Interview zu Ukraine-Verhandlungen

Russland taktiert – und „Trumps Persönlichkeit ist ein Instrument dafür“

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Russland bremst ein Treffen zwischen Selenskyj und Putin wohl aus. Dazu kommt die Frage der Sicherheitsgarantien. Sicherheitsexperte Rafael Loss im Interview.

Moskau – Die jüngsten Gipfeltreffen zum Ukraine-Krieg haben neue Dynamik in die Bestrebungen nach einem Ende des Kriegs gebracht: US-Präsident Donald Trump traf Russlands Präsident Wladimir Putin in Alaska. Daraufhin reisten der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und mehrere europäische Staats- und Regierungschefs nach Washington. Als Nächstes könnte auf Wunsch von Donald Trump ein direktes Treffen zwischen Selenskyj und Putin stattfinden – Kiew erklärt sich bereit, Moskau bleibt jedoch vage.

Ukraine-Verhandlungen in Washington: Trump-Gipfel mit Merz und Co. in Bildern

Wolodymyr Selenskyj ist zurück im Weißen Haus.
Wolodymyr Selenskyj ist zurück im Weißen Haus. Auf Einladung Donald Trumps verhandelt der ukrainische Präsident dort über einen möglichen Frieden im Krieg mit Russland. © afp
Gipfel im Weißen Haus zum Ukraine-Krieg
Der Gipfel im Weißen Haus zum Ukraine-Krieg wurde in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft. Noch vor wenigen Tagen war nichts über ein Treffen Trumps mit Selenskyj bekannt gewesen. © imago
Trump und Putin in Alaska
Dem Treffen Trumps mit Selenskyj ging der historische Gipfel des US-Präsidenten mit Russlands Machthaber Wladimir Putin in Alaska zuvor. Die beiden Staatsoberhäupter berieten im nördlichsten US-Bundesstaat über den Ukraine-Krieg und einen möglichen Frieden. © afp
Ukraine Gipfel in Washington
Die Erwartungen an den Ukraine-Gipfel sind so hoch wie die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wird. Ursache sind unter anderem Selenskyjs letzter Besuch im Weißen Haus und die Dynamik, die seit Trumps Treffen mit Putin in die Ukraine-Verhandlungen gekommen zu sein scheint. © dpa
Selenskyj bei Trump
Im Gegensatz zum letzten Treffen Trumps mit Selenskyj im Weißen Haus war die Atmosphäre diesmal deutlich besser. Endete der letzte Auftritt noch im hitzigen Wortgefecht und im diplomatischen Debakel, waren beide diesmal um eine freundliche Beziehung bemüht. © afp
Selensky und Trump im Oval Office
Brian Glenn, Journalist beim rechtsextremen Sender Real America, hatte Wolodymyr Selenskyj beim letzten Besuch noch für seine Kleidung kritisiert. Der ukrainische Präsident erschien damals in einem Millitär-Pullover. Diesmal trug Selenskyj Anzug und Hemd. „Sie sehen in diesem Anzug fantastisch aus“, kommentierte Glenn Selenskyjs Outfit. Mit seiner Antwort hatte der ukrainische Präsident die Lacher auf seiner Seite. „Sie tragen denselben Anzug. Ich habe mich umgezogen, Sie offenbar nicht“, so Selenskyj. © afp
Vance im Oval Office
Am Treffen mit Wolodymyr Selenskyj im Oval Office nahmen neben Trump US-Außenminister Marco Rubio (r.) und Vizepräsident JD Vance teil. Der hatte den ukrainischen Präsidenten beim letzten Besuch im Weißen Haus noch attackiert und ihm Undankbarkeit vorgeworfen. © afp
