Lediglich ein „Parade-Beispiel“? Fachjournalisten halten einen bodengestützten Killer-Roboter wie den Uran-9 aktuell eher rein für Propaganda-Zwecke tauglich. (Archivfoto)
In Hollywood kämpfen Maschinen gegen Menschen – in der Ukraine kämpfen sie aktuell gegen sich selbst. Aber mit jedem Tag wird der „Terminator“ realer.
Awdijiwka – „Nächster Schritt: Killer-Roboter“, schreibt Sebastian Gierke. Der Autor der Süddeutschen Zeitung bezieht sich auf eine Äußerung von Mychajlo Fedorow, dem ukrainischen Minister für digitale Entwicklung. Der hatte gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press geäußert, dass Killer-Roboter der „logische und unvermeidliche nächste Schritt“ sind. Die Ukraine habe „in diese Richtung sehr viel Forschung und Entwicklung“ betrieben. Das war, als der Ukraine-Krieg schon ein Jahr getobt hatte. Auch die Russen waren in dieser Hinsicht fleißig. Jetzt berichtet Newsweek von den ersten handfesten Ergebnissen: Der Krieg der Terminatoren läuft – wenn auch auf kleiner Flamme. Noch.
Demnach scheint neues Filmmaterial auf einem ukrainischen Telegram-Kanal zu belegen, dass mit Sprengstoff bestückte ukrainische Drohnen russische Kampfroboter in der Nähe der inzwischen von Moskau kontrollierten Stadt Awdijiwka abgeschossen haben – möglicherweise ein neues Kapitel des Kampfes UAV gegen UGV: unbemannte Vehikel in der Luft (Aerial) kämpfen gegen unbemannte Vehikel am Boden (Ground). Russische Streitkräfte hätten damit begonnen, bodengestützte Roboter mit automatischen Granatwerfern im Kampf in der Ukraine einzusetzen, habe Kiews 47. Mechanisierte Brigade in Sozialen Medien kolportiert, schreibt Newsweek.
„Der Fortschritt der Drohnen in der Ukraine könnte die Entstehung von Killerrobotern bewirken“, hat Associated Press vor einem Jahr gemutmaßt. Wahrscheinlich war der Konjunktiv bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der AP-Meldung überholt. US-General und politischer Analyst John Allen spricht bereits davon, dass „der Hyperkrieg kommen wird“. In einem Interview mit dem Italian Institute for International Political Studies (ISPI) sagte er, dieser werde „ein Krieg mit einer Geschwindigkeit sein, die wir Menschen uns nicht mehr vorstellen können“.
Hyperkrieg: Der nächste Entwicklungsschritt sind Drohnenschwärme über den Schlachtfeldern
„Bisher handelt es sich um Einzelfälle, in denen die Russen eine solche Technik anwenden“, fügte die Brigade laut Newsweek hinzu. Allerdings seien sich Experten einig, der nächste Entwicklungsschritt seien Drohnenschwärme über den Schlachtfeldern – die Ukraine hat hinlänglich bewiesen, dass diese auch kostengünstig produziert werden können. Der automatisierte Krieg am Boden wird folgen – für den hat die Ukraine 2017 den als RSVK-M2 bezeichneten Kampfroboter des in Kiew ansässigen Ingenieurteams von Robotics Design Bureau vorgestellt, das rund zwei Meter lange Fahrzeug kann ein schweres Maschinengewehr tragen beziehungsweise künftig auch Granatwerfer oder Panzerabwehrwaffen.
Bereits 2017 sollen laut Herstellerangaben erfolgreiche Tests im Donbass unter gefechtsähnlichen Bedingungen stattgefunden haben. Neben einem mittleren und einem schweren Maschinengewehr gibt Robotics Design an, dass auch die Integration einer Granatmaschinenwaffe und einem nicht näher benannten Panzerabwehrlenkflugkörper erfolgt sei – darüber haben sowohl Army Recognition als auch Soldat & Technik berichtet – allerdings: Sieben Jahre nach Vorstellung des Fahrzeugs und nach vermeintlich erfolgreichen Erprobungen fehlen belastbare Beweise für die Einsatzreife unter realen Gefechtsbedingungen. Auch der Phantom-2 ist den Ausweis seiner Reife noch schuldig. Das gilt mehr oder weniger genau so für die russische Seite.
„Das Kernproblem ist, dass wir als Menschen die Verantwortung für Entscheidungen, die Leben und Tod betreffen, immer stärker abgeben.“
Wladimir Putins prominentester Vertreter ist sicherlich der Uran-9-Roboter – der taugt zumindest dafür, auf Paraden Eindruck zu schinden; allerdings hat er seine Feuertaufe längst hinter sich, wie Soldat & Technik schreibt: „Das vergleichsweise stark bewaffnete unbemannte Bodenfahrzeug erlebte sein Debut auf dem Gefechtsfeld in Syrien und enttäuschte seine Nutzer auf vielfältige Weise. Neben mechanischen Problemen an Fahrwerk und Waffenanlage bestand die größte Schwachstelle in der schlechten Datenverbindung sowie der Sensorik.“ Eingedenk der Tatsache, dass beide Kriegsparteien ihre militärische Robotik weiterentwickeln, bleiben Beobachter skeptisch – auch nach mittlerweile zwei Jahren Krieg. Immerhin hatte Russlands Propaganda selbst anfangs des ersten Kriegsjahres nur Häme provoziert, beispielsweise im Defence Express.
