VonJakob Maurerschließen
In Texas boomt die Solarkraft. Lokale Initiativen kämpfen dafür, dass davon alle profitieren.
Tomás wuchtet das letzte Solarpanel auf seinen Rücken und erklimmt die Leiter. Oben auf dem Dach des Einfamilienhauses nimmt ihn sein Kollege Luís in Empfang. Ein paarmal surrt der Akkuschrauber und die Arbeit ist erledigt: Ein weiteres Dach in Texas ist bereit, aus Sonnenlicht grünen Strom zu erzeugen. Die beiden Arbeiter packen in der Mittagshitze ihr Werkzeug und die Leiter zusammen, heute steht noch ein weiteres Haus auf dem Programm.
Auch der Staat selbst klettert nach ganz oben: Solar boomt in Texas seit Jahren und löst im laufenden Jahr Kalifornien als führenden Solarstaat ab. Im republikanisch regierten Riesenstaat des „Sunshine Belt“, dem Gürtel der südlichen und sonnenreichen US-Staaten, wurden seit Jahresbeginn laut „American Clean Power Association“ 3293 Megawatt Solarkapazitäten neu geschaffen. Der Bericht des Industrieverbands vom September schätzt die Gesamtleistung des Staates auf knapp 22 Gigawatt, ein Fünftel der gesamten US-Solarparks. Zum Vergleich: Deutschland, etwa halb so groß wie Texas, kam 2023 auf gut 82 Gigawatt. Das Potenzial in den vielfach größeren USA ist folglich riesig.
Doch als der Spitzenwert die Runde machte, wurden im US-Wahlkampf andere Töne angeschlagen. Donald Trump, der republikanische Ex-Präsident, residiert zwar in Mar-a-Lago im „Sunshine State“ Florida, doch seine Devise in Sachen Energie lautet: „Drill, baby, drill!“ – „Bohren, Baby, Bohren!“ Er befeuert die Förderung der fossilen Energieträger Öl und Gas, die weiter massenhaft vor allem im texanischen Boden vorkommen. Der Klimawandel spielt für Trump keine Rolle, in seiner ersten Amtszeit ordnete er umgehend den Ausstieg aus dem Pariser Abkommen an. Bei einer Wiederwahl würde er das wiederholen.
Denn sein demokratischer Nachfolger, Joe Biden, machte Trumps Schritt rückgängig und setzte finanzielle Anreize für den Solarboom. Bidens Vize, Kamala Harris, rühmt sich und die Regierung im Rennen um das Weiße Haus derweil für „den größten Anstieg der heimischen Ölproduktion in der Geschichte“ und gibt ihren Widerstand gegen Fracking auf. Die umstrittene Erdgas-Förderung, für die giftige Chemikalien tief in den Boden gepresst werden, ist für den Swing State Pennsylvania von großer Bedeutung – und damit auch im Kampf um Wählerstimmen.
Kommt es also auf Staaten wie Texas an bei der Energiewende in der größten Volkswirtschaft der Welt? Wird der Öl-Staat schlechthin zum Wegweiser?
Inspiration aus Detuschland
Stan Pipkin leistet seinen Beitrag dazu mit dem Unternehmen „Lighthouse Solar“ in der texanischen Hauptstadt Austin, für das Tomás und Luís Solarpanele anbringen. Pipkin holte sich Inspiration für sein Geschäftsmodell in Deutschland und macht regelmäßig im Lokalfernsehen mit der Kurzrubrik „Climate Minute“, einer „Klimaminute“, Werbung für seinen mittelständischen Betrieb und die Technologie.
Hier in der Siedlung, wo gerade die letzten Häuser Anlagen auf den Dächern erhalten, bremst er aber die Erwartungen. „Wir haben in Texas viel Sonnenschein, aber das Leistungsniveau ist in etwa das von Massachusetts.“ Es gebe zwar mehr Sonnentage als im Norden, doch vor allem die Sommerhitze werde für die Solarpanele zum Problem. „Je heißer es ist, desto ineffizienter wird die Technik.“ Durch die allgemein niedrigen Energiepreise in Texas werde es schwierig, Privatleuten die Solarenergie als sinnvolle Investition zu präsentieren.
Auch das ist Amerika
Der Wilde Westen ist in den USA inzwischen mehr Kult als Alltag, doch ab und an zeigen sich die Ursprünge der Cowboykultur noch - und dann sogar im eher wenig prärieartigen Massachusetts. Dort büxten Ende des Sommers gleich acht Bullen aus einem Rodeo aus und machten die Stadt unsicher.
