Geschichtsrevisionismus

Rechtsextreme verdrehen im Spanien-Wahlkampf den Kolonialismus: „Schwarze Legende“

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Die rechtsextreme Partei Vox hat gute Chancen, nach der Spanien-Wahl in der Regierung zu sein. Trotz oder wegen der Glorifizierung des Kolonialismus?

Madrid – Die rechtsextreme Vox will bei der Spanien-Wahl mit einer radikal nationalistischen und revisionistischen Linie Stimmen fangen. Die Partei wehrt sich in ihrem Programm gegen eine angebliche „globalistische Agenda“ der EU, „die Europas Geschichte, Tradition und christliche Identität“ verrate. Vox schreckt auch nicht davor zurück, antisemitische Begriffe zu nutzen.

Santiago Abascal und seine rechtsextreme Partei Vox machen Wahlkampf mit der spanischen Kolonialvergangenheit.

Die vorgebliche „christliche Identität“ will Vox jedoch nicht nur innerhalb Spaniens und der EU vertreten, sondern auch in den Beziehungen zu Südamerika. Dabei erklären die Rechtsaußen in ihrem Programm zur Parlamentswahl am 23. Juli, dass „wir Spanier uns nicht für unsere Vergangenheit entschuldigen müssen“.

Rechtsextreme Vox betreibt vor Spanien-Wahl Geschichtsrevisionismus

Vox verfolgt damit weiterhin die geschichtsrevisionistische Linie, Verbrechen des spanischen Königreichs während der Kolonialzeit zu leugnen. Im Gegenteil rühmen die Rechtsaußen den Beitrag Spaniens zur „Zivilisation und zur Weltgeschichte“ und wollen „Kultur- und Bildungsinitiativen fördern, die darauf abzielen, die ‚schwarze Legende‘ zu bekämpfen und das Bewusstsein für Spaniens zivilisatorische Arbeit in Amerika zu schärfen“.

Alle Entwicklungen zur Wahl

Kommt es tatsächlich zum Regierungswechsel und zum Rechtsruck? Alle Entwicklungen und Ergebnisse der Spanien-Wahl im Live-Ticker.

Zusätzlich sollen laut Wahlprogramm die südamerikanischen Bündnisse Foro de Sao Paulo, ein Zusammenschluss linker, antiimperialistischer Parteien, und Grupo de Puebla bekämpft werden. Diese förderten – so die Behauptung der spanischen Nationalisten – „Indigenismus, der die Geschichte verfälscht“ und „Groll“ gegen Spanien.

