„Für Sieg über die Russen unerlässlich“

Ex-General erklärt: Fünf Grundlagen sind entscheidend für möglichen Ukraine-Sieg über Russland

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Turnaround im Ukraine-Krieg? Ex-General Mick Ryan erklärt anhand von fünf Grundlagen, wie ein Sieg Kiews im Kampf gegen Russland möglich wird.

Kiew – Verkündete Russland zu Beginn des Ukraine-Krieg viele Gebietsgewinne, stockt die Invasion von Wladimir Putin aktuell gewaltig. Mittlerweile geht die Ukraine gar selber mancherorts in die Offensive über, besonders im Süden des Landes. Zuletzt gab es immer wieder Explosionen auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim, wobei nicht offiziell bestätigt wurde, ob es sich hierbei um einen gezielten ukrainischen Angriff mit westlichen Waffen oder Krim-Attacken ukrainischer Partisanen handelte. Unter anderem soll durch eine Explosion angeblich mehr als die Hälfte der Jets der Schwarzmeerflotte lahmgelegt worden sein.

Einen Fortschritt aufseiten Kiews sieht derweil auch Mick Ryan, ein Ex-General der australischen Armee, der sich besonders via Twitter in den Monaten des Krieges zwischen Wladimir Putins Russland und der Ukraine einen Namen als Experte und Analyst im Kriegsgeschehen gemacht hat. In einem Interview mit dem US-Sender CNN gab Ryan unlängst an, dass die Ukraine seit langem erkannt habe, dass man in einem direkten Krieg gegen Russland unterlegen wäre. Deshalb seien Selenskyjs Truppen dabei, „indirekt“ die Kampfkraft der Putin-Armee zu zersetzen. Ist so sogar ein Sieg für die Ukraine über Russland möglich? Laut Ryan gäbe es hierfür einige Aspekte, die entscheidend sind.

Ex-General erklärt, wie Ukraine Krieg gewinnen kann - politische Unterstützung im Fokus

„Ein wichtiger Vorbehalt: Den Ausgang eines Krieges vorherzusagen ist unmöglich“, merkt Ryan an. Unter der Bezeichnung „Eine Prüfung der Aussichten auf einen ukrainischen Sieg“, veröffentlichte er auf Twitter dennoch einen Thread, in dem er fünf Punkte auflistet, die zentral für einen möglichen Erfolg wären. Punkt eins: Die politische Unterstützung des Westens. Der Support aus Ländern wie Deutschland oder den USA sei ganz klar ein „zentrales Element der ukrainischen Verteidigung“. Während die Bodentruppen weiterhin knapp seien, sei es laut Ryan daher eine „Hauptaufgabe“ der Regierung in Kiew, die Unterstützung bis zum Ende des Krieges aufrechtzuerhalten. Bisher scheint dies zu funktionieren, erst kürzlich kündigten die USA und auch Deutschland neue Waffenlieferungen an.

Ukraine-Besuche im Krieg – Die Politik zeigt Solidarität

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rates während einer gemeinsamen Pressekonferenz  im März 2022.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (vorne) empfängt im März 2022 hohen Besuch (von links): Jaroslaw Kaczynski (Vize-Ministerpräsident von Polen), Petr Fiala (Ministerpräsident der Tschechischen Republik), Janez Jansa (Verteidigungsminister von Slowenien), Mateusz Morawiecki (Ministerpräsident von Polen) sind zu Gast in Kiew. © imago-images
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha. Flankiert wird sie vom slowakischen Ministerpräsidenten Eduard Heger (links) und dem Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell (rechts).  © SERGEI SUPINSKY/AFP
Wolodymyr Selenskyj (links) und Karl Nehammer in Kiew am 09. April 2022
Selenskyj traf sich mit dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer für bilaterale Gespräche. © imago
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken. © AFP PHOTO / the Ukrainian Presidential Press Service
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka.
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka. © Jakub Szymczuk/dpa
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj zu treffen.
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj (Mitte) zu treffen (von links): Gitanas Nauseda (Litauen), Andrzej Duda (Polen), Egils Levits (Lettland) und Alar Karis (Estland). © Jakub Szymczuk/Kprp/dpa
Der US-Verteidigungsminister und der US-Außenminister trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew.
Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links in der Mitte) und der US-Außenminister Anthony Blinken (rechts daneben) trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew. © Ukraine President s Office/imago
Während dem Besuch des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an.
Während des Besuchs des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an. © AFP PHOTO/UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko in Kiew.
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko (rechts) in Kiew.  © Efrem Lukatsky/dpa
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche.
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche. © Michael Schlick/dpa
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew.
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew. © Pavlo_Bagmut/imago
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem unbekannten Soldaten die Hand schüttelt
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem Soldaten die Hand schüttelt. © SERGEI SUPINSKY/AFP
Die Band U2 signiert eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besucht.
Bono (Mitte) und The Edge (Zweiter von links) von der Band U2 signieren eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besuchen. © SERGEI CHUZAVKOV/AFP
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine.
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine. © Efrem Lukatsky/dpa
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat Mitch McConnell im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew.
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew. © Ukraine Presidency/imago

