VonAnna Laura Müllerschließen
In den USA ist eine sichere Schwangerschaftsversorgung und Geburt nicht selbstverständlich. Für Schwarze Frauen ist das Risiko noch höher. Ein Kollektiv in Nebraska will das ändern. Ein Interview mit der Gründerin Ashlei Spivey.
Der vergangene Monat stand bei „I Be Black Girl“ im US-Bundestaat Nebraska ganz im Zeichen der Gesundheit von Schwarzen Müttern und Gebärenden. Das Kollektiv macht es sich seit 2017 zur Aufgabe, die Bedürfnisse Schwarzer Frauen und Mädchen in den Mittelpunkt zu stellen. Und das nicht nur einmal im Jahr zum von ihnen ausgerufenen „Black Maternal Health Month“, sondern immer. Erst im Sommer hat die Organisation in North Omaha ein neues Zentrum eröffnet, speziell von und für Schwarze Frauen und Mädchen. Die Engagierten dort wollen ein Bewusstsein schaffen, für die prekäre Situation in denen sich Schwangere oftmals befinden und nicht nur sie, sondern auch sogenannte Doulas, also Geburtsbegleiter:innen ohne offizielle medizinische Ausbildung, weiterbilden und stärken. Ziel ist die sogenannte „Birth Justice“, also gewaltvolle Erlebnisse unter der Geburt vorzubeugen und der verhältnismäßig hohen Sterblichkeitsrate von Schwarzen Frauen und Babys entgegenzuwirken. Unter dem Begriff, der von Schwarzen Feminist:innen in den USA entwickelt und geprägt wurde, versuchen Aktivist:innen strukturelle Ungleichheits- und Gewaltverhältnisse rund um Schwangerschaft und Geburt sichtbar zu machen.
Ashlei Spivey, warum braucht es ein von Schwarzen Menschen geführtes Kollektiv wie I Be Black Girl (IBBG)?
Ich habe immer in Führungspositionen gearbeitet, in denen ich der erste und einzige Schwarze Mensch und vor allem auch die erste Schwarze Frau war. Es kann sehr einsam werden, wenn es keine Menschen gibt, die so aussehen wie du, die deine Erfahrungen und deine Identität teilen. Dann fühlt man sich wie ein Außenseiter. Das ist einer der Gründe, warum wir I Be Black Girl gegründet haben. Damit es ein stärkeres Gefühl von Gemeinschaft und Verbundenheit gibt. Und wir wissen, dass Schwarze Frauen, ob in den USA oder in der Diaspora weltweit, sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich unverhältnismäßig benachteiligt werden. Es ist also wirklich wichtig, eine Organisation zu haben, die ausdrücklich und ohne Umschweife sagt: Ich werde mich auf diese Gruppe konzentrieren und für bessere Bedingungen sorgen. Denn wir wissen, dass der institutionelle Rassismus, insbesondere in den USA, diese diskriminierenden Systeme geschaffen hat.
IBBG engagiert sich in der Schwangerschaftsversorgung und „Birth Justice“ (Geburtsgerechtigkeit). Nach Angaben der CDC (Centers for Disease Control and Prevention) ist die Wahrscheinlichkeit, dass Schwarze Frauen an schwangerschaftsbedingten Problemen sterben, dreimal so hoch wie bei weißen Frauen. Wie gehen Sie damit um?
Wir sind die erste und einzige Organisation für reproduktive Gerechtigkeit in Nebraska und setzen uns ein für Rechte wie den Zugang zu Verhütungsmitteln und Fruchtbarkeitsbehandlungen. Wir befassen uns damit, wie unsere Gesundheit mit sozialen und politischen Aspekten unseres Lebens zusammenhängt. Wie sieht unsere Umwelt aus, unsere Wohnsituation? Wie sehen die Schulen aus, wie die Verkehrsmittel? Wir machen uns Gedanken darüber, wie wir ganzheitlich leben können. Ein wichtiger Teil davon ist die „Birth Justice“, denn die von Ihnen genannten Folgen sind eigentlich vermeidbar. Aber in der Realität ist das aufgrund von institutionellem Rassismus nicht der Fall. So liegt zum Beispiel in Douglas County, dem größten Regierungsbezirk in Nebraska, in dem die meisten Schwarzen Menschen leben, die Kindersterblichkeitsrate von Schwarzen Babys bei zwölf Prozent. Wir machen aber nur sechs Prozent der Bevölkerung aus. Und wir fragen uns: Warum ist das unsere Erfahrung? An diesem Problem arbeiten wir.
Wieso ist das so?
