Nächste globale Krise?

Militärexperten schätzen Taiwan-Lage ein: „Beginn einer Dekade maximaler Gefahr“

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Nanjing: China führte als Reaktion auf den Taiwan-Besuch der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi Militärübungen in noch nie dagewesenem Umfang durch (Archivbild, 4. August 2022).

Militärexperten sehen die aktuelle Taiwan-Krise als „Testlauf für den Ernstfall“. Die Welt könnte am Beginn einer „Dekade maximaler Gefahr“ stehen.

Taipeh - In der Vergangenheit gab es von China immer wieder Drohgebärden gegenüber Taiwan - von Flugzeugen, die in taiwanesischen Luftraum eintraten, bis hin zu offenen Kriegsdrohungen des Verteidigungsministers. Nicht umsonst betitelte das Magazin The Economist Taiwan als den „gefährlichsten Ort der Welt“. Auf den Taiwan-Besuch der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, reagierte China nun mit Militärübungen in noch nie dagewesenem Umfang. Der Konflikt könnte zu einer Krise werden, die gefährlicher ist als der Ukraine-Krieg.

China droht Taiwan: Das steckt dahinter

Die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, ließ es sich nicht nehmen, am Dienstag und Mittwoch vergangener Woche (2. und 3. August) nach Taiwan zu reisen. Damit war sie die ranghöchste US-Vertreterin seit 25 Jahren, die die Insel besuchte. Die Regierung in Peking, die Taiwan als Teil des chinesischen Territoriums ansieht, hatte erbost auf den Besuch reagiert.

China stoppte wegen Pelosis Besuch die Zusammenarbeit mit den USA in wichtigen Bereichen wie Klimaschutz und Verteidigung und führte am Dienstag bereits den fünften Tag in Folge zahlreiche Militärmanöver vor der Küste Taiwans durch. Denn Peking deutete die Reise als einen Verstoß gegen die sogenannte „Ein-China-Politik“, wonach es nur einen chinesischen Staat gibt und andere Länder damit keine diplomatische Beziehung zu Taiwan unterhalten können. Die USA sehen sich indes als Schutzmacht Taiwans, doch verfolgen gleichzeitig eine Strategie der Mehrdeutigkeit.

Hintergrund zur Taiwan-Krise

Seit dem Jahr 1949 steht Taiwan unter eigener Verwaltung. Im chinesischen Bürgerkrieg unterlagen die nationalistischen Kuomintang den Kommunisten unter Mao Zedong - und zogen sich auf die Insel Taiwan zurück. Taiwan selbst sieht sich als unabhängig, für China ist die Insel eine „abtrünnige Provinz“ - Peking sieht sich auch durch die demokratischen Strutkuren in Taiwan bedroht. Der tatsächliche rechtliche Status Taiwans gilt indes als umstritten, weltweit erkennen nur wenige Staaten die Unabhängigkeit Taiwans an. Darunter etwa der Vatikanstaat, die Marshallinseln, Honduras oder St. Lucia. Für Xi Jinping ist eine „Wiedervereinigung“ mit Taiwan eine „historische Aufgabe“.

Taiwan-Krise: Gibt es Ähnlichkeiten mit der Ukraine?

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ließ Befürchtungen wachsen, Peking könnte im Umgang mit Taiwan auf ein ähnliches Vorgehen wie Wladimir Putin setzen. Experten halten das für realistisch, insbesondere, da der rechtliche Status - anders als bei der Ukraine - bei Taiwan nicht eindeutig ist. Russland deutete bereits an, auf der chinesischen Seite zu stehen - und sieht Ähnlichkeiten mit der „ukrainischen Situation“.

Der Kommandeur des US-Pazifik-Kommandos, Philip Davidson sagte bereits im Jahr 2021, dass China „in den nächsten sechs Jahren“ versuchen könnte, Taiwan einzunehmen. Militärexperten reagieren auf die aktuelle Situation entsprechend besorgt. Sun Shao-cheng etwa, ein Asienexperte an der US-Militärakademie The Citadel, fühlt sich an die Taiwan-Krise im Jahr 1996 erinnert. „Doch die aktuellen Manöver sind weit aggressiver. Die Krise wird nicht in wenigen Tagen enden, die Volksbefreiungsarmee wird mehr tun“, so der Experte wie Handelsblatt berichtete. Aktuell sehe man einen Testlauf für den Ernstfall.

