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„Absolut illusorisch“: Rechtsexperte fällt vernichtendes Urteil zu Söders AKW-Vorstoß

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Bayerns Ministerpräsident Söder will den AKW-Betrieb zur Ländersache machen. Kritiker werfen ihm Populismus vor. Ein Rechtsexperte bewertet Söders Vorstoß.

München - Einst drohte Markus Söder mit seinem Rücktritt, sollte Deutschland nicht den Atomausstieg beschließen. Das war 2011, nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Söder war damals Umweltminister. Jetzt, zwölf Jahre später, setzt der bayerische Ministerpräsident öffentlichkeitswirksam alle Hebel in Bewegung, damit die deutschen AKW weiterlaufen dürfen.

Kaum waren am Sonntag (16. April) die letzten deutschen AKW abgeschaltet, verschaffte sich der CSU-Chef mit einer ungewöhnlichen Forderung Gehör: Söder forderte in der Bild am Sonntag, der Bund solle das Atomgesetz ändern und den Ländern die Zuständigkeit dafür geben. Dadurch könne Bayern den Atommeiler Isar 2 in eigener Regie weiterbetreiben.

Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Christoph Degenhart erläutert im Gespräch mit Merkur.de, wie dies rechtlich überhaupt vonstattengehen könnte. Fazit des emeritierten Professors für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Leipzig: Söders Vorstoß gehört derzeit rein rechtlich gesehen ins Reich der Fabel.

Markus Söder (CSU) fordert den Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke.

Bund allein zuständig für Kernenergie - Söder bräuchte Verfassungsänderung

„Nach dem deutschen Grundgesetz liegt die Zuständigkeit für die Kernenergie allein beim Bund“, erläutert Degenhart. „Der Bund hat die alleinige Gesetzgebungszuständigkeit. Die Länder vollziehen lediglich die Gesetzgebung im Auftrag des Bundes.“ Wolle man daran etwas ändern, brauche es eine Verfassungsänderung, so der ehemalige Richter am Verfassungsgericht in Sachsen. Einer solchen Änderung das Grundgesetz müssten zwei Drittel des Bundestags und zwei Drittel des Bundesrats zustimmen. „Das ist momentan absolut illusorisch“, so Degenhart.

Söders Forderung sei daher „nicht in die Realität übersetzbar“. Aus welchen Motiven der bayerische Politiker sie trotzdem in die Welt setzt, darüber will der Experte nicht spekulieren. Vermutlich wolle der CSU-Politiker demonstrieren, dass ein Weiterbetrieb von Isar 2 nicht an ihm, sondern am Grundgesetz scheitere.

Prof. Dr. Christoph Degenhart, ehemaliger Professors für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Leipzig.

Söder erntet Kritik aus Ampel-Koalition: „Populist, der seinesgleichen sucht“

Verschiedenste Politiker bewerten Söders Motive eindeutiger: „Markus Söder ist ein Populist, der seinesgleichen sucht“, sagte der SPD-Abgeordnete und Rechtsanwalt Matthias Miersch (SPD) im Deutschlandfunk. Auch andere Politiker der Ampel-Koalition aus SPD, Grüne und FDP sowie Vertreter der Linkspartei wiesen den Vorstoß harsch zurück, ebenso wie der Präsident des Bundesamts für die Sicherheit nuklearer Entsorgung.

Rückenwind bekommt Söder dagegen vom Vize-Bundesvorsitzenden der CDU, Carsten Linnemann: Er spricht sich ebenfalls für einen Weiterbetrieb von Isar 2 in bayerischer Eigenregie aus. Deutschland befinde sich derzeit in einer „Notsituation“, sagte der CDU-Vize. „Rechtlich“ brauche Söder zwar erstmal „eine Mehrheit und er muss ein Bundesgesetz ändern“, räumte Linnemann im Sender RTL/ntv ein. „Aber dass Politiker erstmal eine Meinung haben in so einer Situation, wo wir eine ganz andere Lage haben als vor zehn Jahren, finde ich richtig.“

