutschen Welle zufolge mittlerweile sein, darunter allein 300 Panzer. Die Ausbeute reicht von schwerem Gerät wie modernisierten T-72-Panzer und Haubitzen des Typs 2A65 „Msta-B“ bis hin zu Granaten und Maschinengewehren. Alles lässt sich irgendwie gebrauchen, denn entweder kann die Ukraine das Gefundene reparieren, umfunktionieren oder untersuchen – und so wichtige Informationen gewinnen.

Ukraine erbeutet Waffen von Russland: Unfreiwillige „Waffenlieferungen“ bedeuten Informationsgewinn

Sogar nordkoreanische Waffen, die für Russland bestimmt waren, fielen der Ukraine schon in die Hände. „Wir erbeuten ihre Panzer, wir erbeuten ihre Ausrüstung, und es ist gut möglich, dass dies auch das Ergebnis einer erfolgreichen Militäroperation der ukrainischen Armee ist“, sagte Jurij Sak, ein Berater des ukrainischen Verteidigungsministers, über die erbeuteten nordkoreanischen Raketenwerfer aus Sowjetzeiten.

„Russland konkurriert mit westlichen Ländern, die Waffen an die Ukraine liefern“, scherzte Oberst Oleksandr Saruba vom Zentrum zur Untersuchung erbeuteter Waffen des Generalstabs der Ukraine im Gespräch mit der Deutschen Welle über die unfreiwilligen „Waffenlieferungen“ Moskaus. Auch das Mehrfachraketenwerfer-System „Grad“ oder sogar ein moderner T-72 B3M zählen zur Beute.

Ukraine erbeutet Waffen von Russland: Tausende Maschinengewehre und Granaten

Kleinere Waffen wie etwa Maschinengewehre oder Granaten kassierten ukrainische Truppen laut dem Bericht offenbar bereits zu Tausenden ein. Teilweise lag das am mancherorts fluchtartigen Rückzug russischer Truppen während der ukrainischen Offensive im vergangenen Jahr. Je schneller Kiews Truppen vorankommen, desto höher also die Wahrscheinlichkeit, die Waffen nur mit kleinen Schäden vorzufinden. Selbst wenn die Waffe selbst sich nicht mehr einsetzen lässt, ist sie dennoch ein Informationsgewinn. Aus der Untersuchung der Technologie lasse sich etwa schließen, wie sich die Waffe abwehren lässt und eine militärische Taktik entwickeln.

Ebenso lässt sich herausfinden, woher Russland seine High-Tech-Teile bezieht. Das kann für künftige Sanktionen - und Moskaus Tricks sie zu umgehen - eine Rolle spielen. Sogar neue Systeme habe man erbeutet, etwa den russischen Aufklärungscomputer „Strelez“ (auch: Strelets), so Oberst Saruba zur Deutschen Welle. Dieses System, das Soldaten an der Weste tragen, erhöht die Geschwindigkeit der Übertragung von Aufklärungsdaten. Laut russischen Angaben sollen sich damit 40 Prozent der Ziele an der Kontaktlinie aufspüren lassen. Aus technologischer Sicht sei das ein „interessanter Fund“, so Saruba.

Ukraine setzt erbeutete Waffen erfolgreich gegen Russland ein

Findet die Ukraine eine Waffe, die verwendbar ist, werde sie bei der Militäreinheit registriert und zum Einsatz auf dem Schlachtfeld freigegeben, erklärte Oberst Saruba der Deutschen Welle. Im März hatte die ukrainische Armee beispielsweise russische Uragan-Raketen intakt erbeutet und erfolgreich gegen Russlands Truppen eingesetzt.

Falls die Soldaten nicht mit dem Umgang einer Waffe vertraut wären, würden sie entsprechend geschult, erklärte der Militär weiter. Sollte die Waffe nicht verwendbar sein, werde sie erst noch repariert. Doch auch „Recycling“ ist offenbar eine Option. Die Washington Post hatte etwa berichtet, dass nicht explodierte Munition von ukrainischen Truppen eingesammelt und verwendet werde, um neue Geschosse herzustellen – teilweise entstehen die Bomben laut The Economist im 3D-Drucker.

Recycling kaputter Waffen oder Munition aus Russland: Experten sehen auch Einschränkungen

Aus Expertensicht gibt es aber auch Einschränkungen hinsichtlich der Wirksamkeit der gefundenen Waffen und Panzer. Die Ukrainer hätten nicht immer die nötigen Ersatzteile für eine Reparatur, glaubt etwa Michael Kofman, Spezialist für das russische Militär beim Expertenforum Carnegie Endowment. „Auf dem Papier mag man viele Fahrzeuge erbeuten, aber man hat weder die Motoren noch die Getriebe noch die Teile, um sie am Laufen zu halten.“

Im Gegenzug gelingt es auch Russland immer wieder, der Waffen der Ukraine habhaft zu werden. Das russische Militär präsentiert stolz in sozialen Netzwerken erbeutete schwere Waffen westlicher Verbündeter. Im Juli gelang es Moskaus Truppen beispielsweise, den modernen Marschflugkörper Storm Shadow aus britischer Produktion in ihren Besitz zu bekommen, wie staatliche russische Medien berichteten. Die Waffe sei zur näheren Untersuchung nach Moskau geliefert worden, hieß es.

Kommentare