Meilenstein im Ukraine-Krieg: Russland verliert angeblich mehr als 4000 Panzer
VonLukas Rogalla
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Russland soll nach ukrainischen Angaben bereits 4000 Panzer verloren haben. Fachleute machen klägliches Versagen der Armee verantwortlich.
Kiew – Zerstört, erbeutet oder einfach zurückgelassen: Wie viele Fahrzeuge Russland und die Ukraine im Krieg verloren haben, lässt sich nicht zuverlässig beantworten. Kiew, Moskau und internationale Beobachter liefern jeweils unterschiedliche Angaben. Die Ukraine berichtet nun von einem bemerkenswerten Meilenstein. Demnach haben die russischen Angreifer bereits 4006 Panzer verloren. Das teilte der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte am Dienstag (20. Juni) auf Twitter mit.
Im Osten der Ukraine toben schwere Gefechte, innerhalb eines Tages seien neun verlorene Panzer hinzugekommen. Doch kann diese hohe Zahl überhaupt stimmen? Und wie konnte es zu diesen verheerenden Verlusten für Russland kommen?
Verluste für Russland im Ukraine-Krieg: Schoigu fordert mehr Panzer
Schon seit Kriegsbeginn tut sich Russland schwer. Die schnelle Eroberung der Ukraine schlug fehl. Nun droht auch der Verlust der besetzten Gebiete im Osten des Landes, wenn die ukrainische Gegenoffensive ihre volle Wirkung erzielt. Besonders organisatorische und logistische Fehler sind nach Einschätzung von Fachleuten mit für die Probleme Russlands im Ukraine-Krieg verantwortlich. Das sei auch der Grund für die hohen Panzerverluste.
„Es ist eine sehr, sehr hohe Zahl“, sagte etwa Ed Arnold von der britischen Denkfabrik Royal United Services Institute mit Hinblick auf die von Kiew genannten 4006 Panzer. „Es ist ein signifikanter Verlust“, urteilte er im Gespräch mit dem Portal Newsweek. Laut Hamish de Bretton-Gordon, ehemaliger Oberst in der britischen Armee, sind die Zahlen aus Kiew „wahrscheinlich genauer“ als andere Schätzungen. Die Ukrainer seien schließlich selbst auf dem Schlachtfeld vertreten.
Russland hat wohl wischen 2000 und 4000 Panzer verloren
Auch Frederik Mertens vom The Hague Centre for Strategic Studies (HCSS) geht davon aus, dass 4000 verlorene Panzer aufseiten Russlands „glaubhaft“ seien. Und der Bericht „The Military Balance“ des International Institute for Strategic Studies (IISS) kommt nur auf 1800 betriebsbereite russische Panzer am Anfang des Jahres. Die Definitionsfrage, ob bestimmte gepanzerte Fahrzeuge als Panzer zählen oder nicht, könnte erklären, wieso die von Kiew genannte Zahl deutlich höher liegt.
Die niederländische Open-Source-Intelligence-Website Oryx kommt mit einer Zählung auf 2048 Panzer, die Russland bislang verloren hat, etwa zwei Drittel der verfügbaren Kampffahrzeuge. Nur Verluste, die durch Bilder und Video bestätigt werden können, sind berücksichtigt. Bedeutet: Es handelt sich laut Fachleuten um einen Minimalwert.
Fachleute gehen von groben Fehlern bei der Planung des russischen Angriffs aus. Der Kreml hätte nicht mit dem erbitterten Widerstand der Ukraine gerechnet, meinte Arnold. Demzufolge hätten die russischen Truppen ihre Panzer falsch eingesetzt. „Wenn man sie nicht richtig verwendet, sind sie sehr verwundbar. Die schlechte Planung hat alles verschlimmert“, zitiert ihn Newsweek. In dieser Phase des Krieges würde Russland eigentlich deutlich mehr Panzer einsetzen - wenn sie noch verfügbar wären.
Russland greift im Ukraine-Krieg auf alte Sowjet-Panzer zurück
Aufnahmen aus den ersten Tagen und Wochen der Invasion zeigten lange Reihen russischer Panzer ohne jede Infanterie-Unterstützung. Die ukrainischen Streitkräfte seien gut darauf vorbereitet gewesen, die Panzer in solchen Situationen aus dem Hinterhalt anzugreifen. „Kompetente Befehlshaber“ hätten versuchen müssen, dies um jeden Preis zu verhindern, fügte Paul van Hooft vom HCSS hinzu. „Aber sie haben so weiter gemacht.“
Elite-Panzereinheiten seien schon zu Kriegsbeginn ausgeschaltet worden, sagte de Bretton-Gordon. Russland musste also schnell neue Soldaten an Panzern ausbilden. Fehlende Motivation, unzureichendes Training und ein geringes Maß an Disziplin seien deutlich sichtbar. Russland mache deshalb einfach weiter damit, „Maschinen und Menschen auf die Probleme zu werfen“. Das zeige auch der Einsatz von alten Panzern aus Sowjet-Zeiten – laut van Hooft „leichte Beute“ für die Ukrainer, die teils über moderne westliche Panzer verfügen.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Dass Russland sich wenig bis gar nicht darum bemühe, beschädigte Panzer zu bergen, verstärke die Probleme an der Front nur. Putins Truppen hätten viele nun fehlende Panzer unnötigerweise auf dem Schlachtfeld zurückgelassen.
Unter dem Strich bleibt aber: Wie viele Panzer und Soldaten Russland seit der Invasion wirklich verloren hat, lässt sich nicht unabhängig prüfen. Präsident Wladimir Putin hatte Anfang Juni von 54 verlorenen Panzern in weniger als 14 Tagen gesprochen, als die ukrainische Gegenoffensive Fahrt aufnahm. Bis Russland wieder auf 2000 moderne Panzer zurückgreifen kann, werde einige Zeit vergehen, sagte de Bretton-Gordon Newsweek.
Wie viele Panzer hat die Ukraine verloren?
Auf der anderen Seite verfügte die Ukraine zu Beginn des Jahres über 953 Kampfpanzer, wie der Bericht „The Military Balance“ des IISS aufführt. Allerdings seien neue Lieferungen durch westliche Staaten darin nicht berücksichtigt. Laut Oryx soll Kiew seit Februar 2022 insgesamt 539 Panzer verloren haben.