AKW-Betrieb in Länderregie? Experte sieht „ungeahnte Folgeprobleme“

Rechtsexperte Christoph Degenhart sieht jedoch noch weitere Probleme, sollte er seiner Meinung nach „schwer vorstellbare Fall“ eintreten, dass die Kernenergie zur Ländersache werde: „Die Energieversorgung kann ja nicht isoliert gesehen werden“, sagt er. Sollte Bayern, wenn die rechtlichen Grundlagen geschaffen würden, tatsächlich ein Atomkraftwerk weiterbetreiben, so müsste dies wohl in Abstimmung mit angrenzenden Bundesländern geschehen. Dabei könnten sich „ungeahnte Folgeprobleme“ ergeben. 

Der Rechtswissenschaftler sieht allerdings auch den Atomausstieg an sich verfassungsrechtlich bedenklich: Die Frage sei, wie sich der Ausstieg mit dem Klimaschutzziel des Grundgesetzes vertrage, so der Jurist.

Angela Merkel: Die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel (CDU) im Scheinwerferlicht
Die Kanzlerin im Scheinwerferlicht: Angela Merkel (CDU) hat eine beeindruckende Karriere vorzuweisen. © Ina Fassbender/dpa
Helmut Kohl und Angela Merkel beim Parteitag der CDU
Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und seine damals neu gewählte Stellvertreterin, Frauenministerin Angela Merkel (CDU) bei einem Parteitag. (1991) © Michael Jung/dpa
Gerhard Schröder und Angela Merkel geben sich die Hand
Der bisherige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) übergibt das Bundeskanzleramt an die neue Kanzlerin Angela Merkel (CDU). (2005) © Peer Grimm/dpa
Angela Merkel (CDU) trifft europäische Staatsmänner beim Euro-Gipfel zur Finanzkrise in Paris
Angela Merkel (CDU) spricht mit dem niederländischen Minister Jan Peter Balkenende and dem belgischen Prime Minister Yves Leterme beim Euro-Gipfel zur Finanzkrise in Paris. (2008) © Dolega/dpa
2009 wird Angela Merkel (CDU) zum zweiten Mal als Bundeskanzlerin vereidigt
Angela Merkel (CDU) wird in Berlin zum zweiten Mal als Bundeskanzlerin vereidigt. (2009) © Michael Hanschke/dpa
Angela Merkel (CDU) und Queen Elizabeth II. unterhalten sich bei einem Klimagipfel in London
Angela Merkel (CDU) und Queen Elizabeth II. unterhalten sich bei einem Klimagipfel in London. (2009) © dpa
Angela Merkel (CDU) und US-Präsident Barack Obama mit der Freiheitsmedaille in Washington
Angela Merkel (CDU) erhält die Freiheitsmedaille, die höchste zivile Auszeichnung der USA, von US-Präsident Barack Obama in Washington. (2011) © Rainer Jensen/dpa
Angela Merkel (CDU) stimmt bei der Abstimmung zum Energiegesetz für den Atomausstieg
Angela Merkel (CDU) stimmt bei der Abstimmung zum Energiegesetz für den Atomausstieg. (2011) © Michael Kappeler/dpa
Shinzo Abe, Angela Merkel (CDU), Wladimir Putin, David Cameron und Barack Obama beim G8 Gipfeltreffen
Die Teilnehmer des G8 Gipfeltreffens, der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe (l-r), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der russische Präsident Wladimir Putin, der britische Ministerpräsident David Cameron und US-Präsident Barack Obama. (2013) © Tim Brakemeier/dpa
Angela Merkel (CDU) legt im Bundestag in Berlin den Amtseid ab.
Angela Merkel (CDU) legt am im Bundestag in Berlin beim Parlamentspräsidenten Norbert Lammert (CDU) zum dritten Mal den Amtseid ab. (2013) © Michael Hanschke/dpa
Angela Merkel (CDU) und Joachim Gauck (parteilos) mit der deutschen Nationalmannschaft beim Gewinn des Weltmeistertitels
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Bundespräsident Joachim Gauck (parteilos) jubeln nach dem Gewinn des Weltmeister-Titels in der Kabine des Maracana-Stadions mit den deutschen Nationalspielern. (2014) © Guido Bergmann/dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) macht ein Selfie mit einem Migranten