Pete Hegseth
Ein weiterer Vertreter der Regierung Trumps beim Besuch Wolodymyr Selenskyjs: Verteidigungsminister Pete Hegseth. © imago
Limousine von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am Weißen Haus
Nicht nur Wolodymyr Selenskyj reiste spontan nach Washington, DC. Unterstützung erhielt er beim Treffen mit Donald Trump von einer großen Delegation aus Europa. Hier kommt die Limousine von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am Weißen Haus an. © imago
Meloni bei Trump
Meloni gilt als politische Verbündete Donald Trumps. Wie der Rechtspopulist in den USA setzt Italiens Ministerpräsidentin und Chefin der rechtsextremen Partei „Fratelli d‘Italia“ auf harte Abschiebepolitik und geschlossene Grenzen. In Sachen Ukraine-Krieg steht Meloni aber fest an der Seite Selenskyjs und ihrer europäischen Begleiter. © afp
Emmanuel Macron in Washington
Donald Trumps Protokollchefin Monica Crowley begrüßt Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron an der Tür des Weißen Hauses. Diese Rolle hat in der Vergangenheit bei solchen Besuchen Melania Trump übernommen. Von der First Lady war beim heutigen Ukraine-Gipfel aber zunächst nichts zu sehen. © afp
Ukraine-Treffen in Washington
Hier begrüßt Crowley Nato-Generalsekretär Mark Rutte am Weißen Haus. © dpa
Alexander Stubb in Washington
Der wohl überraschendste Name auf der Liste der europäischen Delegation bei Trumps Gipfel gehört wohl Alexander Stubb. Finnlands Präsident dürfte aber eine Schlüsselrolle beim Versuch zukommen, Trump von Europas Position im Ukraine-Krieg zu überzeugen. Sein Land teilt sich mehr als 1.300 Kilometer Landgrenze mit Russland. Stubb dürfte die Aufgabe zukommen, Trump davon zu überzeugen, dass bei den Verhandlungen mit Russland nicht nur die Zukunft der Ukraine, sondern die Sicherheit Europas auf dem Spiel steht. © afp
Merz bei Trump
Mit von der Partie in Washington, DC ist Friedrich Merz. Dem Bundeskanzler wurde nach seinem letzten Besuch bei Donald Trump ein guter Auftritt attestiert. Diesmal will der CDU-Chef Wolodymyr Selenskyj bei seinen Verhandlungen über Frieden im Ukrainekrieg unterstützen. © afp
Merz bei Trump in Washington
Gegenüber der ARD bezeichnete Merz, hier bei der Ankunft am Weißen Haus, die Entwicklungen nach dem Treffen Trumps und Putins als „Licht und Schatten“. Der Bundeskanzler übte geschickt verpackte Kritik am US-Präsidenten. „Die Presse in Russland jubelt. Ein bisschen weniger wäre auch gut gewesen“, so der CDU-Chef in der Tagesschau. © afp
Ukraine Trump
In ähnlicher Besetzung hatte eine Delegation aus Europa in Sachen Ukraine-Krieg schon einmal Kontakt zu Donald Trump aufgenommen. Damals waren Keir Starmer, Emmanuel Macron, Polens Ministerpräsident Donald Tusk und Friedrich Merz in die Ukraine gefahren. Gemeinsam mit Wolodymyr Selenskyj berieten sie telefonisch mit Trump © imago
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer scheint frohen Mutes, als er zum Ukraine-Gipfel bei Donald Trump eintrifft. © dpa
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei den Verhandlungen über den Ukraine-Krieg