Die Stadt North Attleboro, in der das Rodeo stattfinden sollte, ist anders als das spanische Pamplona nicht gerade auf rasende Bullen vorbereitet. Dennoch gelang es der Feuerwehr, sieben der entflohenen Tiere innerhalb eines Nachmittags wieder einzufangen.
Der letzte Bulle stellte sich wohl geschickter an und schickte Feuerwehr und Polizei rund anderthalb Tage lang auf die Suche in der Stadt. Verletzt wurde bei der Angelegenheit glücklicherweise niemand, auch wenn die Bullen einigen Menschenmengen gefährlich nahe kamen. Ob bei der Jagd auch Lassos zum Einsatz kamen, ist nicht bekannt. vale
Und er erlebt weiteren Gegenwind: Im Boom hätten viele Unternehmen den Markt geflutet. Manche auf unethische Weise, mit falschen Versprechungen. Das habe zu Pleiten geführt sowie Service-Lücken und Frustration bei der Kundschaft.
Der Energieforscher Joshua Rhodes von der University of Texas erklärt, warum die Branche im Staat dennoch Wachstum erlebt: „Die überwältigende Mehrheit kommt von großen Solarfarmen.“ Texas biete perfekte Voraussetzungen, da es im großen, wirtschaftsfreundlichen Staat weniger Steuern und weniger Vorschriften sowie mehr Platz gebe als anderswo: „Wir können hier alles schneller aufbauen.“
Der Stromverbrauch in Texas geht durch die Decke
Eine USA-Karte der „American Clean Power Association“ zeigt geplante Projekte: An der Ostküste und südlich der Großen Seen sind viele kleine Punkte verzeichnet, im Nordwesten nur sehr wenige, Kalifornien setzt vermehrt auf Energiespeicher – in Texas drängen sich zahlreiche große Solarprojekte.
Internationale Unternehmen ziehen hier Riesenfarmen hoch. Derzeit entsteht die bislang größte der USA im Nordosten von Texas, das Samson Solar Energy Center auf mehr als 70 Quadratkilometern. Der Betreiber verspricht: „Das gesamte Projekt wird 1310 Megawatt an nachhaltiger Energie erzeugen, genug Strom, um 300 000 amerikanische Haushalte zu versorgen.“
Doch inwieweit Privathaushalte und letztlich auch das Klima profitieren, ist fraglich, denn parallel zum Solarboom geht in Texas der Stromverbrauch durch die Decke: Der Bundesstaat beherbergt einige der energieintensivsten Industrien: Rechenzentren, Kryptowährungsminen, Wasserstoffproduktion und auch die Öl- und Gasbranche, die ihre Prozesse elektrifiziert.
Zur Serie
Wer rettet die USA? Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf geht es um nichts Geringeres, als den Erhalt der Demokratie. Viele Probleme bleiben dabei auf der Strecke. Doch statt sich damit abzufinden, kämpfen mutige Amerikanerinnen und Amerikaner jeden Tag dafür, dass es den Menschen in ihrem Land besser geht.
Jede Woche stellen wir in zwei Folgen Personen und Initiativen vor, die auf ihre Weise versuchen, Amerika zu retten. Vergangene Folgen sowie zusätzliche Bilder finden Sie online auf unserer Themenseite: fr.de/usa
„In Texas kannst du nicht wirklich über den Klimawandel reden“, sagt Rhodes. Viele in der Politik bestritten dessen Existenz und ließen sich damit nicht für die Technologie begeistern. Er setze auf Pragmatismus und hebe die wirtschaftlichen Chancen hervor. „Wenn das dabei hilft, mehr Erneuerbare auf den Weg zu bringen, dann ist das der bessere Ansatz.“
Es geht in Texas also doch wieder um das Big Business, das große Geld. Und bei diesem Stichwort ist auch ein Seitenblick nach West-Texas notwendig, um den Zuwachs der Erneuerbaren einzuordnen.
Wer Satellitenaufnahmen rund um die Stadt Midland, Texas aufruft, entdeckt weiße Flecken. Überall. Fast als hätte die Landschaft einen Ausschlag. Jeder dieser weißen Punkte entpuppt sich als eine Förderstelle von Erdöl oder -gas im sogenannten Permbecken, dem „Permian Basin“.
