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Großrazzien und Verfolgung: Glaubensträger der ukrainisch-orthodoxen Kirche werfen der Ukraine vor, vom Staat unterdrückt zu werden. Mit welchen Folgen?
Hamburg – Der Ukraine-Krieg wütet auch 2023. Dabei rückt auch die Rolle der Kirche im Zusammenhang mit dem Konflikt in den Vordergrund. Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht die Verbindungen der orthodoxen Kirchen in der Ukraine zu Russland als Gefahr für die Sicherheit des Landes. Indes wächst die gesellschaftliche Spannung zwischen der Ukrainischen Orthodoxe Kirche (UOK), die sich am Vorbild der russischen Kirche orientiert, und der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU).
Razzien in Kirchen: Ukraine unterdrückt Glaubensträger der mit russisch-orthodox verbundenen Kirche
Christen der UOK werfen der ukrainischen Führung Verfolgung in Form von Razzien durch den Geheimdienst SBU vor. Das berichtet das Handelsblatt. Seit Anfang Dezember 2022 versuche der ukrainische Staat die UOK unter Druck zu setzen, bestätigt auch Dr. Sebastian Rimestad, Religionswissenschaftler an der Universität Leipzig, gegenüber IPPEN.MEDIA. „Da sich die Ukraine noch in einer Kriegssituation befindet, laufen die Gemüter hoch auf beiden Seiten und eine Unterdrückung der UOK ist gefundenes Fressen für die russische Propagandamaschine, die das weiter ausschlachten wird“, so Rimestad.
Die Ukraine habe bislang direkte polizeiliche Ermittlungen eingeleitet, die durch mehreren Großrazzien in Kirchen, Klöstern und Pfarrbüros veranlasst wurden. Ziel der Ermittlungen sei es, so Rimestad, der UOK „den Stempel der Russität“ aufzudrücken. Viele Stimmen in der ukrainischen Öffentlichkeit hätten die UOK immer noch als „Untertan“ der russischen Kirche gesehen, obwohl sie dies bestreitet. Es bleibe abzuwarten, ob die Ukraine weitere Maßnahmen ergreifen werde und ob auch ein Verbot der UOK infrage käme. Das ukrainische Rechtssystem zumindest erlaube kein Verbot der UOK, anders als Russland. „In Russland hätte man vermutlich auch ohne Rechtsgrundlage ein pauschales Verbot durchgesetzt“, so Rimestad gegenüber IPPEN.MEDIA.
Ukrainischen Orthodoxen Kirche wird starke Verbindung zu Russland zugesprochen
Wie stehen die beiden Kirchen zum Ukraine-Krieg? Beide ukrainische Kirchen haben den Krieg scharf verurteilt. Die OKU hat laut Rimestad keine direkte Verbindung nach Russland und konnte in ihrem Standpunkt mehr überzeugen. Die UOK verurteile zwar auch den Krieg, doch viele nationalistische Stimmen in der ukrainischen Öffentlichkeit sähen die UOK immer noch als „Untertan“ der russischen Kirche, sagte Rimestad.
Hingegen haben die russisch-orthodoxe Kirche und Moskauer Patriarch Kyrill den Ukraine-Krieg legitimiert. Auch wenn es paradox klingt, rechtfertigt die russisch-orthodoxe Kirche den Krieg. Die russisch-orthodoxe Kirche hat dabei auf die implizite Unterstützung der UOK gehofft, die sie aber nicht erhalten wird, so Rimestad.
Wie sich die Orientierungen der Ukrainischen Orthodoxe Kirche und der Orthodoxen Kirche der Ukraine unterscheiden
Zum Hintergrund: Die zwei sich gegenüberstehenden orthodoxen Kirchen in der Ukraine verstehen sich beide als „ukrainische“ Kirche. Die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK) unterstand bis Mai 2022 dem Moskauer Patriarchat und war im Grunde ein Teil der Russischen Orthodoxen Kirche. Die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) wurde 2019 gegründet, als Zusammenschluss zweier nicht anerkannten Kirchenstrukturen.
Inhaltlich sind die Kirchen laut Rimestad gleich. Unterschiede würden die UOK und die OKU in ihren kirchenpolitischen Orientierungen aufweisen. Die OKU tendiert mehr zur ukrainischen Sprache, während die UOK eher beim Altkirchenslawischen bleibt. Zudem orientiere sich die UOK an das Vorbild der russischen Kirche, während die OKU eher an die griechische Kirche angelehnt sei.