Hyperkrieg: Russland kündigte „Wunderwaffe“ an – und Fachjournalisten spotteten
„Die Russen kündigen ihre neue ,Wunderwaffe‘ an, was Zweifel an ihrer Überlebensfähigkeit auf dem Schlachtfeld aufkommen lässt“, schrieb das Magazin über Putins neuen Panzerabwehrroboter Marker, der aussieht wie ein deutscher Flugabwehrkanonen-Panzer Gepard im Kleinstformat. Der Chef des russischen staatlichen Raumfahrtkonzerns Roskosmos, Dmitri Rogosin, hatte Anfang 2023 von dem Projekt umwälzende Leistungen versprochen: nämlich eine konkrete Hilfe, den Panzern Leopard 2 und M1 Abrams Paroli zu bieten. Die Autoren des Magazins Defense One weisen allerdings darauf hin, dass der Marker aufgrund seiner Abmessungen und seiner geringen Mobilität ein leichtes Ziel für jede erfahrene Panzerbesatzung darstellen würde.
Damit nicht genug: Eine weitere Problem-Ebene für die Russen bestehe laut Defence Express darin, wie sie unter den Bedingungen eines echten Schlachtfeldes mit aktiver elektronischer Kriegführung die Kontrolle über diese ferngesteuerte Waffe behalten sollen. Bisherige Einsätze des Markers oder seines weiter entwickelten russischen Pendants Uran-9 krankten daran, dass die Bediener keinen annähernd großen Abstand zum Fahrzeug halten konnten, wie die Piloten von ihren First-Person-View-Drohnen. Darüberhinaus sind die Einsatzbedingungen auf dem Grund des Schlachtfeldes um ein Vielfaches komplexer als ein Anflug in der Luft oder über das Wasser, wie Defence Express schreibt.
Hyperkrieg: Putins Roboter-Panzer scheinen eher für Paraden zu taugen
„Faktisch muss der Lenker des UGV zumeist direkte Sichtverbindung halten und das unter Idealbedingungen, beziehungsweise ohne die Auswirkungen feindlicher elektronischer Gegenmaßnahmen. Autonome Missionsprofile, welche ein Wegpunkt-Management verlangen, scheitern an der Komplexität des Geländes und der fluktuierenden Lage.“ Insofern fällt das Zwischenfazit der Fachjournalisten ernüchternd aus: „Daher sieht es eher so aus, als ob die Produktion dieses Panzerabwehrroboters auf wenige Exemplare beschränkt wird, die nur für die Propaganda-Medienkameras des Kremls posieren.“
Allerdings ist der Weg zu einem mit der Phantasie von Hollywood-Regisseuren vergleichbaren Terminators bereits beschritten. Das Magazin Defense One hatte bereits 2019 geschrieben über die Autonomisierung von kettengetriebenen Robotern – offenbar nutzte Russland sein Engagement im syrischen Bürgerkrieg als Laborsituation für die Uran-Modellreihe; Defense One hat aus einer Meldung der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass zitiert bezüglich der künftigen Anforderungen an Roboter: „Dazu gehört die Fähigkeit, Aufgaben unter unterschiedlichen Kampfbedingungen bei Tag und Nacht, unter feindlichem Beschuss, elektronischer und informationeller Abwehr, unter Bedingungen von Strahlung, chemischer Kontamination und elektromagnetischem Angriff zu lösen – sowie Anforderungen wie Modularität und Multifunktionalität.“
Die Tass schrieb darüber hinaus über die Notwendigkeit der Fähigkeit von Systemen unter Bedingungen der Mehrdeutigkeit selbstständig Aufgaben auszuführen – was den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) impliziert. Samuel Bendett vom Center for Naval Analyses bezweifelt angesichts des von Newsweek berichteten Kampfes zwischen Luft- und Boden-Roboter, dass auf absehbare Zeit unbemannte Panzer massenhaft das Schlachtfeld bestimmten; dafür seien die Drohnen in der Luft einfach zu dominant. Allerdings, so zitiert ihn Newsweek, „werden beide Seiten versuchen, Taktiken und Konzepte zu entwickeln, um sie in Angriffs- und Gefechtseinsätze zu integrieren und einen Teil der Gefahr für menschliche Kämpfer zu beseitigen.“ Sowohl Russland als auch die Ukraine drängen auf die Entwicklung von UGV, die sich zunehmend autonom bewegen können, fügte er hinzu.
Hyperkrieg: Menschen bleiben künftig in Entscheidungsprozessen außen vor
Süddeutsche-Autor Sebastian Gierke sieht die Büchse der Pandora sperrangelweit offen stehen: Die militärische Verwendung von KI sei per se unproblematisch – beispielsweise für autonome Start- und Landemaßnahmen oder zur Navigation. Werde KI jedoch in Waffensystemen genutzt, um damit die autonome Auswahl von Zielen und die Entscheidung über einen möglichen Angriff zu forcieren, fange Krieg an vollends aus dem Ruder zu laufen. „Denn die Entwicklung solcher Waffen hat einen enormen Einfluss auf die Art und Weise, wie Krieg geführt wird. Kommen sie zur Anwendung, werden Menschen gezielt aus den Entscheidungsprozessen bestimmter militärischer Aktionen herausgenommen, womit sie nur noch eine begrenzte Aufsichtsfunktion ausüben, etwa indem sie nur noch allgemeine Missionsparameter festlegen, alle weiteren Kriegshandlungen aber automatisch erfolgen.“
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Auch wenn der Hyperkrieg noch einigermaßen in der Zukunft liegt, beginnt die Lunte dafür heute schon zu brennen, wie der österreichische Oberst und Historiker Markus Reisner sagt: „Das Kernproblem ist, dass wir als Menschen die Verantwortung für Entscheidungen, die Leben und Tod betreffen, immer stärker abgeben.“ (kahin)