Weltweites Aufrüsten

Sipri-Bericht zeigt weltweiten Anstieg einsatzbereiter Atomwaffen – „seit Kaltem Krieg nicht mehr erlebt“

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Die USA und Russland verfügen weltweit über die meisten Atomwaffen – und führen darüber kaum noch diplomatische Beziehunge. Ein neues nukleares Wettrüsten.

Stockholm – Die Zahl der einsatzbereiten Atomköpfe steigt weltweit an. Auf dieses Ergebnis kommt das Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri in seinem am Montag (17. Juni) veröffentlichten Jahresbericht. Die tatsächliche Zahl an Atomwaffen würde zwar kontinuierlich sinken, vor allem weil Russland und die USA ausgemusterte Sprengköpfe demontieren würden. Gleichzeitig steige dagegen die Menge an einsatzfähig gehaltenen Nuklearwaffen, wie die Deutsche Presseagentur (dpa) berichtete.

Zahl der einsatzfähigen Atomwaffen steigt – fast alle im Besitz der USA und Russland

Aus dem Bericht geht hervor, dass sich beinahe 90 Prozent aller einsatzbereiten Atomwaffen im Besitz der USA und Russland befinden sollen. Zudem würden diese Länder „umfangreiche Programme zum Ersatz und zur Modernisierung ihrer nuklearen Sprengköpfe, ihrer Raketen-, Flugzeug- und U-Boot-Trägersysteme und ihrer Kernwaffenproduktionsanlagen“ auf den Weg bringen, wie es in dem Sipri-Jahresbericht heißt.

Die USA und Russland verfügen weltweit über die meisten Atomwaffen – und rüsten weiter auf. (Montage)

Die Aufrüstung beschränke sich jedoch nicht nur auf nukleare Großmächte wie die USA unter Präsident Joe Biden. Auch alle anderen Staaten, die über Atomwaffen verfügen, sollen ihr Arsenal modernisieren oder ihre Absicht dazu erklärt haben. Das gelte für Länder wie Großbritannien, Pakistan, Iran oder auch Nordkorea. Sogar China habe erstmals Atomwaffen einsatzbereit gemacht.

Im Januar 2024 gebe es einer Schätzung von Sipri zufolge weltweit 12.121 Atomwaffen und Atomsprengköpfe. Davon sollen 3904 einsatzbereit sein. Russland und die USA liegen mit etwa 1700 einsatzbereiten Nuklearwaffen somit fast gleichauf.

Zahl der Atomwaffen steigt weltweit an – Sipri-Bericht nennt auch Ukraine-Krieg als Grund

„Wir haben seit dem Kalten Krieg nicht mehr erlebt, dass Atomwaffen eine so herausragende Rolle in den internationalen Beziehungen spielen“, zitiert die dpa den Leiter des Sipri-Programms für Massenvernichtungswaffen, Wilfred Wan. Vor allem der Krieg in der Ukraine wirke sich negativ „auf das bilaterale und multilaterale Engagement in der nuklearen Rüstungskontrolle“ aus, heißt es in dem Jahresbericht.

Russland sei aus bestehenden Vereinbarungen über nukleare Abrüstung zurückgetreten. Dabei habe die Regierung unter Machthaber Wladimir Putin auf die strategische Bedeutung nuklearer Waffensysteme hingedeutet – gerade im Kontext von US-Waffenlieferungen an die Ukraine.

Russland droht dem Westen mit „asymmetrischer“ Antwort auf „provokative Äußerungen“

Russland droht während des Ukraine-Kriegs häufig mit dem Einsatz von Atomwaffen. Erst Anfang Juni richtete das Regime in Moskau eine Warnung an die USA – wegen mutmaßlicher Angriffe der Ukraine auf russische Atom-Frühwarnsysteme mit US-Waffen. „Die Antworten können asymmetrisch sein“, so der russische Vize-Außenminister Sergej Rjabkow.

Einsatzfähige Atomwaffen nach Ländern:

LandZahl der einsatzfähigen Atomwaffen
USA1770
Russland1710
Frankreich280
Großbritannien120
China24

Quelle: Sipri Yearbook 2024

Zudem hat Russland zuletzt den Einsatz von Atomwaffen simuliert. Während der wochenlangen Übungen soll auch der Abschuss elektronisch simulierter Raketen getestet worden sein, wie das Verteidigungsministerium in Russland mitteilte. Auch hier richte sich die nukleare Drohgebärde gegen den Westen. Die Übungen seien eine Reaktion auf „provokative Äußerungen und Drohungen“ des Westens.

Die Nuklearexpertin Mariana Budjeryn nimmt die Drohungen Russlands ernst. Gegenüber dem Tagesspiegel sagte sie Ende Februar, dass sich Putin für einen direkten Schlag gegen die Ukraine entscheiden könnte, wenn er „diesen Krieg sehr schnell zu russischen Bedingungen beenden“ wolle.

Sipri-Bericht beklagt mangelnde Transparenz bei Atomwaffen

Gerade bei den beiden führenden Atommächten USA und Russland gestalte sich eine Einschätzung der Atomwaffen-Situation als besonders schwierig, wie es in dem Bericht von Sipri heißt. „Die Verfügbarkeit von zuverlässigen Informationen über den Status der Atomwaffenarsenale und Fähigkeiten der nuklear bewaffneten Staaten ist sehr unterschiedlich“, so der Bericht.

Nichts mehr wie zuvor - ein außenpolitischer Rückblick

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Juni: Söldnerunternehmer Jewgenij Prigoschin will seine „Loyalität zu Putin“ bekunden und inszeniert einen Putsch seiner „Wagner“-Truppe. Im letzten Augenblick wird er ins Exil nach Belarus abgelenkt. Im August stürzt er mit einem Flugzeug ab, seitdem verehrt man in Moskau sein Andenken.  © AFP
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August: Die Freude in Gabun ist riesig, als das Militär die Herrscherdynastie Bongo nach fast 56 Jahren an der Macht endlich wegputscht. Vor Gabun wurde im Niger geputscht, davor in Mali, davor in der Zentralafrikanischen Republik. Besser wird das Leben unter den neuen Mächtigen in Tarnfarben aber nicht.  © AFP
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Auch die diplomatischen Beziehungen zur Rüstungs- und Nuklearkontrolle zwischen den USA und Russland habe sich deutlich verschlechtert. Anfang 2023 trat Russland aus dem „New START“-Vertrag mit den USA aus – ein Abkommen zur Reduzierung von Nuklearwaffen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten. Obendrein hat Putin ein Abkommen über ein umfassendes Verbot von Nuklearversuchen aufgekündigt. Grund dafür sei eine „Ungleichgewicht“ mit den USA gewesen. (nhi/dpa)

Rubriklistenbild: © Pavel Bednyakov/MediaPunch/IMAGO (Montage)

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