Spanien-Wahl 2023: Sánchez setzt alles auf eine Karte - Rechtsruck droht

Spanien-Wahl 2023: Ministerpräsident Pedro Sánchez
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hat die Flucht nach vorn angetreten. Nur wenige Stunden nach einer historischen Pleite der Linken bei den Regional- und Kommunalwahlen im Mai kündigte der Regierungschef eine vorgezogene Parlamentswahl am 23. Juli an. Mit diesem Schachzug baut der Chef der sozialistischen PSOE darauf, den Oppositionsparteien keine Gelegenheit für einen umfangreichen Wahlkampf zu geben. Ursprünglich war die Parlamentswahl für Dezember vorgesehen. Sánchez setzt damit alles auf eine Karte. Dem Hoffnungsträger der Linken in Spanien und Europa droht die Abwahl. Dafür könnte es zu einer Regierungsbeteiligung der extremen Rechten kommen.  © Christina Quicler/afp
Spanien-Wahl 2023: PP-Chef Alberto Núñez Feijóo
Das Ergebnis der Regional- und Kommunalwahlen im Mai löste ein politisches Erdbeben in Spanien aus. Die lange kriselnde konservative Volkspartei (PP) gewann fast überall. „Meine Zeit kommt!“, rief PP-Chef Alberto Núñez Feijóo damals vor Tausenden jubelnden Menschen auf dem Balkon des Parteisitzes in Madrid mit Blick auf die Parlamentswahl. „Die Ereignisse überschlagen sich“, resümierte der staatliche TV-Sender RTVE. Allerdings ist die PP vielerorts auf die Unterstützung der Rechtspopulisten von Vox angewiesen. Der Frage, inwieweit man kooperieren wolle, wich Feijóo bisher aus. Eine sogenannte Brandmauer nach rechts wie in Deutschland gegenüber der AfD gibt es in Spanien nicht. In einigen Regionen gibt es bereits eine Zusammenarbeit PP-Vox. © Pierre-Philippe Marcou/afp
Spanien-Wahl 2023: Konservative PP
Wie sieht die politische Landschaft in Spanien nach den Regional- und Kommunalwahlen im Mai aus? In Madrid gab es einen doppelten PP-Triumph. Die regionale Regierungschefin Isabel Díaz Ayuso und der regierende PP-Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida errangen erstmals absolute Mehrheiten. Man sagt, Madrid sei ein Gradmesser für die landesweite Stimmung. Die PP nutzte die sich bietende Gelegenheit und eröffnete mit ihrem Kampfbegriff, mit dem der Ministerpräsident zu einem autoritären Charakter erklärt wird, gleich einmal den Wahlkampf: „Das Ende des ‚Sanchismo‘ wurde eingeleitet!“, verkündete Martínez-Almeida (2. von rechts) in der Wahlnacht an der Seite von Ayuso (2. von links) und Feijoó (Mitte).  © David Cruz Sanz/Imago
Spanien-Wahl 2023: Wahlkampf der PP
„Die PP überrollte (Spanien) wie ein Tsunami“, titelte die renommierte Zeitung „El Mundo“ nach den Regional- und Kommunalwahlen im Mai. Nicht nur in Madrid, auch in anderem Gebieten wie Valencia, Aragonien, La Rioja sowie auf den Balearen mit der Urlaubsinsel Mallorca gewann die PP mit teils großem Vorsprung. So hatten die Konservativen allein in sieben der acht größten Städte die Nase vorn. So etwas hatte es seit der Gründung von PP und PSOE nach dem Ende der Franco-Diktatur im Jahr 1975 noch nie gegeben. Im Wahlkampf hält sich die PP weiter bedeckt, ob sie mit der rechtsextremen Vox koalieren würde.  © Thomas Coex/afp
Spanien-Wahl 2023: Vox-Chef Santiago Abascal
Pedro Sánchez wird derweil nicht müde, die Menschen in Spanien vor „den Rechtsextremen und der extremen Rechten“ zu warnen. Erziehungsministerin Pilar Alegría spricht gar von einem „doppelköpfigen Monster“ aus PP und Vox. Doch das Menetekel verhallt bisher ungehört. Die aktuellen Umfragen sagen einen Sieg von PP (etwa 33 Prozent der Stimmen) und Vox (14 bis 15 Prozent) voraus, eventuell könnte es gemeinsam zur absoluten Sitzmehrheit reichen. Vox-Chef Santiago Abascal (weißes Hemd) betonte selbstbewusst, seine Partei sei jetzt unverzichtbar für den „Kampf gegen Sozialismus und gegen Kommunismus“ geworden.  © Thomas Coex/afp
Spanien-Wahl 2023: Pro-Spanien-Demo
Vox wurde im Dezember 2013 von früheren Mitgliedern der PP gegründet, die die Autonomierechte der spanischen Regionen ablehnten und sich eine Strategie gegen die Zersplitterung Spaniens wünschten. Das Thema spielte zunächst keine große Rolle im Land. Das änderte sich, als die katalanische Regionalregierung im Herbst 2017 ein illegales Unabhängigkeitsreferendum organisierte. Der daraufhin aufkeimende Nationalismus spielte Vox in die Karten. Im Dezember 2018 zog die Partei ins andalusische Regionalparlament ein, bei den nationalen Parlamentswahlen im April 2019 kam sie auf gut zehn Prozent, bei den Neuwahlen sieben Monate später auf 15 Prozent. © Jorge Guerrero/afp