Allein am zweiten Tag der Manöver übertraten am Freitag dem taiwanischem Verteidigungsministerium zufolge insgesamt 68 chinesische Kampfjets und 13 Kriegsschiffe die inoffizielle Seegrenze zwischen China und Taiwan. Der chinesische Staatssender CCTV berichtete, chinesische Raketen seien über Taiwans Hauptstadt Taipeh geflogen. Vor Beginn des Ukraine-Krieges hatte Putin ebenfalls nur von Militärmanövern gesprochen.

Gefährlicher als Ukraine-Krise? Das ist der Einfluss der Taiwan-Krise auf die Weltwirtschaft

Die Schießübungen Chinas zeigten, dass die Politik der Mehrdeutigkeit [der USA] an ihre Grenzen stößt, so Sun Shao-cheng. Es ginge bei dieser Machtdemonstration darum zu beweisen, dass die Führung in Peking Taiwans Luft- und Seezugänge blockieren und den Nachschub von möglichen Unterstützern wie den USA oder Japan abschneiden kann.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

Die Meeresenge zwischen China und Taiwan ist eine der meistbefahrendsten der Welt. Eine Blockade oder gar Invasion hätte auch drastische Konsequenzen für die Weltwirtschaft. Die daraus entstehenden Lieferketten-Probleme könnten jene der Corona-Pandemie noch übersteigen. Denn Taiwan ist der wichtigste Halbleiterproduzent der Welt, diese Technologie findet sich auch in Deutschland in so gut wie jedem elektronischen Gerät - insbesondere die Autoindustrie leidet schon jetzt unter dem Chipmangel. China ist indes ein wichtiger Standort für die Fertigung elektronischer Geräte.

Taiwan-Krise: Wie gefährlich ist die aktuelle Situation?

Da China bei den Militärmanövern eigenen Angaben zufolge scharfe Munition verwendet, sind unbeabsichtigte Treffer denkbar und damit auch eine direkte Eskalation des Konflikts. Prinzipiell sieht etwa der US-Militärstratege Eric Chan aber eher mittelfristige Gefahren. Der Senior Strategist der US-Airforce zeigte sich von der Risikobereitschaft des chinesischen Präsidenten Xi Jinping überrascht. „Dennoch geht er keine vollständig wilden Risiken ein“, so der Stratege laut Handelsblatt. „Für ihn ist es eine Entscheidung, bei der es um Leben und Tod geht.“ Bei einer Niederlage würde China nicht nur Taiwan verlieren. Jinping würde auch die kommunistische Herrschaft selbst aufs Spiel setzen, so Chan. Denn Taiwan gilt als Beweis, dass eine chinesische Bevölkerung in einem demokratischen System frei leben und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich sein kann.

Doch eine zu frühe Invasion hält der Militärexperte für weniger wahrscheinlich. Zum einen seien die jetzigen Manöver zwar groß, aber bisher lediglich symbolisch, meint Chan. Zum anderen seien sie so intensiv, dass eine Fortsetzung die militärische Kampfbereitschaft der Chinesen schwächen würde. „Wenn sie diese Manöver fortsetzen wollen, müsste die Volksbefreiungsarmee Personal aufbauen“, sagte der Militärstratege wie das Handelsblatt berichtete. Vor der Ernennung zum Präsidenten auf Lebenszeit im November brauche Xi eher eine gewisse Stabilität im Land. Langfristig könne China aber ein Interesse haben, die USA aus dem West-Pazifik zu verdrängen. Es gehe jetzt um Abschreckung, so Chan, denn er sehe keine Hoffnung mehr, China durch Gespräche zu überzeugen. Zwar gebe es Bemühungen zahlreicher Staaten, sich regional zu vernetzen und Allianzen wie den Quadrilateral Security Dialogue (Quad) oder den Indopazifischen Wirtschaftsrahmen (IPEF) zu bilden. Doch der Stratege ist sich sicher: „Wir stehen am Beginn einer Dekade maximaler Gefahr“ (bme/AFP).

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