Angela Merkel (CDU) besucht eine Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und macht ein Selfie mit einem Migranten. Ihr Satz „Wir schaffen das“ bleibt eng mit ihrer Kanzlerschaft verbunden. (2015) © Bernd von Jutrczenka/dpa
Angela Merkel (CDU) ist auf dem Cover der ersten deutschsprachigen Ausgabe der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo
Angela Merkel (CDU) ist auf dem Cover der ersten deutschsprachigen Ausgabe der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo. (2016) © Christian Charisius/dpa
Angela Merkel (CDU) bei einer Privataudienz mit Papst Franziskus
Angela Merkel (CDU) schüttelt die Hand von Papst Franziskus bei einer Privataudienz im Vatikan. (2017) © dpa
Angela Merkel (CDU) verneigt sich am Sarg von Helmut Kohl (CDU) beim europäischen Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler im EU-Parlament in Straßburg
Angela Merkel (CDU) verneigt sich am Sarg von Helmut Kohl (CDU) beim europäischen Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler im EU-Parlament in Straßburg. (2017) © dpa
Angela Merkel (CDU) spricht bei einem Wahlkampfauftritt in Siegen
Angela Merkel (CDU) spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung für die Bundestagswahl in Siegen. Der Name ist Programm: „Mutti“ wird zum vierten Mal zur Kanzlerin gewählt. (2017) © Oliver Berg/dpa
Angela Merkel (CDU) steckt eine Kerze an der Berliner Mauer in den Sand.
Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls steckt Angela Merkel (CDU) eine Kerze an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße in den Sand. (2019) © Michael Kappeler/dpa
Angela Merkel (CDU) und Donald Trump beim Nato Gipfel in London
Angela Merkel (CDU) und der damalige US-Präsident Donald Trump sind sich beim Nato Gipfel nicht ganz einig. (2019) © Michael Kappeler/dpa
Angela Merkel (CDU) mit Maske bei einer Bundespressekonferenz über den Lockdown und die Corona-Maßnahmen
Angela Merkel (CDU) mit einem Mund-Nasenschutz bei einer Bundespressekonferenz über den Lockdown und die weiteren Corona-Maßnahmen. (2020) © Kay Nietfeld/dpa
Angela Merkel (CDU) und Armin Laschet (CDU) besuchen Flutgebiete
Angela Merkel (CDU) und Armin Laschet (CDU) besuchen Flutgebiete und reden mit den Anwohnern eines betroffenen Dorfs. (2021) © Oliver Berg/dpa
Angela Merkel (CDU) füttert australische Loris im Vogelpark Marlow und wird dabei gebissen.
Sympathische Kanzlerin: Angela Merkel (CDU) füttert australische Loris im Vogelpark Marlow und wird dabei gebissen. (2021) © Georg Wendt/dpa

Umweltministerin Lemke: Söder ignoriere Aspekte der nuklearen Sicherheit leichtfertig

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) hat Söders Vorstoß bereits zurückgewiesen und pocht auf die Zuständigkeit des Bundes für die Atomkraft. „Es ist geradezu bedrückend, wie ein Ministerpräsident genehmigungs- und verfassungsrechtliche Fragen und Aspekte der nuklearen Sicherheit so leichtfertig ignoriert“, sagte sie der Süddeutschen Zeitung und der Bild.

Während Deutschland sich trotz Söders Gegenwind gerade aus der Atomkraft verabschiedet hat, nimmt Finnland mithilfe deutscher Technik ein nagelneues AKW in Betrieb - allerdings gab es massive Anlauf-Schwierigkeiten. Derweil erhält Angela Merkel (CDU), unter deren Kanzlerschaft Deutschland einst den Atomausstieg beschlossen hatte, am Montag (17. April) einen hohen Orden. Doch sogar in ihrer eigenen Partei gibt es dafür Kritik. (smu)

Rubriklistenbild: © Frank Hoermann/Sven Simon/Imago

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