Wir wissen, dass insbesondere die Geburtshilfe innerhalb der Gynäkologie in den USA auf der Folterung und Experimenten an versklavten afrikanischen Frauen fußt. Die Arbeit von James Marion Sims, der hierzulande als Vater der Gynäkologie gilt, ist ein Ergebnis dieser Folterungen und Experimente. Deswegen haben wir unser physisches Zuhause auch Anarcha Center genannt. Anarcha Westcott war eines der ersten dokumentierten versklavten Mädchen, die diese Folterungen durch James Marion Sims erlebte. Wir haben unser Zentrum nach ihr benannt, auch um uns wirklich damit auseinanderzusetzen, wie wir eine bessere Zukunft für Anarcha und andere Menschen wie sie erträumen können. Wie können wir über Freude und ein erfüllendes Leben nachdenken und über das, was sie sich gewünscht hätten? Es ist für uns wirklich wichtig uns darauf zurückzubesinnen, wenn wir Lösungen für das hier und jetzt finden wollen.
Steht das auch im Zusammenhang mit dem Motto „We’re here, now what?“ („Wir sind hier, was nun?“) für den gerade zu Ende gegangenen „Black Maternal Health Month“?
Ja. Es gibt so viele Daten und Studien, die sich mit der Krise innerhalb der Schwangerschaftsversorgung für Schwarze Menschen befassen. Aber wir brauchen keine weitere Studie. Wir sind hier, wir sind an diesem Punkt angelangt. Die Frage ist also, was jetzt? Was wird dagegen getan? Wir können nicht immer nur nach mehr Daten fragen. Wir können nicht immer nur darüber reden. Wir müssen handeln, und das fordern wir jetzt.
Zur Serie
Wer rettet die USA? Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf geht es um nichts Geringeres, als den Erhalt der Demokratie. Viele Probleme bleiben dabei auf der Strecke. Doch statt sich damit abzufinden, kämpfen mutige Amerikanerinnen und Amerikaner jeden Tag dafür, dass es den Menschen in ihrem Land besser geht.
Jede Woche stellen wir in zwei Folgen Personen und Initiativen vor, die auf ihre Weise versuchen, Amerika zu retten. Vergangene Folgen sowie zusätzliche Bilder finden Sie online auf unserer Themenseite: fr.de/usa
Wie handeln Sie bei I Be Black Girl konkret, um die Bedingungen für Schwarze Frauen, und Mädchen vor Ort zu verbessern?
Wir haben vier Arbeitsbereiche: wirtschaftliche Gerechtigkeit, „Birth Justice“, Investitionen unter Schwarzer Führung, und Interessenvertretung und Politik. Im Rahmen unserer Arbeit zur „Birth Justice“ haben wir im Oktober zum Beispiel eine große Baby Shower veranstaltet, bei der wir Geschenke und Ressourcen verteilt und die Schwangeren wirklich verwöhnt haben, damit sie sich besonders fühlen und die Ressourcen haben, die sie brauchen. Außerdem haben wir eine Jobmesse für junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren veranstaltet, die sich für einen Beruf im Bereich Gesundheit und der reproduktiven Gerechtigkeit interessieren. Wir haben ein Webinar, das sich an medizinisches Fachpersonal richtet, um deren Kapazitäten im Bereich der reproduktiven Gerechtigkeit zu stärken. Wir geben auch Kurse zu sozialen Faktoren der Gesundheit, wie Umwelt, Arbeitsplätzen und Löhnen. In einer anderen Veranstaltung ging es um eine Schwarzen trans Mann, der bereits mehrere Male entbunden hat. Damit stellen wir sicher, dass wir das Wissen der Menschen ausbauen und schwangere Menschen aufklären können.
Warum ist es so wichtig, Schwarze Schwangere mit Schwarzen Doulas zusammenzubringen?
Wir wissen, dass Repräsentation wichtig ist. Es gibt Studien, die zeigen, dass Doulas oder Gynäkolog:innen, die die gleichen Identitäten und die gleichen Erfahrungen haben wie man selbst, mit größerer Wahrscheinlichkeit eine kulturell angepasste Betreuung bieten. In Nebraska gibt es aber einen Mangel an Schwarzen Ärzten und vor allem Ärztinnen. Unser Motto lautet: Wenn man die am stärksten Betroffenen in den Mittelpunkt stellt, profitieren alle davon. Wenn wir uns also auf die Lösung des Problems konzentrieren, warum Schwarze Frauen, Menschen mit der Fähigkeit zur Schwangerschaft und schwarze Babys schlechtere Bedingungen haben, werden die Lösungen, auch wenn sie in unseren Erfahrungen verwurzelt sind, auch weißen, indigenen und lateinamerikanischen Schwangeren zugutekommen. Diese Lösungen sind übertragbar.
Haben Sie deshalb das Doula-Passage-Programm ins Leben gerufen?
Ja, es ist ein Programm unter der Leitung von Schwarzen Frauen und Menschen mit der Fähigkeit zur Schwangerschaft. Und da fragen wir: Wie soll ein Fürsprecher für Schwangerschaftsversorgung aussehen? Was sind die Kompetenzen, was wird benötigt? Und dann helfen wir dabei, diese Dienste zu bezahlen, damit Doulas Schwangere auf ihrem Weg zur Geburt begleiten und für sie eintreten können. So tragen sie auch dazu bei, dass Ärzte und Ärztinnen auf die Bedürfnisse der Schwangeren eingehen und sie im Krankenhaus nicht überstimmt werden. Wir versuchen uns wirklich vorzustellen, wie Fürsorge aus Freude entstehen kann und nicht nur als Reaktion auf systemisches Leid.
