Trump verspricht: USA verteidigen jeden Zentimeter NATO-Territorium gegen Russland
VonBabett Gumbrecht
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Die Spannungen zwischen der NATO und Moskau wachsen stündlich. Nun hat sich der US-Präsident zum Szenario einer weiteren Eskalation geäußert.
Brüssel/Washington D.C. – Nach einer Serie von russischen Luftraumverletzungen in osteuropäischen NATO-Staaten hat US-Präsident Donald Trump eine unmissverständliche Sicherheitsgarantie abgegeben. Auf die direkte Frage eines Reporters, ob er Polen und die baltischen Staaten im Ernstfall gegen Russland verteidigen würde, antwortete Trump am Sonntag (21. September) ohne zu zögern: „Ja, das würde ich.“ Der Clip mit dem Versprechen wurde vielfach auf X (ehemals Twitter) geteilt.
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Diese Zusicherung erhielt zusätzliches Gewicht durch die Worte des neuen US-Botschafters bei den Vereinten Nationen, Mike Waltz, der bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats in New York am Montag (22. September) bekräftigte: „Die USA werden jeden Zentimeter NATO-Territorium verteidigen.“
Mehrere russische Luftraumverletzungen: Putin testet Grenzen der NATO
Der Hintergrund für Trumps und Waltz deutliche Worte sind mehrere schwerwiegende Zwischenfälle der vergangenen Wochen. Am Freitag (20. September) drangen drei russische Kampfjets in den estnischen Luftraum ein und hielten sich dort zwölf Minuten auf. Zuvor waren bereits russische Drohnen über polnisches und rumänisches Territorium geflogen.
Deutschlands Außenminister Johann Wadephul (CDU) bezeichnete das russische Vorgehen als „gefährliche Eskalation“ und warf Moskau eine „schwerwiegende Verletzung internationalen Rechts“ vor. Das „rücksichtslose Verhalten“ Russlands stelle eine ernsthafte Bedrohung für die regionale Sicherheit und den Weltfrieden dar.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sagte am Rande der UN-Generalversammlung in New York, Russland könne unmöglich „versehentlich“ innerhalb von zwei Wochen dreimal den europäischen Luftraum verletzen. „Russland testet die europäischen Grenzen und prüft unsere Entschlossenheit“, betonte Kallas. „Es wird weiterhin provozieren, solange wir das zulassen.“
Spannungen mit Russland führen zu diplomatischen Schritten: NATO-Rat tagt wegen Artikel 4
Der Kreml reagierte erwartungsgemäß mit Gegenvorwürfen und beschuldigte die NATO-Staaten, durch „unbegründete“ Anschuldigungen die Spannungen zu verschärfen. Russlands UN-Botschafter Dmitry Polianskij unterstellte Estland sogar „russenfeindliche Hysterie“. Erst am Sonntag (21. September) hatte die NATO erneut Alarm geschlagen – diesmal wegen einer russischen Militärmaschine über der Ostsee.
REPORTER: Will you help depend Poland and the Baltic states from Russia if Russia keeps escalating?
Die Spannungen führen nun zu konkreten diplomatischen Schritten: Für Dienstag ist in Brüssel auf Antrag Estlands ein Treffen des NATO-Rats nach Artikel 4 des Nordatlantikvertrags geplant. Diese Bestimmung ermöglicht Beratungen des Bündnisses, wenn ein Mitgliedstaat seine Sicherheit bedroht sieht. Eine solche Sitzung kann zu gemeinsamen Beschlüssen oder Maßnahmen führen, muss es aber nicht.
Laut der NATO wurde Artikel 4 in der mehr als 75-jährigen Geschichte der Allianz achtmal aktiviert, darunter fünfmal von der Türkei wegen Entwicklungen in Irak und Syrien (2003-2020). Polen nutzte den Artikel 2014 nach der russischen Krim-Annexion und erneut im September 2024 nach russischen Drohnenangriffen. Auch nach Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 kamen die NATO-Botschafter auf Antrag osteuropäischer Länder zu Artikel-4-Konsultationen zusammen.
Nach Angriff des NATO-Luftraums: Bündnis muss militärische Bereitschaft glaubwürdig untermauern
Die wahrscheinlichste Reaktion der NATO wird eine sorgfältig kalibrierte Mischung aus diplomatischem Druck und militärischer Bereitschaft sein. Generalsekretär Mark Rutte dürfte nach den Artikel-4-Beratungen eine unmissverständliche Warnung an Moskau richten: Weitere Luftraumverletzungen seien inakzeptabel und würden zu einer gefährlichen Eskalation führen. Gleichzeitig wird das Bündnis seine Luftraumüberwachung verstärken und möglicherweise zusätzliche Abfangkapazitäten in Osteuropa stationieren.
Übersicht: Russische Provokationen gegen NATO-Staaten seit September 2025
Datum/Ort
Vorfall
Details
10. September 2025
Drohnen-Invasion
20 russische Drohnen dringen hunderte Kilometer tief ein, Polen schießt mehrere ab
20. September 2025
Kampfjet-Verletzung
Drei MiG-31 Jets im Luftraum für zwölf Minuten, ohne Flugplan/Funkkontakt
20. September 2025
Bedrohung Bohrinsel
Russische Jets nähern sich polnischer Bohrinsel gefährlich
23. September 2025
Drohnen-Sichtungen
Flughafen und Luftraum zeitweise gesperrt, ankommende Flüge umgeleitet
Diese Strategie zielt darauf ab, Wladimir Putin zu verdeutlichen, dass er es im Ernstfall wirklich mit allen 32 NATO-Mitgliedern zu tun bekommen würde – ohne ihm jedoch die Initiative für eine militärische Eskalation zu überlassen. Eine explizite „Abschuss-Drohung“ bei der nächsten Luftraumverletzung wäre zwar theoretisch möglich, birgt jedoch erhebliche Risiken. Putin könnte dies strategisch ausnutzen, indem er bewusst harmlose Provokationen anordnet und den folgenden Abschuss propagandistisch für eine größere Eskalation instrumentalisiert.
Zudem bestünde die Gefahr, dass einzelne NATO-Staaten ihre Kampfjets aus Osteuropa abziehen, um ihre Piloten nicht in die Lage zu bringen, auf Befehl russische Flugzeuge abschießen zu müssen. Das Bündnis steht damit vor dem klassischen Dilemma der Abschreckung: Glaubwürdig stark zu wirken, ohne die Kontrolle über die Eskalationsdynamik zu verlieren - denn ein unkontrollierter NATO-Russland-Konflikt könnte schnell in den dritten Weltkrieg münden, den alle Beteiligten zu vermeiden suchen. (Quelle: dpa) (bg)