Spanien-Wahl 2023: Pablo Iglesias
Je nach Blickwinkel gilt Vox in Spanien als rechtspopulistisch, rechtsradikal oder rechtsextrem. Nach dem Wahlerfolg in Andalusien rief der damalige Chef der Linkspartei Podemos, Pablo Iglesias (im Bild), sogar den „antifaschistischen Alarmzustand“ aus. Tatsächlich kann Vox vor allem bei denjenigen punkten, die den früheren Diktator Franco verehren. Vox ist eine nationalistische Partei, die einem politischen Autoritarismus huldigt. Der Kern ihres Programms ist die Einheit Spaniens, die sie durch katalanischen und baskischen Nationalismus gefährdet sieht. Sie lehnt den Feminismus ab und nimmt sich die Regierungen in Ungarn, Schweden und Italien zum Vorbild.  © Atilano Garcia/Imago
Spanien-Wahl 2023: Podemos-Chefin Ione Belarra
Unterdessen gehen die linken Parteien nach den jüngsten Wahlpleiten vereint in die vorgezogene Parlamentswahl am 23. Juli. „Wir haben die größte politische fortschrittliche Vereinbarung erzielt, um bei den Wahlen anzutreten“, schrieb die neue Bewegung Sumar im Juni auf Twitter. Mit dabei ist auch die Partei Podemos, die mit Regierungschef Sánchez ein Regierungsbündnis bildet. Trotz aller Differenzen werde man gemeinsam ins Rennen gehen, sagte Podemos-Chefin Ione Belarra (Mitte): „Die Entscheidung ist gefallen“. Die kommunistisch orientierte Izquierda Unida (IU/Vereinigte Linke) schloss sich ebenfalls der Wahlallianz an. Zuvor hatten bereits mehrere regionale Linksparteien ihre Bereitschaft bekundet, zusammen mit Sumar anzutreten. © Oscar Gonzalez/Imago
Spanien-Wahl 2023: Arbeitsministerin Yolanda Díaz
Die Einheit der Parteien links der sozialistischen PSOE ist für Sánchez entscheidend dafür, ob er auf einen Verbleib im Regierungsamt hoffen kann. Angeführt wird das linke Bündnis von der derzeitigen Arbeitsministerin Yolanda Díaz (im Bild). Mit dem erklärten Ziel, die gesamte Linke endgültig zu vereinen und zu stärken, hatte sie im Jahr 2022 Sumar gegründet. Diaz, die auf dem Podemos-Ticket ins Regierungskabinett kam, ist seit vielen Jahren Mitglied der kommunistischen Partei. Kommunistin zu sein, bedeute, „die Gleichheit zwischen allen Menschen zu garantieren“, sagte sie in einem Fernsehinterview.  © Javier Soriano/afp
Spanien-Wahl 2023: Luxus und Reichensteuer
Diaz hat vor der Parlamentswahl in Spanien die dauerhafte Einführung der ursprünglich nur für zwei Jahre beschlossenen „Reichensteuer“ gefordert. Zudem sprach sie sich für eine stärkere Besteuerung der größeren Unternehmen aus. Es gehe nicht um Steuererhöhungen, sondern um eine „umfassende Reform des spanischen Steuersystems“ - und um Gerechtigkeit. „Es geht nicht, dass ein Friseurladen 17,5 Prozent (Steuern) zahlt und ein großer Konzern 3,5. Wer mehr hat, soll auch mehr beitragen“, forderte sie. Die sogenannte Vorübergehende Solidaritätssteuer war zur Eindämmung der Folgen des Ukraine-Kriegs und der hohen Inflation beschlossen worden. Sie wird 2023 und 2024 bei Vermögen ab einer Höhe von mehr als drei Millionen Euro erhoben. © Jorge Guerrero/afp
Spanien-Wahl 2023: Gleichstellungsministerin Irene Montero 
Die Linke in Spanien hat auch andere Erfolge vorzuweisen. So ist Spanien das erste Land in Europa, in dem Frauen „menstruationsfrei“ machen dürfen. Das Gesetz über Sexual- und Reproduktionsgesundheit ermöglicht unter anderem das Fernbleiben von der Arbeit bei Regelbeschwerden. Auch Abtreibungen sowie die Änderung des Geschlechtseintrags von Transmenschen sind nun leichter. Gleichstellungsministerin Irene Montero (Mitte) sprach nach der Parlamentsabstimmung im Februar von einem „historischen Tag für die Förderung der feministischen Rechte“. Besonders ungewöhnlich ist aber der „Menstruationsurlaub“. Eine vergleichbare Regelung gibt es auch in Deutschland nicht. Die Kosten werden vom Staat übernommen. © Atilano Garcia/Imago
Spanien-Wahl 2023: Wahlkabine in Madrid
Welche Auswirkungen der Wahltermin auf die Wahlbeteiligung haben wird, kann niemand genau sagen. Einerseits haben Spaniens Wahlberechtigte bei den Regional- und Kommunalwahlen im Mai deutlich gemacht, dass sie eine Veränderung möchten, andererseits hat seit 1976 noch niemals so eine wichtige Wahl in Spanien mitten in den Sommerferien stattgefunden. Zusätzlich fällt der 23. Juli auf ein Wochenende, das in vier Regionen mit anderen Feiertagen verknüpft ist. © Oscar del Pozo/afp

