VonAlexandra Heidsiekschließen
Mit Alexej Nawalnys Tod hat Russlands Opposition ihren Vorkämpfer verloren. Nun will Witwe Julia in seine Fußstapfen treten. Kann das funktionieren?
München – Die Tochter des ermordeten Kremlkritikers Boris Nemzow, Dschanna Nemzowa, befürchtet ein Ende der russischen Opposition. „Wir stehen alle auf der Roten Liste, sind eine Spezies kurz vorm Aussterben“, sagte die Journalistin und Demokratie-Aktivistin im Interview mit dem amerikanischen Magazin Newsweek auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Das Dissident:innentum sei zu gefährlich für die meisten. Wenige Tage zuvor war Alexej Nawalny, Präsident Putins größte Nemesis, unter ungeklärten Umständen in einer Strafkolonie nördlich des Polarkreises verstorben.
Nawalnaja fordert: Müssen für ein freies Russland kämpfen
Julia Nawalnaja, Wirtschaftswissenschaftlerin und Ehefrau Nawalnys, scheint das anders zu sehen. In einer Videoansprache auf Nawalnys Kanälen in den sozialen Medien wandte sie sich am Montag (19. Februar) mit flammenden Worten an ihr Publikum. „Ich werde Alexej Nawalnys Aufgabe fortführen“, sagte sie dort. Man müsse „gegen den Krieg kämpfen, gegen die Korruption, gegen die Ungerechtigkeit. Für faire Wahlen und Redefreiheit.“ Für „ein Russland – ein freies, friedliches, glückliches – wunderbares Russland der Zukunft, von dem mein Mann so sehr geträumt hat. Das ist das, was wir brauchen“. Aber ist Nawalnaja ein möglicher Ersatz für ihren Mann? Kann sie an seiner Stelle die neue Leuchtfigur der Dissident:innen werden?
Tatsächlich übernehmen Frauen in Russland aktuell einen Großteil der Protestarbeit. Laut Daten der Menschenrechtsorganisation OVD-Info waren 2022 fast die Hälfte derer, die auf Antikriegsdemonstrationen festgenommen wurden, Frauen. Sie organisieren sich in Gruppen, um konspirative Zeitungen zu verteilen, malen Plakate, vertauschen Preisschilder im Supermarkt. Nicht zuletzt drängt sich der Vergleich mit Swetlana Tichanowskaja auf, die 2020 bei den Präsidentschaftswahlen in Belarus soviel Unterstützung generieren konnte, dass sie vor Lukaschenkos Rache ins Ausland fliehen musste.
Nach Nawalnys Tod braucht Russlands Opposition einen gemeinsamen Nenner
Aber das Belarus des Jahres 2020 ist nicht Russland. Die russischen Kremlkritikerinnen und -kritiker sind zu zersplittert, um von einer echten Opposition zu sprechen. Auch Nawalny konnte sie nicht einen: Mit seinem Nationalismus stieß er viele Linke ab, anderen ging seine populistische Rhetorik nicht weit genug.
Zudem fehlten ihm sowohl die Strukturen als auch die politischen Ressourcen für einen richtigen Machtkampf, sagte der Politikwissenschaftler Dmitri Oreschkin im Gespräch mit dem unabhängigen Portal Nowaja Gazeta Europe. Im Gefängnis diente Nawalny dennoch vielen als Hoffnungssymbol. Der Journalist Ilja Azar schrieb dazu auf seinem Telegram-Kanal: „Es ist, als ob in mir, solange Nawalny noch am Leben war [...] ein irrationaler Glaube gelebt hätte. Doch jetzt ist es vorbei, es bleibt nur noch Verzweiflung.“
Nawalnaja nannte der Politologe Fjodor Krascheninnikow in der Nowaja Gazeta Europe eine „spannende und kraftvolle Person“. Dennoch zeigt er sich unschlüssig, ob sie die Dissidentinnen und Dissidenten Russlands zusammenführen kann. Wer sich vorher nicht mit den Ideen von Nawalnys Mitstreiter:innen aus seiner Stiftung zur Bekämpfung der Korruption anfreunden konnte, kann sich vielleicht besser mit Nawalnaja identifizieren, erklärte der Wissenschaftler. Dafür müsste sie aber von den führenden kremlkritischen Köpfen als neue Stimme der Opposition anerkannt werden.
Nawalnajas Beliebtheit in Russland noch ungewiss
Dies sieht auch die russische Politikanalystin Tatjana Stanowaja als Problem. Nawalnaja habe vielleicht internationale Anerkennung. Doch ein Mangel an Unterstützung innerhalb Russlands könne ihrer Effektivität schaden. Wie beliebt sie bei russischen Kremlgegner:innen sein wird, werde auch davon abhängen, dass sie ihren eigenen politischen Stil entwickele und ein professionelles Team zusammenstelle, so Stanowaja.
Vom 15. bis 17. März finden in Russland Präsidentschaftswahlen statt. Nawalnys Team hatte dafür zum Protest aufgerufen. Unter der Losung „Mittag gegen Putin“ sollen alle, die mit einer weiteren Amtszeit Putins nicht einverstanden sind, gleichzeitig zur Wahlurne gehen – am 17. März um 12.00 Uhr. Julia Nawalnaja hat derweil in einer Rede die Außenminister:innen der EU darum gebeten, die Wahlen nicht anzuerkennen: „Putin will, dass die ganze Welt glaubt, dass alle in Russland ihn unterstützen und ihn bewundern. Glauben Sie nicht der Propaganda“. (ah)
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