Militärexperten sehen die aktuelle Taiwan-Krise als „Testlauf für den Ernstfall“. Die Welt könnte am Beginn einer „Dekade maximaler Gefahr“ stehen.
Taipeh - In der Vergangenheit gab es von China immer wieder Drohgebärden gegenüber Taiwan - von Flugzeugen, die in taiwanesischen Luftraum eintraten, bis hin zu offenen Kriegsdrohungen des Verteidigungsministers. Nicht umsonst betitelte das Magazin The Economist Taiwan als den „gefährlichsten Ort der Welt“. Auf den Taiwan-Besuch der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, reagierte China nun mit Militärübungen in noch nie dagewesenem Umfang. Der Konflikt könnte zu einer Krise werden, die gefährlicher ist als der Ukraine-Krieg.
China droht Taiwan: Das steckt dahinter
Die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, ließ es sich nicht nehmen, am Dienstag und Mittwoch vergangener Woche (2. und 3. August) nach Taiwan zu reisen. Damit war sie die ranghöchste US-Vertreterin seit 25 Jahren, die die Insel besuchte. Die Regierung in Peking, die Taiwan als Teil des chinesischen Territoriums ansieht, hatte erbost auf den Besuch reagiert.
China stoppte wegen Pelosis Besuch die Zusammenarbeit mit den USA in wichtigen Bereichen wie Klimaschutz und Verteidigung und führte am Dienstag bereits den fünften Tag in Folge zahlreiche Militärmanöver vor der Küste Taiwans durch. Denn Peking deutete die Reise als einen Verstoß gegen die sogenannte „Ein-China-Politik“, wonach es nur einen chinesischen Staat gibt und andere Länder damit keine diplomatische Beziehung zu Taiwan unterhalten können. Die USA sehen sich indes als Schutzmacht Taiwans, doch verfolgen gleichzeitig eine Strategie der Mehrdeutigkeit.
Hintergrund zur Taiwan-Krise
Seit dem Jahr 1949 steht Taiwan unter eigener Verwaltung. Im chinesischen Bürgerkrieg unterlagen die nationalistischen Kuomintang den Kommunisten unter Mao Zedong - und zogen sich auf die Insel Taiwan zurück. Taiwan selbst sieht sich als unabhängig, für China ist die Insel eine „abtrünnige Provinz“ - Peking sieht sich auch durch die demokratischen Strutkuren in Taiwan bedroht. Der tatsächliche rechtliche Status Taiwans gilt indes als umstritten, weltweit erkennen nur wenige Staaten die Unabhängigkeit Taiwans an. Darunter etwa der Vatikanstaat, die Marshallinseln, Honduras oder St. Lucia. Für Xi Jinping ist eine „Wiedervereinigung“ mit Taiwan eine „historische Aufgabe“.
Taiwan-Krise: Gibt es Ähnlichkeiten mit der Ukraine?
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ließ Befürchtungen wachsen, Peking könnte im Umgang mit Taiwan auf ein ähnliches Vorgehen wie Wladimir Putin setzen. Experten halten das für realistisch, insbesondere, da der rechtliche Status - anders als bei der Ukraine - bei Taiwan nicht eindeutig ist. Russland deutete bereits an, auf der chinesischen Seite zu stehen - und sieht Ähnlichkeiten mit der „ukrainischen Situation“.
Der Kommandeur des US-Pazifik-Kommandos, Philip Davidson sagte bereits im Jahr 2021, dass China „in den nächsten sechs Jahren“ versuchen könnte, Taiwan einzunehmen. Militärexperten reagieren auf die aktuelle Situation entsprechend besorgt. Sun Shao-cheng etwa, ein Asienexperte an der US-Militärakademie The Citadel, fühlt sich an die Taiwan-Krise im Jahr 1996 erinnert. „Doch die aktuellen Manöver sind weit aggressiver. Die Krise wird nicht in wenigen Tagen enden, die Volksbefreiungsarmee wird mehr tun“, so der Experte wie Handelsblatt berichtete. Aktuell sehe man einen Testlauf für den Ernstfall.
