Killer aus der Kiste: Neue US-Rakete lauert dem Gegner auf – oder fliegt unbeschadet wieder heim
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Die Bombe kehrt künftig zurück, wenn sie nichts zum Zerstören findet: Ein Start-up aus Kalifornien setzt auf eine mehrfach nutzbare Flugabwehr-Rakete.
Costa Mesa – Das Ding ist ein Bumerang; ein Bumerang der kommenden Generation. Und offenbar nicht nur im Traum von Ingenieuren, sondern auch ganz real in Diensten von künftigen Kunden. Die Ukraine könnte einer werden – ein Käufer der mit Roadrunner betitelten Rakete. Diese Tierart aus Nordamerika wird im Deutschen „Großer Rennkuckuck“ genannt und ist flott unterwegs: 24 bis 30 km/h. Möglicherweise wird der Roadrunner Wladimir Putins Truppen im Ukraine-Krieg Beine machen.
Mehrweg-Killer für die Front: Roadrunner könnte Ukraine-Krieg revolutionieren
Der Auftrag des Roadrunner ist simpel – laut Unternehmensbeschreibung: „Starten, herumlungern und zur Basis zurückkehren“ – wenn der Himmel frei ist von Objekten, die ihm missfallen. Die amerikanischen Ingenieure wollen möglichst zügig diesen Mehrweg-Killer an die Front gegen Russland schicken. Bereits im kommenden Jahr soll das Produkt fronttauglich sein, verspricht zumindest der Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg.
Palmer Luckey ist ein Gamer durch und durch. Erweckt den Eindruck eines pfiffigen Berufsjugendlichen – Bloomberg hat den Wirtschaftsboss jedenfalls fotografiert, als wäre er ein Pizzabote: Flipflops, locker sitzende Jeans, blaues Hawaii-Hemd – ein milliardenschwerer IT-Tüftler im selbstbewussten Casual Look. Luckey hat vorher ein Unternehmen für Virtual-Reality-Brillen geführt. Mit seiner jungen Firma Anduril Industries im südkalifornischen Costa Mesa setzt er auf Drohnen im Wasser und in der Luft – High-Tech-Militäranwendungen durch und durch. Das Unternehmen ist gerade mal sechs Jahre alt, die Liste offener Stellen umfasst an die 100 Einträge über die gesamten Vereinigten Staaten hinweg.
Roadrunner: Start-up bringt Senkrechtstarter auf den Markt
Auf dem Bloomberg-Foto lehnt Luckey lässig an einem schwarzen Etwas, das so groß ist, wie er selbst: an einer stummelflügeligen schwarzen Rakete, die auf einem vierbeinigen kurzen Stativ thront. Sie könnte der Stolz eines Hobby-Modellbauers sein. Laut dem US-Magazin Flight Global hat Start-up Anduril Industries aber mit dem Roadrunner die erste wiederverwendbare Waffe der Welt vorgestellt: einen autonomen, bodengestützten Abfangjäger, der unbemannte Luftfahrzeuge (Drohnen), Marschflugkörper und einige konventionelle Flugzeuge zerstören kann.
Der Roadrunner ist teils Flugzeug, teils gelenkte Munition und ein kleiner, zweimotoriger Jet, der vertikal startet, um Luftverteidigungs- oder Geheimdienst-, Überwachungs- und Aufklärungsmissionen zu erfüllen, aber auch zur Basis zurückkehren und vertikal zum Auftanken und Wiederverwenden landen kann. Senkrecht, wie er gestartet ist. Auf seinem kleinen Stativ. Aber davon, eine Rakete zu sein, ist er weit entfernt.
Letztendlich ist die Wahl der Waffen schließlich auch eine Kostenfrage. In diesem Winter werden beide Gegner im Ukraine-Krieg ihre Drohnen auf Widerstandsfähigkeit testen müssen. Gleichzeitig ist der Bedarf an FPV-Drohnen (First Person View – also per Bordkamera gesteuerte Drohnen) für die Streitkräfte der Ukraine enorm hoch. Die Mindestanzahl der für eine Brigade – ungefähr 1.500 Soldaten – erforderlichen Drohnen beträgt 1.000 Einheiten, während die Einsatztrupps zehn bis 15 FPV-Drohnen pro Einsatztag nutzen können, rechnet das Magazin Defense Express vor. Ohnehin schickt sich die Ukraine an, weltweit führender Hersteller von Drohnen zu werden, sogar eine „Drohnenarmee“ aufzustellen, wie der stellvertretende ukrainische Ministerpräsident Mykhailo Fedorow jüngst angekündigt hat. Er zeichnet auch für die digitale Transformation verantwortlich.
Putins Krieg stellt Luftverteidigung vor neue Aufgaben
Militär-Experten loben den Erfindungsgeist der Ukraine im Bau von Drohnen jeder Größe und Nutzungsart. Luckey ist überzeugt, dass das Roadrunner-Konzept insofern eine derzeit leere Nische in der militärischen Luftverteidigung füllen kann – eine Plattform, die in der Lage ist, zahlenmäßig dichte Bedrohungen aus der Luft abzuwehren, die kostengünstig ist und einfach in großen Mengen hergestellt werden kann.
