Angriff auf Schwarzmeer-Flotte: Putin verliert die Hoheit zur See
VonKarsten-Dirk Hinzmann
schließen
Die ukrainischen Nadelstiche rund um Sewastopol zeigen Erfolge: Militär-Experten sehen Russlands Schwarzmeer-Flotte auf dem Rückzug.
Sewastopol – Der Untergang der „Moskwa“ im April 2022 war der Anfang vom Ende – eines Endes, das schneller kommen könnte, als sich Wladimir Putin das hätte träumen lassen. Der Lenkwaffenkreuzer war das Flaggschiff der Schwarzmeer-Flotte Russlands. Jetzt ist vermutlich auch deren Kommandeur tot. Admiral Wiktor Sokolow soll am Anfang der Woche (25. September) durch einen Raketenschlag der Ukraine in seinem Hauptquartier in Sewastopol gefallen sein. Laut dem britischen Geheimdienst trifft das die russische Schwarzmeer-Flotte ins Mark und lähmt ihre Verteidigungsfähigkeit – das jedenfalls schreibt businessinsider.com.
Erstes Opfer des „Seekriegs“ im Schwarzen Meer: Das russische Flaggschiff „Moskwa“ ist im April 2022 bei einem Angriff der ukrainischen Armee ausgebrannt und gesunken. (Archivfoto)
Demnach habe die Ukraine im Zuge ihrer Gegenoffensive auf der Krim stärkere Zerstörungen angerichtet als mit ihren bisherigen Attacken. Sewastopol und die russischen Militäranlagen lagen immer wieder unter verstärktem Feuer. Ziel des jüngsten ukrainischen Angriffs auf die russische Miltär-Technologie war die nach dem ehemaligen russischen Politiker benannte Sergo Ordzhonikidze-Werft in Sewastopol, dem Stützpunkt der russischen Schwarzmeer-Flotte. Beschädigt wurden das U-Boot „Rostow am Don“ sowie das Landungsschiff „Minsk“. Dabei hatten offenbar nur drei von zehn Waffen ihr Ziel erreicht.
Russlands Schwarzmeer-Flotte wohl nur noch teilweise einsatzfähig
Die Briten stufen den Schaden durch die wiederholten Attacken mit Marschflugkörpern zwar als lokal begrenzt ein, aber sie betrachten vor allem die Operationsfähigkeit der Russen als mittlerweile stark beeinträchtigt – in ihrem regelmäßigen Sicherheits-Update auf X (vormals Twitter) beurteilen sie die russische Schwarzmeer-Flotte inzwischen als mehr und mehr in die Defensive gedrängt. Laut deren Einschätzung seien die Russen noch in der Lage, ihren hauptsächlichen Auftrag zu erfüllen: Marschflugkörper abzufeuern und in eng begrenzten Zonen zu patrouillieren. Schwierig würden lediglich weiter ausgreifende Patrouillen sowie Blockaden ukrainischer Häfen.
Die russische Schwarzmeerflotte verfügt über folgende Schiffe – Quelle: marineforum.online
1 Lenkwaffenkreuzer „Moskwa“ (versenkt)
2 U-Jagd-Fregatten
7 Raketenboote
2 Luftkissen-Katamarane
3 moderne Fregatten
6 moderne Patrouillenschiffe (zwei versenkt)
1 moderne Flugkörper-Korvette
4 kleine Flugkörper-Korvetten
6 U-Jagd-Boote
6 U-Boote diesel-elektrisch (eines beschädigt)
3 moderne Küsten-Minensucher
5 Hochsee-Minensucher
1 Hochsee-Minenjäger
7 Landungsschiffe (eines beschädigt)
Hilfsschiffe, Kleinstboote und Reserveeinheiten, Plattformen
Die Schwarzmeer-Flotte beansprucht die Herrschaft über das schwarze Meer mit seiner Größe von fast einer halben Million Quadratkilometern. Russland verfolgt im Schwarzen Meer seit Jahrhunderten sein Interesse an einem eisfreien und möglichst ganzjährig warmen Zugang zu den vitalen Seeverbindungswegen um Europa herum. Ein solcher Zugang soll Russlands Anspruch als Seemacht untermauern, schreibt Fregattenkapitän Göran Swistek für den Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik. Laut dem deutschen Autoren und Kapitän zur See, Axel Stephenson, bräuchte die russische Marine im Schwarzen Meer tatsächlich allerdings das Doppelte an Material, um diesem Anspruch gerecht zu werden.
Das Schwarze Meer bleibt umkämft: Nato zeigt Stärke
Das beobachtet auch die Nato: „Rumänien ist derzeit zum Dreh- und Angelpunkt der alliierten und amerikanischen Präsenz in der Schwarzmeerregion und der dort eingeleiteten Maßnahmen zur Erhöhung der Abschreckungs- und Verteidigungsbereitschaft der Nato geworden – allein durch Verdreifachung des US-Truppenkontingents auf 3.000 Soldaten in Rumänien. Von dort nutzen sie ihre Präsenz und Nähe zum Kampfgeschehen in der Ukraine zur kontinuierlichen Aufklärung und Informationsgewinnung. Dazu werden auch regelmäßig Drohnen im internationalen Luftraum über dem Schwarzen Meer eingesetzt“, analysiert Göran Swistek.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Die Schwarzmeer-Region ist also umkämpft – so Swistek weiter: „In der maritimen Domäne ist die Präsenz der Allianz in der Region seit Ausbruch des Angriffskriegs und dem Inkrafttreten der von der Türkei verhängten Einschränkungen der Passage des Bosporus weitestgehend zum Erliegen gekommen.“ Während der Annexion der Krim 2014 hatte der damalige rumänische Präsident Traian Băsescu auf dem zeitgleich stattfindenden Nato-Gipfel in Wales gesagt, das Schwarze Meer dürfe kein russischer Teich werden. Auch deshalb rasselt die Nato in der Region mit dem Säbel: „Sea Breeze“ ist ein Manöver der alliierten Streitkräfte, um im Schwarzen Meer Stärke zu zeigen.
Gegenoffensive drängt die Putins Flotte zurück
Das Manöver an der nordwestlichen Schwarzmeerküste wird jährlich von der Ukraine und den USA veranstaltet. Grundlage bildet ein Memorandum aus dem Jahr 1993 über die militärische Zusammenarbeit zwischen Kiew und Washington. Das erste Manöver im Schwarzen Meer fand 1997 statt. Laut Fregattenkapitän Christian Jentzsch ist der größte militärische Akteur im Schwarzen Meer die Nato, repräsentiert durch die drei dort ansässigen Bündnismarinen, Bulgarien, Rumänien und der Türkei, gefolgt von der russischen Schwarzmeer-Flotte. Der für die Bundeswehr forschende Militärhistoriker stützt die Einschätzung der britischen Geheimdienstler.
Nach Russlands offensiver Besetzung der strategisch wichtigen Schlangeninsel und der Bedrohung Chersons und Odessas sieht Jentzsch die Russen im Ukraine-Krieg auf dem Rückzug: „Seit Ende September deutet sich in Folge der ukrainischen Gegenoffensive an der Landfront ein Rückzug der Schwarzmeer-Flotte in weiter von der Front entfernt liegende Stützpunkte am russischen Teil der Schwarzmeerküste an.“ Mit Versenkung der „Moskwa“ bekam die russische Offensivkraft deutliche Schräglage. (Karsten Hinzmann)