Allein am zweiten Tag der Manöver übertraten am Freitag dem taiwanischem Verteidigungsministerium zufolge insgesamt 68 chinesische Kampfjets und 13 Kriegsschiffe die inoffizielle Seegrenze zwischen China und Taiwan. Der chinesische Staatssender CCTV berichtete, chinesische Raketen seien über Taiwans Hauptstadt Taipeh geflogen. Vor Beginn des Ukraine-Krieges hatte Putin ebenfalls nur von Militärmanövern gesprochen.
Gefährlicher als Ukraine-Krise? Das ist der Einfluss der Taiwan-Krise auf die Weltwirtschaft
Die Schießübungen Chinas zeigten, dass die Politik der Mehrdeutigkeit [der USA] an ihre Grenzen stößt, so Sun Shao-cheng. Es ginge bei dieser Machtdemonstration darum zu beweisen, dass die Führung in Peking Taiwans Luft- und Seezugänge blockieren und den Nachschub von möglichen Unterstützern wie den USA oder Japan abschneiden kann.
China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt




Die Meeresenge zwischen China und Taiwan ist eine der meistbefahrendsten der Welt. Eine Blockade oder gar Invasion hätte auch drastische Konsequenzen für die Weltwirtschaft. Die daraus entstehenden Lieferketten-Probleme könnten jene der Corona-Pandemie noch übersteigen. Denn Taiwan ist der wichtigste Halbleiterproduzent der Welt, diese Technologie findet sich auch in Deutschland in so gut wie jedem elektronischen Gerät - insbesondere die Autoindustrie leidet schon jetzt unter dem Chipmangel. China ist indes ein wichtiger Standort für die Fertigung elektronischer Geräte.
Taiwan-Krise: Wie gefährlich ist die aktuelle Situation?
Da China bei den Militärmanövern eigenen Angaben zufolge scharfe Munition verwendet, sind unbeabsichtigte Treffer denkbar und damit auch eine direkte Eskalation des Konflikts. Prinzipiell sieht etwa der US-Militärstratege Eric Chan aber eher mittelfristige Gefahren. Der Senior Strategist der US-Airforce zeigte sich von der Risikobereitschaft des chinesischen Präsidenten Xi Jinping überrascht. „Dennoch geht er keine vollständig wilden Risiken ein“, so der Stratege laut Handelsblatt. „Für ihn ist es eine Entscheidung, bei der es um Leben und Tod geht.“ Bei einer Niederlage würde China nicht nur Taiwan verlieren. Jinping würde auch die kommunistische Herrschaft selbst aufs Spiel setzen, so Chan. Denn Taiwan gilt als Beweis, dass eine chinesische Bevölkerung in einem demokratischen System frei leben und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich sein kann.
Doch eine zu frühe Invasion hält der Militärexperte für weniger wahrscheinlich. Zum einen seien die jetzigen Manöver zwar groß, aber bisher lediglich symbolisch, meint Chan. Zum anderen seien sie so intensiv, dass eine Fortsetzung die militärische Kampfbereitschaft der Chinesen schwächen würde. „Wenn sie diese Manöver fortsetzen wollen, müsste die Volksbefreiungsarmee Personal aufbauen“, sagte der Militärstratege wie das Handelsblatt berichtete. Vor der Ernennung zum Präsidenten auf Lebenszeit im November brauche Xi eher eine gewisse Stabilität im Land. Langfristig könne China aber ein Interesse haben, die USA aus dem West-Pazifik zu verdrängen. Es gehe jetzt um Abschreckung, so Chan, denn er sehe keine Hoffnung mehr, China durch Gespräche zu überzeugen. Zwar gebe es Bemühungen zahlreicher Staaten, sich regional zu vernetzen und Allianzen wie den Quadrilateral Security Dialogue (Quad) oder den Indopazifischen Wirtschaftsrahmen (IPEF) zu bilden. Doch der Stratege ist sich sicher: „Wir stehen am Beginn einer Dekade maximaler Gefahr“ (bme/AFP).