Verteidigung der Front: Ukraine rüstet sich für Zermürbungskrieg gegen Russland
VonLisa Mahnke
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Die Ukraine rüstet sich für einen langen Krieg. Ihre Strategie kopiert die von Russland. Was bedeuten die Befestigungsanlagen für den Ukraine-Krieg?
Kiew – Die Ukraine beginnt, sich schneller auf anhaltende Gefechte vorzubereiten. Die Zeit scheint zu drängen. Während Russland bereits im letzten Jahr angefangen hatte, die Front zu befestigen, kündigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor einiger Zeit an, Befestigungsanlagen verstärken und neu errichten zu wollen. Nun sind die Ausmaße der Anlagen bekannt geworden: Mit insgesamt 2000 Kilometern Länge stellt die Befestigung kein kleines Projekt dar.
Der ukrainische Premierminister Denys Schmyhal erklärte laut The Kyiv Independent, dass die Regierung ungefähr 17,5 Milliarden Hrywnja (etwa 412 Millionen Euro) für den Bau von Festungsanlagen bereitgestellt habe. „Die Verteidigung von drei 2000 Kilometer langen Bahnen ist eine große Aufgabe, aber das Tempo ist jetzt gut. Ich freue mich auf die rechtzeitige Fertigstellung“, erklärte Selenskyj auf seinem Telegramkanal. Vor einigen Tagen war noch die Rede von „lediglich“ 1000 Kilometern.
Britischer Minister warnt vor „Zermürbungskonflikt“ – Reicht die Zeit für eine Verteidigungslinie der Ukraine?
„Die Errichtung größerer Verteidigungsstellungen deutet auf einen Zermürbungskonflikt hin und bedeutet, dass jeder Versuch, sie zu durchbrechen, wahrscheinlich mit hohen Verlusten einhergehen wird“, schrieb der britische Verteidigungsminister laut der AFP. Die Befestigungsstrategie der Ukraine ist eine Reaktion auf die russische Surowikin-Linie, eine starke russische Verteidigungslinie, die den Vormarsch der ukrainischen Truppen und die Gebietseinnahme deutlich erschwert. Die russische Linie ist eine dreischichtige Befestigungsanlage aus Schützengräben, Panzerfallen und Stützpunkten.
Die Pläne der ukrainischen Verteidigungslinie orientieren sich an dem russischen Pendant – auch dort sollen Panzersperren (sogenannte Drachenzähne), Panzerabwehrgräben, Infanteriegräben und Minenfelder in drei Verteidigungsreihen genutzt werden. Allerdings wird das Endresultat einigen Einschätzungen nach wahrscheinlich weniger tief und ausgefeilt. „Die ukrainischen Verantwortlichen sagen bereits, dass die Zeit der Schlüsselfaktor ist, der sie daran hindert, so etwas wie die Surowikin-Linie zu bauen“, so Iwan Klyszcz vom Internationalen Zentrum für Verteidigung und Sicherheit (ICDS) in Estland laut der AFP.
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„Um sich für eine Verteidigungsoperation im operativen Kommando ‚eingraben‘ zu können, braucht man etwa 5 bis 8 Pionierbataillone, und es gibt nur eines. Frage: warum nicht alle anderen? Das ist unbekannt“, erklärte der Oberst der Reserve Viktor Kewliuk gegenüber BBC. Mit dem Mangel an zuständigen Bataillonen gehen auch für die Kriegsführung Risiken ein, vor allem weil nicht auf einmal eine durchgehende Verteidigungslinie geschaffen werden kann. Es gibt immer auch Schwachstellen, die durch die russische Armee leichter durchbrochen werden könnten.
Zwischenlösung im Ukraine-Krieg: „Aktive Verteidigung“ soll Defensive mit Rückeroberung kombinieren
Eine solche Befestigungsanlage sei „notwendig, da die Ukraine aufgrund der Munitionsknappheit und der sinkenden Moral der Truppen eindeutig in die Defensive geraten ist“, so Klyszcz. Selenskyj könne mit der Art der Befestigung seinem Ziel, „die Zahl der Toten und Verletzten auf russischer Seite zu maximieren“, näher kommen, sagte Seth Jones vom US-Thinktank CSIS gegenüber der AFP.
Ein ukrainisches Ziel ist jedoch auch die Gebietsrückeroberung, wofür sich eine eher dynamische Befestigungsanlage eignen würde. „Wenn die Linien statisch sind und sich überhaupt nicht bewegen, ist das aus politischer Sicht nicht gut“, sagte Edward Arnold von der Denkfabrik des „Royal United Services“-Instituts gegenüber The Telegraph. Man verfolge stattdessen das Konzept der „aktiven Verteidigung“, bei der die Verteidigungslinien gehalten werden und gleichzeitig Schwachstellen in der russischen Verteidigung gefunden werden sollen.
„Phase des Nachladens“ oder Scheitern der Offensive der Ukraine? Experten-Meinungen gehen auseinander
Alexander Chramtschichin vom Institut für Militäranalyse sieht den Bau der Verteidigungsanlage als Beweis für das Scheitern der ukrainischen Offensive. „Der mögliche Erfolg der Anlage hängt von ihrer Qualität ab“, so Chramtschichin laut der AFP. Wassili Kaschin von der Hochschule für Wirtschaft in Moskau stellt anhand der gescheiterten Befestigungsanlage in Awdijiwka die Frage gegenüber der AFP: „Hat die Ukraine genug Leute, um sie zu bauen und dann zu verteidigen?“
„Das Kräfteverhältnis ändert sich und die Ukraine strebt eine Verlängerung des Konflikts bis mindestens 2025 an“, sagte Kaschin. De facto geht es für beide Seiten ums Durchhalten – bis entweder die Sanktionen gegen Russland mehr Wirkung zeigen, bis die Waffenlieferungen der westlichen Länder an die Ukraine einbrechen oder bis es zu erfolgreichen Verhandlungen kommt. Das Französische Institut für Internationale Beziehungen (Ifri) sprach von einer „Phase des Nachladens“, weniger von einer „Sackgasse“. Es ginge darum, „sich mit Mitteln auszustatten, um eine Entscheidung bis 2025 oder 2026 herbeizuführen“. (lismah)