„Drohnen spielen im Ukraine-Krieg eine nicht zu unterschätzende, große Rolle – sie haben gezeigt, dass die ursprüngliche Annahme, dass Drohnen in kleinen, asymmetrischen Kriegen eine große Rolle spielen können, falsch ist; sondern dass sie auch tatsächlich in großen Konflikten eine große Rolle spielen“, sagt der deutsche Oberstleutnant Rüdiger Rauch, Drohnenabwehrexperte im Verteidigungsministerium, im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt. Die Drohne ist die Zukunft. Ohne Frage. Und vor allem für das westliche Militärbündnis eine ungeahnte Herausforderung. Beispielsweise für die Luftverteidigung.
Laut Nato-Doktrin soll der Munitionsvorrat jedes einzelnen Mitglieds für eine Verteidigungsfähigkeit von 30 Tagen reichen – mindestens. Der Ukraine-Krieg zieht sich mittlerweile schon deutlich mehr als 600 Tage hin. Krieg wird neben allem anderen auch eine finanzielle Katastrophe, wie tagesschau.de am Beispiel der Patriot-Luftabwehrraketen berichtet hat. Das Patriot-System sei eines der verbreitetsten, zuverlässigsten und bewährtesten Raketensysteme zur Luftverteidigung, die es gibt, sagt Tom Karako, Experte für Raketenabwehr im Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS). Karako beziffert die aktuellen Kosten einer Patriot-Abfangrakete mit jeweils etwa vier Millionen Euro pro Schuss und jedes Abschussgerät mit ungefähr zehn Millionen Euro obendrauf.
Patriot: Nahezu unbezahlbare Raketenabwehr
Zudem kann das Bedienen und der Unterhalt einer Patriot-Batterie bis zu 90 Soldaten oder Soldatinnen erfordern, so Karako. „Das System ist komplex, und monatelang waren die USA abgeneigt, die Ukraine damit zu versorgen, weil es für die Regierung von US-Präsident Joe Biden außer Frage stand, amerikanische Kräfte zum Betrieb zu entsenden. Regierungsbeamten zufolge veranlassten die dringenden Bitten aus Kiew und die verheerenden Zerstörungen der zivilen Infrastruktur im Land die USA schließlich, ihre Bedenken beiseite zu schieben“, sagt er.
Palmer Luckey will all das revolutionieren – sein Killer kommt aus der Kiste. In einem Image-Film von Anduril Industries steht ein einsamer Metall-Container in einer kargen Landschaft, der Deckel surrt zur Seite wie von Geisterhand, und die Rakete kommt senkrecht herausgeschossen. Kein Soldat ist weit und breit zu sehen – keine monströsen Trägerfahrzeuge, die den Boden umpflügen. Von Preisen ist noch keine Rede, aber selbst für die Bundeswehr würde der Roadrunner ein Schnäppchen sein, egal, was er kosten wird. Verglichen mit dem, was die Bundeswehr aufzubringen hat, um den Nato-Standard von „Kriegstüchtigkeit“ zu erreichen.
„Zwischen 20 und 40 Milliarden Euro wird die Bundesregierung ausgeben müssen, um die Munitionsbestände auf den Standard zu bringen, der in der Nato vereinbart ist“, sagt Hans-Werner Bartels (SPD) in einer aktuellen Dokumentation des Westdeutschen Rundfunks. Bartels war zwischen 2015 und 2020 Wehrbeauftragter, also der von der Bundesregierung eingesetzte „Anwalt“ der Truppe. Die momentane Dauer der Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr beziffert Bartels auf höchstens zwei Tage.
Ukraine: In diesem Krieg lernen die Drohnen das Schwärmen
Die aktuelle Diskussion, in die Palmer Luckey mit seiner Entwicklung hineinplatzt, geht allerdings über die Frage des Bestands an Waffen hinaus und kritisiert die fehlende Möglichkeit der zügigen Produktion von Munition. Der Web-Auftritt von Anduril Industries suggeriert, dass die Gehäuse-Komponenten beispielsweise des Roadrunner im 3-D-Druckverfahren hergestellt werden. Palmer Luckey äußert gegenüber Flight Global seine Überzeugung, dass das Roadrunner-Konzept eine derzeit leere Nische in der militärischen Luftverteidigung füllen könne – „eine Plattform, die in der Lage ist, zahlenmäßig dichte Bedrohungen aus der Luft abzuwehren, die kostengünstig ist und einfach in großen Mengen hergestellt werden kann“, wie er sagt.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Gerade die Fähigkeit von Drohnen in Schwärmen an- und auf unterschiedliche Ziele zuzufliegen, scheint der Ansporn der Amerikaner gewesen zu sein: „Es gab einfach keine zuverlässige Fähigkeit, diese Art von Bedrohungen abzuwehren“, sagt Christian Brose, Chef-Stratege von Anduril. Bedrohungen dieser neuen Waffen vor allem durch die von den Russen genutzten iranischen Shahed-Drohnen und deren Folge-Generationen könnten also anstelle von Nuklearwaffen die neue primäre Bedrohung in der zweiten Hälfte dieses Jahrtausends darstellen.
Sollte die Bundeswehr in einem nächsten Krieg, statt nur das Bundesgebiet zu verteidigen und einen Angriff zu verzögern, auf Rückeroberungs-Operationen gegen dichte Stellungssysteme umschalten, wie sie das gerade in der Ukraine demonstriert bekommt, gelangt die Einsatzfähigkeit der deutschen Armee an ihre Grenzen und realisiert den Bumerang-Effekt der Sparpolitik.