Die Europäische Union (EU) vertritt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei den Verhandlungen über den Ukraine-Krieg in Washington, DC. Von der Leyens letzter Besuch bei Trump endete mit einem Handelsabkommen zwischen der EU und den USA. © dpa
Von der Leyen und Selenskyj
Kurz vor dem Ukraine-Gipfel mit Trump in Washington, DC empfing Ursula von der Leyen Wolodymyr Selenskyj in Brüssel. Dort beriet die EU-Kommissionspräsidentin sicherlich auch das gemeinsame Vorgehen mit dem Präsidenten der Ukraine. © imago
Ukraine Gipfel in Washigton
Die große Runde in Washington, DC zum Ukraine-Gipfel versammelt: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der britische Premier Keir Starmer, die Präsidenten Alexander Stubb (Finnland), Wolodymyr Selenskyj (Ukraine), Donald Trump (USA), Emmanuel Macron (Frankreich) stellen sich mit Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz und Nato-Generalsekretär Mark Rutte (v.l.n.r.) zum Gruppenbild auf. © afp
Macron und Trump in Washington
Bei der ersten gemeinsamen Pressekonferenz verteilte Donald Trump Komplimente in alle Richtungen. Sein Treffen mit Wolodymyr Selenskyj sei wunderbar gewesen. Friedrich Merz als Freund zu haben, sei eine „große Ehre“ für ihn, so der US-Präsident. Über Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (im Bild) sagte Trump: „Ich mag ihn seit dem ersten Tag. Und ich mag ihn immer noch. Das ist ungewöhnlich.“ © afp
Meloni bei Trump in Washington
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nannte Donald Trump „eine großartige Führungspersönlichkeit, die viele inspiriert“. Sie habe „trotz ihres jungen Alters schon viel erreicht“, so Trump über die Rechtspopulistin. „Sie regiert auch schon eine ganze Zeit lang. Andere haben nicht so lange durchgehalten wie sie“, scherzte der US-Präsident über seine Kollegin aus Italien, das berühmt ist für seine häufigen Regierungswechsel. © afp
Vance und Starmer
JD Vance im Gespräch mit dem britischen Premier Keir Starmer. Der Vizepräsident war erst vor kurzem zum Urlaub auf den britischen Inseln. Sein Besuch im südenglischen Cotswolds löste Protest der heimischen Bevölkerung aus. © afp
Merz nach Treffen mit Trump
Nach dem ersten Gespräch mit Donald Trump beim spontanen Ukraine-Gipfel im Weißen Haus zeigte Bundeskanzler Friedrich Merz sich optimistisch. Der Weg sei „offen für komplizierte Verhandlungen“. Vom US-Präsidenten forderte Merz, den Druck auf Wladimir Putin zu erhöhen. Der Kanzler wiederholte außerdem die Forderung der europäischen Vertreter nach einer Waffenruhe. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein weiteres Treffen ohne eine Waffenruhe stattfinden kann“, stellte Merz klar. © dpa
Selenskyj und Trump nach Treffen im Weißen Haus
Wolodymyr Selenskyj bezeichnete den vorangegangenen Austausch mit Donald Trump als „sehr gute Unterhaltung“. Man habe über „viele sensible Dinge“ gesprochen, so der ukrainische Präsident. Trump wiederum kündigte bereits ein Dreiertreffen zwischen ihm, Selenskyj und Russlands Präsidenten Wladimir Putin an. Die Frage sei „nicht, ob, sondern wann“ ein solcher Gipfel stattfinden würde. © afp

