VonPaul Luka Schneiderschließen
Demonstrationen, tödliche Auseinandersetzungen auf den Straßen und schließlich die Besetzung des Regierungssitzes: In Bangladesch haben die Massen den Abgang der Premierministerin erzwungen.
Dhaka – Sie haben ihr Ziel offenbar erreicht. Am Montag (5. August) haben tausende regierungskritische Demonstrant:innen den Amtssitz von der Ministerpräsidentin Bangladeschs, Sheikh Hasina, in der Hauptstadt Dhaka gestürmt. Das berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Die Protestler:innen feierten demnach ihren Einzug in den Regierungspalast euphorisch.
Ihr Ziel haben sie nämlich erreicht. Die zuvor mit ihrer Schwester an einen „sicheren Ort“ nach Indien geflüchtete Regierungschefin ist zurückgetreten. Wie das ranghöchste Militär des südasiatischen Staates in einer Ansprache bekannt gab, werde eine Interimsregierung nun das Land regieren, bis eine Lösung gefunden werde.
Blutbad auf Bangladeschs Straßen: Hunderte sterben bei Protestmärschen
Die 76-jährige Hasina sah sich seit Juli mit Massenprotesten konfrontiert, bei denen es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam. Dabei wurden laut AFP mindestens 300 Menschen getötet. Allein am Sonntag (4. August) waren es 94 – der bisher blutigste Höhepunkt der Auseinandersetzungen.
Landesweit waren hunderttausende Regierungsgegner:innen und -anhänger:innen auf die Straße gegangen und hatten sich gegenseitig mit Messern, Stöcken und Knüppeln angegriffen. Zudem schossen Sicherheitskräfte mit Gewehren in die Menge.
Zahlreiche Soldat:innen und Polizist:innen kontrollierten deswegen am Montag (5. August) die wichtigen Straßen von Dhaka. Seit Sonntagabend (4. August) galt nämlich eine Ausgangssperre. Das Internet wurde am Morgen nach Betreiber-Angaben weitgehend abgeschaltet, Büros sowie mehr als 3.500 für die Wirtschaft des Landes immens wichtige Textilfabriken blieben geschlossen. Zudem wurden die Zufahrtswege zum Sitz von Regierungschefin Hasina mit Stacheldraht abgeriegelt und verbarrikadiert – ohne Erfolg.
Missbrauch, Machterhalt, Mord: Schwere Vorwürfe gegen Bangladeschs Regierung
Ursprünglich gingen die Demonstrant:innen gegen eine Quotenregelung für die Vergabe von Jobs im öffentlichen Dienst auf die Straße, die ihren Angaben zufolge Unterstützer von Hasina bevorzugte. In der Folge hatten die Demonstrationen den Rücktritt der seit 2009 amtierenden Regierungschefin und ihres Kabinetts zum Ziel. Ihrer Regierung werden unter anderem der Missbrauch staatlicher Institutionen zum eigenen Machterhalt und die Unterdrückung von Regierungskritikern vorgeworfen – bis hin zur außergerichtlichen Tötung Oppositioneller.
Der Protestbewegung gehörten Menschen aus allen Bevölkerungsschichten an, unter anderem Filmstars, bekannte Musiker und ehemalige Generäle. Auch 47 Firmen der für die Wirtschaft des Landes wichtigen Textilbranche haben sich mit den Demonstrant:innen solidarisiert.
Für Deutschland und die Europäische Union ist Bangladesch in wirtschaftlicher Hinsicht interessant: Jüngst forderten EU-Firmen einen höheren Mindestlohn in der Textilbranche Bangladeschs. (afp/pls)
Rubriklistenbild: © Rajib Dhar/AP/dpa



