VonAlexandra Heidsiekschließen
Schweden will seine Ermittlungen zu den Nord-Stream-Explosionen offenbar beenden. Das deutsche Verfahren zu der Sabotage läuft weiter.
Update vom 6. Februar, 13.30 Uhr: Die schwedische Staatsanwaltschaft will ihre Ermittlungen zu der Sabotage an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 offenbar in Kürze einstellen. Das berichten mehrere Medien übereinstimmend. Die schwedischen Behörden konnten demnach in ihrem Land keine konkreten Tatverdächtigen ausmachen. Der endgültige Beschluss wird für Mittwoch (7. Oktober) erwartet.
Die Entscheidung wird nur die schwedischen Ermittlungen betreffen – das deutsche Verfahren wird also weiterlaufen. Wie die Medien berichteten, könnten die deutschen Behörden von dem schwedischen Schritt sogar profitieren: Die schwedische Staatsanwaltschaft stellt ihnen im Anschluss eventuell ihre Beweismittel zur Verfügung.
Erstmeldung: Nord-Stream-Ermittlungen - Schweden kurz vor Entscheidung
Stockholm – Anderthalb Jahre nach der Tat kommt Bewegung in die Ermittlungen um die explodierten Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2. Der mit der Aufklärung beauftragte Staatsanwalt Mats Ljungqvist gab gegenüber der schwedischen Zeitung Expressen an, in den kommenden Tagen über das weitere Vorgehen entscheiden zu wollen. Das Urteil werde nur die schwedischen Untersuchungen betreffen.
Inbetriebnahme von Nord Stream 2 lag schon zu Kriegsbeginn auf Eis
Drei der vier Stränge der Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 wurden am 26. September 2022 durch mehrere Explosionen unter Wasser schwer beschädigt. Die mehr als 1200 Kilometer langen Rohrleitungen sollten Erdgas von Russland direkt nach Deutschland transportieren. Berlin hatte die Inbetriebnahme der wenige Monate zuvor fertig gestellten Pipeline Nord Stream 2 nach Beginn des Ukraine-Kriegs jedoch verweigert.
Die Pipelines hatten schon vor dem Sabotageakt politische Sprengkraft. Nord Stream 2 gehört vollständig dem russischen Energiegiganten Gazprom. Fachleute warnten, Deutschland würde sich damit noch tiefer in die Abhängigkeit von Gaslieferungen aus dem Kreml stürzen. Auch die EU hatte das Vorhaben stets kritisiert und darauf hingewiesen, dass Russland die Leitungen nutzen könnte, um politisch Druck auf die europäischen Partner auszuüben.
Spuren der Nord-Stream-Ermittlung führen nach Polen und in die Ukraine
Zudem hatte sich insbesondere die Regierung in Warschau über potenzielle Verluste beklagt. Die Landtrasse der ebenfalls von Russland betriebenen „Yamal“-Pipeline brachte Polen hohe Gebühreneinnahmen und eine gute Stellung, um bessere Erdgaspreise auszuhandeln. Auch die Ukraine war als Transitland der Pipeline „Sojus“ von ähnlichen Konsequenzen betroffen. Im Zuge der aktuellen Ermittlungen stehen beide Staaten in Verdacht, Informationen zu unterschlagen.
So gab es aus Polen im Oktober 2023 widersprüchliche Berichte über eine mögliche Verwicklung Russlands in den Anschlag. In Kołobrzeg (Kolberg) hatten Grenzbeamte die Crew der verdächtigen Segeljacht „Andromeda“ untersucht, die sich zum Tatzeitpunkt in der Nähe der Pipelines befand. Angebliche Videoaufnahmen wollen sie laut Angaben der Zeit jedoch nicht mit den deutschen Behörden teilen. Darüber hinaus hat die Firma, von der aus die „Andromeda“ wohl gechartert wurde, ihren Sitz in Warschau, wie aus einem Bericht der ARD hervorgeht.
Ukrainischer Ex-Agent vermutlich Teil der Nord-Stream-Saboteurgruppe
In der Ukraine hingegen führt die Spur zu einem Kommandeur der Spezialkräfte. Während Präsident Wolodymyr Selenskyj jedwede Mittäterschaft dementiert, verweist eine gemeinsame Recherche vom Spiegel und der Washington Post auf den in Ungnade gefallenen Ex-Geheimdienstler Roman Tscherwynsky. Er soll die Sprengung koordiniert und die Logistik verantwortet haben. Die Anschuldigung ist brisant: Tscherwynsky, der 2020 an der Schein-Rekrutierung von Wagner-Söldnern im Donbass beteiligt gewesen sein soll, war ein hochrangiger Agent. Es scheint kaum möglich, dass er den Angriff auf die Nord Stream-Pipelines geplant haben könnte, ohne dass der ukrainische Generalstab um Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj davon wusste.
Details nannte Ljungqvist nicht, als er eine baldige Entscheidung für den Untersuchungsverlauf ankündigte. Ob er jemanden anklagt, einen Haftbefehl ausschreibt oder die Ermittlungen ganz einstellt, bleibt noch offen. (ah)
Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/ESA