Mit den jüngsten Ukraine-Verhandlungen nahm auch die Debatte um Sicherheitsgarantien für die Ukraine an Fahrt auf. Kiew pocht seit langem darauf, dass solche Garantien essenziell für einen dauerhaften und stabilen Frieden seien. Verschiedene Szenarien stehen im Raum. Rafael Loss von der Berliner Denkfabrik „European Council on Foreign Relations“ erklärte im Gespräch mit fr.de von Ippen.Media, worauf es bei Sicherheitsgarantien ankommt – und an welchem Punkt die Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Kriegs gerade stehen.

Ukraine machte „sehr schlechte Erfahrungen mit Sicherheitsgarantien“

Herr Loss, welche Art von Sicherheitsgarantien bräuchte die Ukraine?
Historisch gesehen hat die Ukraine an verschiedenen Stellen sehr schlechte Erfahrungen mit Sicherheitsgarantien gemacht. Da kann man auf das Budapest-Memorandum von 1994 blicken, auf die Ergebnisse der Minsk-Verhandlungen 2014, 2015. Auch hat Russland bilateral ab den 90er Jahren die Grenzen der Ukraine nach 1991 anerkannt, auch die Besitzzugehörigkeit von Sewastopol und der Krim, mit einem Truppenstationierungsabkommen von 2010: Und dann das alles 2014 gebrochen.
Insofern muss aus Sicht der Ukraine etwas sehr Konkretes formuliert und dann aber auch materiell hinterlegt werden, was im Prinzip dann nicht so weit weg ist von einem Verteidigungspakt oder Beistandsabkommen, wie das in der EU oder auch in der Nato vertraglich geregelt ist. Und das muss dann eben auch materiell hinterlegt werden.
Gibt es eine realistische Chance auf eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine?
Ich will es nicht ausschließen, dass das irgendwann der Fall sein könnte. Aber ich glaube, aktuell deutet darauf sehr, sehr wenig hin. Und das liegt ja nicht nur an den USA unter Donald Trump, sondern auch schon unter Joe Biden.

Sicherheitsgarantien für die Ukraine: Nato-ähnliches Schutzversprechen?

Jetzt ist unter anderem ein Nato-ähnliches Schutzversprechen im Gespräch, der Nato-Beistandsklausel nachempfunden. Wie beurteilen Sie das?
Das ist grundsätzlich völlig in Ordnung, wenn man da auf einen grünen Zweig kommt und das materiell hinterlegen kann. Man ist aber in den Definitionsfragen noch relativ weit voneinander weg: zwischen der Ukraine, der Europäischen Union auf der einen Seite, den Vereinigten Staaten auf der anderen Seite und Russland auf der dritten Seite.
Die russische Vorstellung ist natürlich eine, die ein russisches Veto in der ganzen Frage vorsieht, also dem Aggressor potenziell die Möglichkeit geben würde, jedwede Intervention von außen zu seinen Ungunsten zu verhindern. Das ist für die Ukraine nicht hinnehmbar, denn es geht ja konkret um den Schutz vor Russland.
Kann man die russische Perspektive zu Sicherheitsgarantien bei Verhandlungen über ein mögliches Abkommen denn völlig ausklammern?
Natürlich kann man das im Kontext von Verhandlungen, an denen Russland beteiligt ist, als Kriegspartei, als Aggressor, nicht außen vor lassen, wenn es darum geht, am Ende einen gerechten, nachhaltigen Waffenstillstand und dann einen Friedensschluss zu schaffen.
Aber das ist noch alles sehr weit weg. Da müssen viele Schritte vorher gegangen werden, inklusive überhaupt die Grundvoraussetzungen zu schaffen, dass Russland bereit wäre, sich ernsthaft an den Verhandlungstisch zu setzen. Nichts, was Wladimir Putin in den letzten Wochen und Monaten gesagt hat, deutet in irgendeiner Weise darauf hin. Mit der kategorischen Absage, einen Waffenstillstand vor substanzielle Verhandlungen zu vereinbaren, will sich Russland die Möglichkeit bewahren, Verhandlungen zu verzögern, um dann mit militärischen Mitteln Fortschritte zu erzielen.

Ukraine-Verhandlungen: Trumps Herangehensweise als „Instrument, Verzögerungen zu befördern“