In keiner Region auf der Erde sei intensiver gebohrt worden, schreibt der texanische Autor und Pulitzer-Preisträger Lawrence Right im Buch „God Save Texas“: „Aufgrund der Fracking-Revolution ist es wieder zur aktivsten Öl- und Gasgegend der Welt geworden.“ Die Folge sind Tankstellen-Gerüche auf den Highways, Gasfackeln, die die Nacht erhellen. Spritpreise, geringer als die Hälfte von denen in Deutschland. Und regelmäßige Erdbeben, diesen Sommer bis zu 5,1 auf der Richterskala.
Gas machte 2023 weiterhin gut 47 Prozent des texanischen Energiemixes aus, Kohle kam auf knapp 14 Prozent, Kernkraft auf knapp neun. Solar wuchs von 0,9 Prozent im Jahr 2018 binnen fünf Jahren auf einen Anteil von mehr als sieben Prozent. Und Windkraft kommt bereits auf gut 24 Prozent. In West-Texas ist auch das zu sehen: Östlich von Midland verschwinden die Ölpumpen und immer mehr Windparks tauchen am Horizont auf.
Die Windkraft machte den Anfang für den Boom der Erneuerbaren. 1999 unterzeichnete der damalige Gouverneur George W. Bush in Zusammenarbeit mit den Demokraten im Staat ein Gesetz zur Deregulierung des texanischen Strommarktes. Dies sollte ihn wettbewerbsfähiger machen und ebnete den Weg für die Windenergie. Für Landbesitzer:innen war es eine weitere Möglichkeit, Geld zu machen, teils weniger aufwendig als mit Viehhaltung oder Feldern. Dies überträgt sich nun auf das Solargeschäft.
Doch wer genau hinsieht, entdeckt mehr als „Big Business“ und strauchelnde Privatunternehmen. Nicht weit entfernt von der Siedlung, in der Tomás und Luís Dächer erklimmen, erstrecken sich am Rande einer Nachbarschaft drei Felder mit Photovoltaik-Anlagen.
Das Areal ist Teil eines stadtweiten Netzwerkes und damit der dezentralen Energiewende. Haushalte können sich anmelden und grünen Strom beziehen, ohne selbst Solar auf dem Dach zu haben. Das Konzept nennt sich „Community Solar“, ähnelt deutschen Bürgerenergie-Projekten oder Energiegenossenschaften. In den USA hat sich die Gesamtkapazität solcher Projekte in den vergangenen zehn Jahren auf knapp 140 Gigawatt nahezu verzehnfacht. Texas erhält nun weiteren Anschub.
Bei den Stadtwerken von Austin ist Projektmanager Micah Jasuta dafür zuständig, Fördermillionen aus dem Staatshaushalt auf die Dächer der Stadt zu bringen. Als Teil einer Initiative zehn texanischer Kommunen mit dem Namen „Solar for All Coalition“ – Solar für alle – hat Jasutas Team Zugriff auf Geld, das die Biden-Regierung mit dem „Inflation Reduction Act“ für die staatliche Umweltbehörde EPA bereitgestellt hat. Das Hunderte Milliarden schwere Infrastrukturgesetz von 2022 hatte auch eine Klimakomponente. Auch die will Trump stoppen.
In Austin kommen gut 30 Millionen Dollar für öffentliche Anlagen an. Jasuta steckt mitten in den Vorbereitungen dafür, Tausende neue Haushalte einzubinden. „Wir konzentrieren uns auf Menschen mit niedrigem bis mittlerem Einkommen, die bislang keinen gleichberechtigten Zugang zu Solarenergie hatten“, sagt der 36-Jährige. Sie sollen mit dem Programm kostenfrei eine Solaranlage und -batterien erhalten. Die Stadtwerke kümmern sich um die Instandhaltung. Wenn der Strom ausfällt, was in Texas häufig vorkommt, können die Haushalte dies mit dem eigenen Speicher überbrücken. Und nach 15 Jahren soll die Solaranlage schließlich kostenfrei Eigentum der Haushalte werden.
Jasutas hofft, dass sich die Solarenergie mit solchen Projekten von unten nach oben auch im erzkonservativen Texas weiter durchsetzt. Wie Energieforscher Rhodes zieht er das Fazit: „Solar transcends politics“ – was so viel bedeutet wie: Die Solarenergie lässt das Politische hinter sich, den Kulturkampf um Klimawandel und Energiewende. Übrig bleibt die von Unternehmer Stan Pipkin aufgeworfene Frage: Rechnet es sich? Wenn die Antwort immer öfter „Ja“ lautet, so hoffen die drei, dann kann auch das Klima davon profitieren.
