US-Unterstützung für Taipeh

China reagiert empört auf McCarthys Empfang für Taiwans Präsidentin in den USA: „Podium für Separatisten“

  • schließen

Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen hat nahe Los Angeles den Sprecher des US-Repräsentantenhauses Kevin McCarthy getroffen. Peking reagierte empört – verzichtet bisher aber auf militärische Racheaktion

Los Angeles/München – Der Sprecher des US-Repräsentantenhauses, Kevin McCarthy, hat am Mittwoch die taiwanische Präsidentin Tsai Ing-wen in Kalifornien empfangen. Bei dem Treffen in der Ronald Reagan-Präsidentschaftsbibliothek nahe Los Angeles betonte McCarthy vor allem die Notwendigkeit beschleunigter Waffenlieferungen an Taiwan angesichts der zunehmenden Bedrohung durch China. Tsai betonte, die US-Unterstützung zeige: „Wir sind nicht isoliert, nicht allein.“

McCarthy ist der ranghöchste US-Politiker seit Jahrzehnten, der auf US-Boden mit taiwanischen Spitzenpolitikern zusammentraf. Auch Kongressabgeordnete beider Parteien nahmen an dem Treffen teil. Tsai wurde unter anderem von Außenminister Joseph Wu begleitet. Auf einer Pressekonferenz in Brüssel sagte US-Außenminister Antony Blinken, dass es bei Tsais Transit nichts Neues gebe und solche Stopps „privat“ und „inoffiziell“ seien. Für ein „privates“ Treffen kam aber doch ein beachtlicher Aufmarsch führender Politiker zusammen.

China: Empörte Reaktion aus Peking – aber zunächst keine Großmanöver

Peking reagierte daher erwartbar empört. Das chinesische Außenministerium beschuldigte die USA, „ein Podium für taiwanische Separatisten bereitzustellen, um einen offiziellen Austausch zwischen den USA und Taiwan durchzuführen und die Beziehungen zwischen den USA und Taiwan zu stärken“. Die Taiwan-Frage sei „die erste rote Linie in den Beziehungen zwischen China und den USA, die nicht überschritten werden darf“, und die Unabhängigkeit Taiwans werde „in eine Sackgasse geraten“. Schon vorab hatte China vor einem solchen Treffen gewarnt – und mit nicht näher genannten Konsequenzen gedroht.

Die militärische Reaktion fiel zunächst aber verhaltener aus aus als bei dem Besuch von McCarthys Vorgängerin Nancy Pelosi in Taipeh im vergangenen Sommer. Damals hielt China tagelange Großmanöver rings um Taiwan ab. Am Donnerstag meldete das Verteidigungsministerium in Taipeh, eine vom Flugzeugträger Shandong angeführte Marineflotte Chinas habe die Insel etwa 370 km südlich passiert. Sie Shandong befinde sich derzeit auf einer „Trainingsmission“, sagte Ministeriumssprecher Chiu Kuo-cheng.

US-Parlamentschef Kevin McCarthy empfängt Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen in Kalifornien: Wut in Peking

Auch haben die Seebehörden der Taiwan gegenüberliegenden chinesischen Provinz Fujian eine dreitägige spezielle Patrouillenoperation in der Taiwanstraße gestartet, die Inspekionsbesuche auf Schiffen umfasst – offiziell zur „Sicherheit der Schifffahrt“. Taiwan hatte bei China heftigen Protest gegen die Aktion eingelegt. Doch dabei blieb es zunächst. Die Zurückhaltung könnte allerdings vorübergehend sein: Am Donnerstag kamen Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen mit Chinas Staatsführung zusammen – eine allzu martialische Reaktion würde für störende Nebengeräusche sorgen.

USA: McCarthy für mehr Waffenlieferungen an Taiwan

Auf der Pressekonferenz nach dem Treffen sagte McCarthy, sie hätten besprochen, wie Waffenlieferungen nach Taiwan beschleunigt werden könnten. „Wir müssen die Waffenverkäufe an Taiwan fortsetzen und sicherstellen, dass diese Verkäufe Taiwan sehr zeitnah erreichen“, betonte er. Er glaube, dass es diesbezüglich eine parteiübergreifende Übereinkunft gebe. Die harte Linie gegen China ist tatsächlich eins der wenigen Themen, die beide US-Parteien eint; dazu gehört für die meisten auch eine stärkere Unterstützung Taiwans. „Zweitens müssen wir unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit stärken, insbesondere bei Handel und Technologie.“

Mike Gallagher, republikanischer Vorsitzender des neuen Komitees zum Umgang mit der Kommunistischen Partei Chinas im Repräsentantenhaus, sagte, er wolle nach Möglichkeiten suchen, Harpoon-Anti-Schiffs-Raketen nach Taiwan zu liefern, bevor diese wie bereits ausgemacht nach Saudi-Arabien gehen sollen. Reuters zitierte US-Beamte mit der Einschätzung, dass Waffen wie die Harpoon-Rakete für Taiwans Verteidigung weitaus wichtiger seien als schwere Waffen wie Panzer und Flugzeuge, die das Militär der Insel traditionell von den Vereinigten Staaten gekauft hat. Auch in Taiwan selbst hat bei diesem Thema eine strategische Neuorientierung begonnen.

Verschiedene US-Militärs warnen immer wieder vor baldigen Angriffen auf Taiwan. Blinken teilt die Auffassung, dass China bis 2027 zu einer Invasion in der Lage sein könnte. Doch bisher sind keine Anzeichen für die Vorbereitung einer solchen Invasion zu beobachten. Angespannt ist die Lage dennoch.

Ex-Präsident der Oppositionspartei KMT reist weiter durch China

US-Waffenlieferungen sorgen normalerweise für besonderen Ärger in China. Doch da dürfte nicht nur der Besuch von Macron und von der Leyen dürfte eine eskalierende Reaktion verhindert haben. Auch der taiwanische Ex-Präsident Ma Ying-jeou von Taiwans derzeitiger Oppositionspartei Kuomintang (KMT) hält sich gerade in China auf. Er hatte die Menschen auf beiden Seiten der Taiwanstraße als „eine chinesische Familie“ bezeichnet; seine Partei steht generell für mehr Dialog mit Peking. Ma und Song Tao, Chinas Direktor des Büros für Taiwan-Angelegenheiten, hatten einander bei einem Treffen in Wuhan freundschaftliche Beziehungen zugesichert.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

Heftige Drohgebärden würden Mas Partei in Taiwan im beginnenden Vorwahlkampf schaden. 2024 wählt Taiwan einen Nachfolger für Tsai, die nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten darf. Peking setzt stets auf einen Wahlsieg der KMT. Auch wenn die KMT ebenfalls keine baldige Wiedervereinigung anstrebt, ist das Verhältnis zwischen Taipeh und Peking unter KMT-Präsident wie Ma ruhiger. Die DPP von Tsai Ing-wen stammt aus der Unabhängigkeitsbewegung; Tsai selbst erkennt das Ein-China-Prinzip nicht an.

Die Präsidentin war bereits auf dem Hinweg zu ihrer Reise nach Mittelamerika in New York zwischengelandet. Auch damals warnte Peking bereits vor einer „ernsten Konfrontantion“. Auch in New York hatte Tsai nach Angaben ihres Büros bereits Abgeordnete getroffen, darunter den führenden Demokraten im Repräsentantenhaus Hakeem Jeffries sowie mehrere US-Senatoren.

Rubriklistenbild: © MARIO TAMA/AFP

Kommentare