Es geht Russland also darum, Zeit zu schinden?
Genau. Und auch die Persönlichkeit und die Art und Weise, wie Donald Trump an solche Deals herangeht, ist ein Instrument dafür, eben diese Verzögerung zu befördern. Denn wirklich die Daumenschrauben bei Putin anzulegen, davor hat Donald Trump trotz aller Deadlines und Androhungen immer zurückgeschreckt.
Nach dem Alaska-Gipfel dringt US-Präsident Donald Trump auf ein Treffen zwischen Kreml-Chef Wladimir Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. (Symbolbild/Montage)
Was wären denn „Daumenschrauben“, die Donald Trump anlegen könnte?
Natürlich könnte man über eine Verschärfung des Sanktionsregimes nachdenken. Man könnte auch seitens der USA darüber nachdenken, tatsächlich wieder Waffenhilfen zu finanzieren und freizugeben, über das hinausgehend, was den aktuellen Mechanismus betrifft. Und es könnte natürlich eine rhetorische Änderung geben. Also nicht das, was Joe Biden lange Zeit angetrieben hat, um jeden Preis eine direkte Konfrontation zu vermeiden, sondern bewusst in eine Konfrontation zu gehen.
Jetzt hat Donald Trump Wladimir Putin und dann Wolodymyr Selenskyj zusammen mit den Europäern getroffen. Wo steht man derzeit im Verhandlungsprozess?
Donald Trump ist derjenige, der das alles in Bewegung bringt in einer desorientierenden Art und Weise. Da ist schon eine enorme Dynamik drin, und sowohl Russland als auch die Europäer und die Ukraine sind bemüht, das in gewisse Bahnen zu lenken – entsprechend ihrer jeweiligen Interessen.
Auf russischer Seite dahingehend, dass man die grundsätzlichen Fragen – die „tieferliegenden Konfliktursachen“, wie Russland das nennt – an erste Stelle setzt, um damit zu verhindern, dass es überhaupt zu einem Waffenstillstand entlang des jetzigen Frontverlaufs kommt und man weiterhin militärisch Fortschritte erzielen kann. Die Äußerungen von Sergej Lawrow auf russischer Seite deuten genau darauf hin: Dass man Tempo rausnehmen will und sich erst mal ganz gemächlich bei den grundlegenden Dingen einigen sollte, bevor man dann tatsächlich auch über ein Treffen zwischen Putin, Trump und Selenskyj nachdenken könnte. Die Europäer und die Ukraine würden die Frage eines Waffenstillstands und danach vielleicht auch einer europäischen Sicherheitsordnung insgesamt vorziehen.
Donald Trump setzt die Wegmarke und die Zeit, in der das zu erreichen ist. Es scheint ihn in der Vergangenheit aber auch nicht gestört zu haben, wenn das dann verläuft. Und da einzuschätzen, ob eine grundsätzliche Dringlichkeit besteht oder einfach nur eine performative Dynamik und Geschwindigkeit erzeugt wird durch Donald Trump, das kann ich nicht abschließend beurteilen. Zu einer Änderung der russischen Verhandlungsposition hat das alles bislang jedenfalls nicht geführt.

Verhandlungen im Ukraine-Krieg: Putin hat Selenskyj-Treffen „immer wieder ausgeschlagen“

Wenn Russland auf Zeit spielt; rechnen Sie dann mit einem Treffen zwischen Selenskyj und Putin?
Irgendwann wird das sicherlich stattfinden. Aber die Frage ist, zu welchem Zeitpunkt das stattfindet. Vorschläge dahingehend gab es immer wieder und auch die Bereitschaft Wolodymyr Selenskyjs. Auch im Kontext der Istanbuler Verhandlungen kam das am Rande auf, dass man aus ukrainischer Sicht gerne bereit wäre, weiterführende Gespräche zu führen.
Das hat Wladimir Putin über die vergangenen dreieinhalb Jahre immer wieder ausgeschlagen, weil er einerseits natürlich Wolodymyr Selenskyj überhaupt nicht als legitimen Repräsentanten der Ukraine sieht und insofern mit so einem Treffen ihn natürlich legitimieren würde.

Das Treffen zwischen Putin und Trump hat gezeigt, dass ein ausgebildeter KGB-Agent sehr viel besser in der Lage ist als demokratische Staatsoberhäupter, Donald Trump zu manipulieren. 