Damit knüpft Vox vor der Parlamentswahl in Spanien an seine bisherige Politik an. 2021 feierte die Partei laut der britischen Zeitung Guardian den 500. Jahrestag der Eroberung von Mexiko und behauptete, Spanien sei es gelungen, „Millionen Menschen von Menschen vom blutigen Regime und dem Terror der Azteken“ zu befreien.

Spanien: Andere Parteien meiden die Kolonialgeschichte – bis auf die Linken

Vox verfolgt dabei eine radikalere Linie als die übrigen Parteien, die das Thema laut dem Nachrichtenportal Euractiv generell eher meiden. Bisher habe das südeuropäische Land wenig Engagement bei der Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit gezeigt. Das gelt auch für die sozialdemokratische PSOE von Pedro Sánchez. Dieser hatte als Ministerpräsident 2019 die Forderung Mexikos nach einer Entschuldigung Spaniens für die Kolonialverbrechen abgelehnt – ebenso wie die konservative PP. Deren Politikerin Isabel Díaz Ayuso, Präsidentin der Region Madrid, hatte laut Guardian etwa behauptet, Spanien und der römische Katholizismus hätten dem amerikanischen Kontinent Zivilisation und Freiheit gebracht.

Lediglich die linke Sammlungsbewegung Sumar fordert laut Euractiv „eine Reflexion mit unseren Schwesterländern über unsere gemeinsame Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, weit entfernt von jeder Form von Revisionismus oder eigennütziger Instrumentalisierung“.

Vox tritt vor Spanien-Wahl auch innenpolitisch radikal auf

Innenpolitisch fordert Vox die Aufhebung des Gesetzes über das demokratische Gedenken, das der Aufarbeitung der faschistischen Franco-Diktatur dient. Die Rechtsextremisten argumentieren, dass es zu Spaltung führe.

Laut Umfragen erscheint eine Regierungsbeteiligung der Rechtsextremisten nach der Spanien-Wahl realistisch. Die bisher regierenden Sozialdemokraten von Pedro Sánchez sind nur noch zweitstärkste Kraft hinter den Konservativen. Das Linksbündnis Sumar kann das Defizit nicht ausgleichen. Aufgrund des in Spanien ausgeprägteren Lagerdenkens erscheint eine Koalition aus PP und Vox damit realistisch. Viele progressive Kräfte sind auch wegen der antifeministischen Agenda der Rechten besorgt. Worauf die anderen Parteien in ihren Wahlprogrammen vor der spanischen Parlamentswahl setzen, analysiert Costanachrichten.com. (ms)

Rubriklistenbild: © Jesus Merida/Imago

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