Sie haben das Anarcha Center in North Omaha, einem überwiegend von Schwarzen Menschen bewohnten Viertel, eröffnet. Warum genau dort?
Wir haben ein altes Gebäude renoviert, das im Herzen der Schwarzen Nachbarschaft liegt und so kommen die Leute einfach vorbei. Manche haben auch angefangen, den Raum zu mieten. Wir hatten dort schon Veranstaltungen wie Yoga und einen Filmabend. Die Menschen sind wirklich begeistert, dass wir da sind, und wir freuen uns, eine Ressource für sie zu sein. Wir wollen ein Gemeinschaftszentrum und eine politische Heimat sein. Dass die Menschen kommen und etwas über reproduktive Gerechtigkeit lernen. Dass Geburtshelferinnen den Raum nutzen, um sich mit Schwangeren zu treffen. Wir wissen, dass sich einige der Institutionen, in denen dies normalerweise geschieht, wie zum Beispiel Krankenhäuser, sehr steril anfühlen oder viele das Gefühl haben, dass sie nicht dazugehören. Deshalb haben wir diesen Raum geschaffen, der eine andere Erfahrung ermöglicht.
Auch das ist Amerika
Das Wort Wahlkampf wird von einigen wohl zu wörtlich verstanden. Ein handfester Streit um eine „Make America Great Again“-Kappe, wie Anhänger von US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump sie tragen, hat zwei Frauen ihren Flug in die USA gekostet.
Auslöser war die rote Basecap: Eine Reisende trug die Mütze, als sie am Londoner Flughafen Heathrow auf den Einstieg wartete. Darüber regte sich eine andere Passagierin so stark auf, dass die beiden Frauen sich im Gate-Bereich prügelten, wie das britische Boulevardblatt „The Sun“ berichtete.
Im Flugzeug , wo beide Reisende im selben Bereich saßen, setzte sich der Streit fort. Schließlich entschied die Crew, die Polizei zu rufen – die Beamten eskortierten die politischen Gegnerinnen wieder von Bord.
Festnahmen gab es nicht, aber die Frauen hätten sich gegenseitig Beteiligung an einer Schlägerei vorgeworfen, wie die Polizei mitteilte.
Die Maschine der Fluggesellschaft British Airways hob schließlich mit rund zwei Stunden Verspätung in Richtung der Stadt Austin in Texas ab, wie das Unternehmen mitteilte. dpa
Bei den bevorstehenden Wahlen stehen in Nebraska auch zwei entgegengesetzte Initiativen zum Abtreibungsrecht zur Abstimmung. IBBG befürwortet diejenige, die sich für ein Recht auf Abtreibung auch nach der zwölften Schwangerschaftswoche einsetzt. Wie eng sind Abtreibungsrechte und Geburtsgerechtigkeit Ihrer Meinung nach miteinander verbunden?
Wir wissen, dass Abtreibungsrechte ein Teil der reproduktiven Gerechtigkeit sind. Es ist nicht das Einzige, aber es ist ein Teil davon. In Nebraska sehen wir bei den beiden gegensätzlichen Abtreibungsinitiativen, dass das Verbot, das weiterhin aufrechterhalten werden soll, mehr Schaden anrichten wird. Es wird die Menschen dazu bringen den Staat zu verlassen. Es wird Fruchtbarkeitsbehandlungen und ärztliche Behandlungen erschweren. Deshalb unterstützen wir die Initiative, die das wiederherstellt, was wir unter Roe v. Wade hatten, nämlich den nationalen Schutz, der dem gesunden Menschenverstand entspricht. Die Mehrheit der Menschen, die eine Abtreibung vornehmen lassen wollen, fällt unter diese Rahmenbedingungen. Wir sind überzeugt davon, dass sich der Staat wirklich aus diesen zutiefst persönlichen Entscheidungen heraushalten sollte. Wenn man uns diese körperliche Autonomie wegnimmt, ist künftig nichts unantastbar. Die Frage ist dann: Was werden sie als nächstes tun?
Sie ermutigen Leute auch wählen zu gehen. Welche Rolle spielt die Wahl bei Ihrer Arbeit?
Bürgerschaftliches Engagement ist sehr wichtig , wenn es um reproduktives Wohlergehen und Gerechtigkeit geht, gerade Menschen in der Schwarzen Community wurden früher ihre Rechte weggenommen. Wir wollen, dass die Menschen die Macht ihrer Wahl verstehen. Dass sie sich beteiligen können und wissen was passiert. Und die Informationen haben, um mit Zuversicht zu wählen. Das tun wir, indem wir Informationen zur Verfügung stellen: Hier erfahrt ihr, wie ihr euch registriert. Hier sind die wichtigsten Fristen. Hier sind die Themen, die euch betreffen. So können die Menschen informiert wählen und gute Entscheidungen für sich selbst treffen, wenn sie in die Wahlkabine gehen.



