Merkur-Kommentar

Sturz des Assad-Regimes: Eine Region im chaotischen Umbruch

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Syrien erlebt mit Assads Sturz seine Stunde Null. Jetzt kommt es auch stark auf Erdogan an. Ein Kommentar von Mike Schier.

Das hat in der westlichen Welt wirklich fast niemand kommen sehen: Binnen weniger Tage ist das Regime des syrischen Diktators Baschar al-Assad, der in 13 Jahren Bürgerkrieg mit unvorstellbarer Brutalität seine Macht zementiert hatte, geradezu implodiert. Keiner hatte den arabischen Frühling 2011 brutaler niedergeschlagen.

Assad verwüstete die eigenen Städte, tötete Hunderttausende und vertrieb rund 14 Millionen seiner Bürger. Nicht einmal vor dem Einsatz von Giftgas gegen das eigene Volk schreckte er zurück. Nun ist alles anders: Was als regionaler Aufstand einer hierzulande nur Experten bekannten Gruppe begann, endete in der geradezu panischen Flucht des skrupellosen Machthabers. Sein Ende ist zunächst einmal eine der besten Nachrichten in diesem so trüben Jahr.

Aber ist es auch ein Grund zum Feiern?

Assad-Anhänger fliehen aus Damaskus: Syrien erlebt seine Stunde Null, so „Münchner Merkur“-Redakteur Mike Schier.

Umsturz in Syrien: Rasante Machtverschiebung im Mittleren Osten

Diese Revolution im Herzen des Mittleren Ostens zeigt, wie rasant sich die Machtverhältnisse in der ganzen Region verschieben. Da wäre zunächst die russische Schwäche: Ab 2015 hatten Wladimir Putins Bomber Assad die Macht gesichert und mit ihren Attacken auf Schulen und Krankenhäuser unvorstellbares Leid unter die Zivilbevölkerung gebracht. Auch die Wagner-Söldner kämpften hier.

Ganz offensichtlich haben sich Moskaus Prioritäten mit dem Einmarsch in der Ukraine wieder mehr nach Europa verlagert, viele Truppen wurden aus Syrien abgezogen. Trotzdem endeten damit nicht Putins Großmachtfantasien und sein Anspruch, auch im arabischen Raum als globale Ordnungsmacht mitzubestimmen. Deshalb ist das schmähliche Ende seines syrischen Verbündeten auch für Putin persönlich ein peinlicher Rückschlag.

Sturz von Syrien-Machthaber Assad: Wie wird sich Erdogan verhalten?

Eine der großen Fragen der nächsten Tage wird nun sein, wie sich Recep Tayyip Erdogan verhält. Der türkische Präsident hatte die Rebellen unterstützt, weil er auf eine neue Ordnung in Damaskus hofft, damit möglichst viele der drei Millionen syrischen Flüchtlinge aus der Türkei zurückkehren. Nicht nur in Deutschland ist die Migration ein großes Thema, auch in der Türkei muss sich der Präsident viel Kritik deshalb anhören. Es liegt auch an Erdogan, ob bei der Neuordnung Syriens russische Interessen berücksichtigt werden, allen voran auf den Militärstützpunkten im Land. Spannungen zwischen Moskau und Ankara könnten sich bis in die Ukraine auswirken, wo die Türkei als Vermittler fungiert hat, beispielsweise bei den Getreideabkommen.

Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels

Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt. In ganz Syrien versammeln sich Menschen, um den Sturz der syrischen Regierung zu feiern.
Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt und hat das Land verlassen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet. Im ganzen Land versammeln sich Menschen wie hier in der Hauptstadt Damaskus auf den Straßen. Sie feiern den Sturz der syrischen Regierung und das Ende der über 50 Jahre andauernden Herrschaft der Assad-Dynastie.  © dpa/DIA Photo/AP | Ugur Yildirim
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Menschen durchwühlten die Privatwohnung des geflohenen Machthabers Baschar al-Assad.
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Der im Jahr 2000 verstorbene Hafez Assad war der Vater Baschar al-Assads und herrschte von 1970 bis zu seinem Tod über das Land. Bürgerinnen und Bürger strömten auch in den Präsidentenpalast und in eine Privatwohnung des geflohenen Machthabers. © dpa/AP | Hussein Malla
Menschen gehen durch die Hallen des Präsidentenpalastes des syrischen Präsidenten, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Der Präsidentenpalast wird nach dem Sturz Baschar al-Assads in Syrien zu einem Publikumsmagenten. Hunderte Menschen strömten in den Protzbau des Ex-Präsidenten und wandelten durch die Hallen. © Hussein Malla / dpa
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama.
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads.
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads. © dpa/AP | Emrah Gurel
Ein Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt eine riesige Menschenansammlung in Aleppo.
Ein von Maxar zur Verfügung gestelltes Satellitenbild zeigt feiernde Menschen auf den Straßen Aleppos. © dpa/Maxar Technologies/AP | Uncredited
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern.
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee.
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee. © dpa/AP | Emrah Gurel
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien.
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien. © dpa/AP | Omar Albam
Ein Bild von Baschar al-Assad in der Stadt Hama ist durchlöchert von Kugeln.
496721846.jpg © Omar Albam / dpa
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren.
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren. © dpa/AP | Omar Albam
Nachdem syrische Rebellen Hama erob ert haben, fliehen Menschen aus der Stadt.
Nachdem syrische Rebellen Hama erobert haben, fliehen Menschen aus der Stadt. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © Hussein Malla / dpa
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo.
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo. © Anas Alkharboutli / dpa
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist.
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt.
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt. © dpa/IMAGESLIVE via ZUMA Press Wire | Juma Mohammad
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee.
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee. © IMAGO/Rami Alsayed
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt.
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt. © dpa/AP | Omar Albam
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad, Vater des jetzigen Präsidenten Baschar al-Assad, liegt auf einem von Oppositionskämpfern zerstörten Fliesenboden in Aleppo. © dpa/AP | Omar Albam
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama.
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug.
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft.
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz.
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz. © dpa | Andreas Arnold

Auch Iran Verlierer des Assad-Sturzes – Syrien erlebt seine Stunde Null

Zweiter großer Verlierer des Assad-Sturzes ist der Iran: Syrien galt als wichtiger Korridor für das Mullah-Regime bei der Unterstützung der Hisbollah-Miliz im Libanon. Deren Widerstand gegen den verhassten Erzfeind Israel ist bereits nach den Schlägen der Israelis gegen ihre Kommandostruktur stark geschwächt. Nun hatten weder Teheran noch die Hisbollah die Kraft, Assad zur Hilfe zu kommen.

Wohin Syrien nun treibt, ist völlig offen. Das Land erlebt seine Stunde Null, auf den Straßen wird über Religionen und Konfessionen hinweg gefeiert. Ob der angeblich geläuterte Extremist Abu Mohammed al-Dschulani aber ein freies Land aufbaut, in das auch viele der eine Million nach Deutschland geflohenen Syrer zurückkehren könnten, muss man bezweifeln. Man erinnert sich an Irak oder Libyen, wo der Sturz von Diktatoren in neuen Kämpfen und Chaos endete. Überall im Land gibt es Waffen, auch chemische. Dass sie plötzlich schweigen, ist leider unwahrscheinlich. (Mike Schier)

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