Rafael Loss von der Berliner Denkfabrik European Council on Foreign Relations
Für wen wäre es von Vorteil, wenn Donald Trump bei einem solchen Treffen dabei wäre?
Das ist wie ein Münzwurf. Man ist aus europäischer Sicht eigentlich alliiert mit Donald Trump, aber man kann sich dessen nicht sicher sein. Deswegen wird enorm viel Zeit auf europäischer Seite investiert, sich im Vorgang vor jedem Gespräch mit Trump zunächst untereinander abzustimmen, eine gewisse Choreografie zu organisieren. Aber ich glaube, das Treffen zwischen Putin und Trump hat gezeigt, dass ein ausgebildeter KGB-Agent sehr viel besser in der Lage ist als demokratische Staatsoberhäupter, Donald Trump zu manipulieren.

Internationale Truppen zur Friedenssicherung in der Ukraine: Experte rechnet nicht mit Nato-Mission

Aktuell wird neben einem möglichen Treffen auch der Einsatz von internationalen Truppen zur Friedenssicherung in der Ukraine diskutiert. Was halten Sie hier für eine realistisch umsetzbare Option?
Ein russisches Veto ist eigentlich schon ein Ausschlusskriterium für Überlegungen, das Ganze im Kontext der Vereinten Nationen oder der OSZE zu organisieren, denn in beiden Formaten wäre Russland maßgeblich an jeder Entscheidung beteiligt. Aus den genannten Gründen ist es also keine UN-Mission und auch keine Nato-Mission. Es könnte also eine Koalition der Willigen sein, die vor allem über europäische Beiträge, gestützt von den Vereinigten Staaten, Truppen in der Ukraine stationiert.
Was man nicht erwarten darf, ist, dass mehrere Zehntausend europäische Soldaten in der Ukraine auftauchen. Wenn man sich alleine anschaut, wie die Bundeswehr damit kämpft, die Brigade in Litauen aufzusatteln – viel mehr kann die Bundeswehr dann auch letztendlich nicht leisten. Aber auf der Ebene darunter: Ausbildungsmaßnahmen in den westlichen Teil der Ukraine zu verlegen, Beratungsmaßnahmen im größeren Umfang durchzuführen, logistische Unterstützung zu bieten und dann aber auch zum Beispiel Marineverbände in das Schwarze Meer zu bringen oder Luftwaffenverbände auf Flugplätze in der Westukraine. Das sind sicherlich Maßnahmen, die im Verbund mit den anderen Europäern sehr viel einfacher wären.
Die Stiftung Wissenschaft und Politik schreibt in einer Analyse, dass Nato-Truppen in der Ukraine als Nicht-Nato-Staat den Schutz des Bündnisses schwächen könnten. Wie sehen Sie das?
Man kann das Ganze sehr aus einer legalistischen Perspektive sehen und eine klare Trennlinie ziehen zwischen Nato-Territorium und Nicht-Nato-Territorium. Ich kann aber auch der Idee etwas abgewinnen, dass man schon ein bisschen auf dem Weg ist, als Ukraine und Europa eine Art Schicksalsgemeinschaft gegen das imperiale Russland zu bilden.
Wenn man sich aus europäischer Sicht nicht mehr auf die Vereinigten Staaten verlassen kann, dann fehlt plötzlich ein gewaltiger Teil der Fähigkeiten zur Abschreckung gegenüber Russland. Wenn man dann zu einem gewissen Grad die größte und kampferfahrenste Armee Europas in seinen Reihen weiß, nämlich die Ukraine, dann kann das trotz aller Herausforderungen einen gewissen Grad an Vertrauen schaffen. Das sind diejenigen Soldaten, die am ehesten wissen, wie Russland kämpft, wie rapide die technologischen Entwicklungen die Kriegsführung in den letzten Jahren vorangetrieben hat. Insofern würden europäische Streitkräfte auch in Kooperation mit der Ukraine profitieren.

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