Militär-Experte Mick Ryan: Ukraine auf wirtschaftliche Hilfen angewiesen

Punkt zwei auf Ryans Liste: Die wirtschaftliche Unterstützung. Die ukrainische Wirtschaft hat durch die Invasion merklich gelitten. Großes Beispiel hierfür sind die besetzten Häfen samt Streit um die Getreide-Ausfuhr. Hier erfolgte zwar eine Einigung, die Route des ersten wieder ausgelaufenen Ukraine-Frachters gab aber Rätsel auf. Nicht nur durch Waffenlieferungen, auch durch ökonomische Hilfen ist es dem Land überhaupt möglich, die Regierungsstrukturen aufrechtzuerhalten und den teuren Krieg zu finanzieren. Auch diese Hilfen müssten aus dem Westen dringend weiter gehen, damit Kiew in der Lage sei, die Verteidigungslinien zu erhalten und die Russen von ihren Gebieten zu verdrängen, erklärt Ryan.

Schlüssel zum Sieg im Ukraine-Krieg? Laut Ex-General muss Westen die Waffenlieferungen weiter erhöhen

Ryans dritter Punkt, der mit den ersten beiden in Verbindung steht: militärische Hilfe. „Moderne Kriege, besonders solche wie sie in der Ukraine geführt werden, verbrauchen rapide Munition, Equipment und auch Menschen“, schreibt Ryan in seinem Twitter-Beitrag. Ryan wisse, dass die westlichen Länder teils ihre „am höchsten entwickelten Präzisionswaffen“ zur Verfügung stellen und auch die NATO sich durch Trainingsprogramme für Soldaten beteilige. Wichtig für einen möglichen Ukraine-Erfolg über Russland sei allerdings, dass diese Waffen-Hilfe nicht nur aufrechterhalten, sondern sogar erhöht werde.

Eine ukrainische Einheit zur Beseitigung von Minen im Krieg. Auf die Stärke der Einheiten wird es ankommen, damit die Ukraine eine Chance auf einen Sieg im Krieg hat.

„War essenziell“: Analyst Ryan schreibt Selenskyj Schlüsselrolle im Ukraine-Krieg zu

Das Gesicht des Widerstandes in der Ukraine ist seit Kriegsbeginn Präsident Wolodymyr Selenskyj. Ihm schreibt Experte Ryan in seinem vierten Aspekt auch für den weiteren Kriegsverlauf eine wichtige Rolle zu. „Ein vierter Grundstein für den Erfolg der Ukraine ist die Führung“, so Ryan. Selenskyj habe nicht nur sein Volk im Widerstand geeint, er habe sich auch global einen großen Einfluss erarbeitet. „Das war essenziell für humanitäre, diplomatische und militärische Hilfe“, behauptet Ryan im Twitter-Thread weiter. Allgemein habe die ukrainische Führung eine „clevere und raffinierte Kampagne gegen Russland“ entwickelt, die unbedingt weitergeführt werden müsste.

General a.D. Mick Ryan: „Schlussendlich muss die Ukraine auf dem Schlachtfeld gewinnen“

Ryans fünfter und letzter Punkt ist auch ein wenig die Zusammenführung aller oben genannten Aspekte: „Schlussendlich muss die Ukraine auf dem Schlachtfeld gewinnen“, so der General a. D. Wenn die anderen vier von ihm aufgeführten Grundlagen gegeben seien, werde man „den Erfolg im Nahkampf untermauern, welcher für den Sieg über die Russen unerlässlich ist.“ Die Ukrainer hätten längst verstanden, dass dieser Krieg ein Kampf um die Existenz ist. Ihr von Russland besetztes Land zurückzuerobern sei für den Sieg unerlässlich.

Zusätzlich gibt Ryan noch einen kleinen Ausblick, wie es weiter gehen könnte. Bis zum Winter werde die Ukraine die Angriffe im Süden „wahrscheinlich fortsetzen“, um Gebiete zurückzuerobern. Allerdings seien „offensive Kampagnen viel schwieriger als defensive. Und es gibt keine Erfolgsgarantie“, erklärt der Analyst. Dass das Land „Mut, Intelligenz, Einfluss, und vor allem Herz“ habe, habe man in den letzten sechs Monaten aber eindrucksvoll demonstriert.

Derweil wächst nicht nur bei Mick Ryan der Glaube, dass die Ukraine das Kriegs-Runder herumreißen kann. Auch zwei andere Experten denken bereits an Wladimir Putins Niederlage. Aber was passiert mit dem Kreml-Chef, falls die Invasion zu seinen Ungunsten ausgeht? Angeblich hat Putin bereits einen Exil-Plan. (han)

Rubriklistenbild: © David Goldman / dpa

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