Krieg in der Ukraine

Selenskyj versus Saluschnyj: Zwist der ukrainischen Nationalhelden

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Eine Anmutung von Frieden am Ufer des Bug in Mykolajiw Anfang November.
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Kiews Präsident Selenskyi und Armeechef Saluschnyi streiten sich über den Fortgang des Krieges und eine mögliche Präsidentschaftswahl in der Ukraine.

Man habe einen Plan, versicherte Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch. „Wir haben sehr konkrete Richtungen und sehr konkrete Städte, auf wir uns zubewegen“. Wenige Tage zuvor hatte der ukrainische Präsident erklärt, an der Front herrsche kein Patt. „Wir haben kein Recht, die Hände sinken zu lassen.“ Worte, mit denen Selenskyj vor allem einem widersprach: Walerij Saluschnyj. Der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte hatte im Journal Economist selbstkritisch erklärt, die Manöver beider Seiten seien in eine Sackgasse geraten – und damit auch die eigene Offensive südlich von Saporischschja. Jetzt herrsche Stellungskrieg, ein „langwieriger Krieg, der gewaltige Risiken für den ganzen Staat“ berge.

Die offensichtliche Unzufriedenheit Selenskyjs mit seinem Cheffeldherren wurde von Moskaus Propagandisten bejubelt, in Kiew befürchten viele das Schlimmste: dass der Nationalheld Selenskyj den Nationalhelden Saluschnyj feuert. 21 Kriegsmonate lang galt der eine als Garant für internationale Waffenhilfe, der andere für militärische Siege. Jetzt stellen vor allem westliche Kommentare beides in Frage.

Und Anfang der Woche verkündete Oppositionsparlamentarier Wolodymyr Arjew auf Facebook, die Entlassung Saluschnyjs stehe unmittelbar bevor, zog aber seinen Post schon nach einer Stunde zurück. Präsidentenberater Mychajlo Podoljak sagte dem TV-Kanal Current Time, es gäbe keinerlei Konflikte.

Militär kommt kaum voran: „Der Präsident sollte seine eigene Umgebung zur Rede stellen“

Aber die Umgebung Selenskyjs, wenn nicht er selbst, pflegt gegenüber dem General schon länger eine „stille Eifersucht“, wie die BBC es nennt. Auch weil der vierschrötige Saluschnyj bei Meinungsforschern als der Einzige gilt, der Selenskyj bei Präsidentschaftswahlen Konkurrenz machen könnte. Nach einer Umfrage des Kiewer Meinungsforschungszentrums KMIS fiel die Popularitätsrate Selenskyjs von Mai 2022 bis Oktober 2023 von 91 auf 76 Prozent. Die Rate der Streitkräfte, die Saluschnyj befehligt, sank trotz der enttäuschten Hoffnung auf einen großen Durchbruch im Süden viel unwesentlicher von 98 auf 94 Prozent.

Danach bekam Selenskyj noch mehr Schwierigkeiten. Ein enger Mitarbeiter erklärte dem Journal Time anonym, aber sehr defätistisch, man habe militärisch keine Optionen mehr, Selenskyj aber betrüge sich selbst.

„Der Präsident sollte seine eigene Umgebung zur Rede stellen und einige Leute feuern, auch persönliche Berater“, sagt der Politologe Ihor Rejterowitsch. Saluschnyj dagegen habe noch mit keinem öffentlichen Wort versucht, Politik zu machen, seine Entlassung könne zu einer innenpolitischen Explosion führen.

Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte: Walerij Saluschnyj.

Ukraine: Streit auf zwischen Russisch und Ukrainisch sprechenden Menschen

Unruhe herrscht schon jetzt. In Kiew kamen Gerüchte auf, Selenskyj habe auf Druck der USA trotz des Krieges beschlossen, im Frühjahr Präsidentschaftswahlen zu veranstalten. Angesichts täglicher russischer Raketenangriffe und 20 Prozent feindlich besetzten Staatsgebietes sprachen sich aber außer Selenskyj sehr schnell auch Oppositionsführer Petro Poroschenko und andere Politiker:innen dagegen aus. Nur der ehemalige Präsidentenberater Oleksij Arestowitsch, früher als lautstarker Russland-Beschimpfer bekannt, hatte sich schon mit dem überraschenden Aufruf zu Gebietsverzichten als Kandidat platziert.

„Je weniger Neuigkeiten wir von der Front bekommen, umso mehr wird es im Hinterland geben“: Der Kriegsblogger Pawlo Kasarin erwartet angesichts der festgefahrenen Kriegslage immer heftigere innenpolitische Rempeleien. Sie könnten böse Zerwürfnisse zwischen den politischen Lagern, zwischen Zivilbeamten und Militärs, auch zwischen Front und Heimat verursachen.

Und seit kurzem tauchen auf verschiedenen Telegramkanälen Videos von Streitereien zwischen Russisch und Ukrainisch sprechenden Bürger:innen auf. In Kiew setzte ein Taxifahrer eine Frau auf die Straße, weil sie von ihm verlangt hatte, mit ihr ukrainisch zu reden, im Lemberg verlangte ein Kunde von einer Supermarktkassiererin, sie solle ihn auf Russisch bedienen. Irina Farion, rechtspopulistische Exparlamentarierin, beschimpfte alle ukrainischen Soldaten, die Russisch statt Ukrainisch sprechen, als „Bullen mit moskowitischen Mäulern.“ Aber ihre Attacke ging in einem Hagel ukrainisch-russischer Beschimpfungen unter, Boxweltmeister Oleksander Ussyk warf ihr in Versen vor, sie habe schon in der Sowjetunion als KGB-Spitzel gearbeitet. Facebook blockierte Farion. Und der der Frontoffizier Maksim Schorin, als früherer Kommandeur des Asow-Regiments einer der populärsten Kriegshelden, belegte sie unter allgemeinem Beifall mit einem russischen „Leck mich am…!“

Nach einer Umfrage vom September glauben 90 Prozent der Ukraine, die Armee werde alle ukrainischen Gebiete befreien. Auf jeden Fall bleibt sie bis auf weiteres Garant der nationalen Einheit. (Dmitri Durnjew)

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