- VonDavid Fischerschließen
Thailand und Kambodscha verharren im Streit. Die Vereinten Nationen bitten um Besonnenheit. Der Konflikt könnte indirekt auch deutsche Interessen berühren.
Berlin – Der Konflikt zwischen Thailand und Kambodscha geht auch am zweiten Tag weiter. Kambodschanische Truppen haben laut Recherchen der Deutschen Welle Raketen auf thailändisches Gebiet abgefeuert, Thailand wiederum soll mit Kampfjets Angriffe auf das Nachbarland geflogen haben. Die Behörden der beiden Länder melden bisher mindestens 16 Tote, fast ausschließlich Zivilpersonen. Allein in Thailand sollen laut Innenministerium über 100.000 Menschen auf der Flucht sein.
Die Regierung von Thailand hat Verhandlungen über Vermittlungsstaaten abgelehnt. „Ich glaube nicht, dass wir derzeit eine Vermittlung durch ein Drittland benötigen“, sagte ein Sprecher des Außenministeriums gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. China und die USA hatten angeboten, Verhandlungen zu unterstützen.
Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha dauert seit Kolonialzeit an
Mit António Guterres bezog auch die Spitze der Vereinten Nationen im Konflikt Stellung. „Der Generalsekretär fordert beide Seiten nachdrücklich auf, äußerste Zurückhaltung zu üben und alle Probleme im Dialog zu lösen“, teilte Guterres über einen Sprecher mit. Der UN-Sicherheitsrat soll sich noch heute in New York zu einem Sondertreffen zusammenfinden.
Der Streit um die Grenzregion besteht seit der Gebietsaufteilung durch die ehemalige Kolonialmacht Frankreich 1953. Entlang der Landesgrenze liegen mehrere bedeutende kulturelle und religiöse Stätten, darunter der Hindu-Tempel Prasat Preah Vihear – seit 2008 UNESCO-Weltkulturerbe.
„Der Grenzkonflikt um das Gebiet rund um Tempel entlang der thailändisch-kambodschanischen Grenze schwelt seit Jahren, doch aktuelle Entwicklungen haben ihn erneut zur Eskalation gebracht“, erklärt Professor Daniel Bultmann von der Humboldt-Universität Berlin auf Anfrage von Ippen.Media. Der Mitschnitt eines Telefonats zwischen Thailands Premierministerin Paetongtarn Shinawatra und dem ehemaligen kambodschanischen Premierminister Hun Sen wurde der thailändischen Regierungschefin als Schwäche ausgelegt. „Der Leak löste eine innenpolitische Krise in Bangkok aus, führte zum Bruch der Regierungskoalition und stärkte militärische wie nationalistische Kräfte.“
Auch Wirtschaft in Deutschland von Gewalt in Thailand und Kambodscha betroffen
Die Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitet seit vielen Jahren in der Region und hält eine kurzfristige Deeskalation für unwahrscheinlich. „Sowohl in Thailand als auch in Kambodscha nehmen nationalistische Stimmungen zu. Dies macht es den Regierungen schwer, die Spannungen abzubauen, auch wenn beide Länder durch unterbrochenen Handel und ausbleibenden Tourismus wirtschaftlich Schaden nehmen“, teilt Henning Effner, Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bangkok auf Anfrage von Ippen.Media mit. „In Thailand wurde die Regierung in den vergangenen Wochen kritisiert, im Grenzkonflikt mit Kambodscha zu schwach und unentschlossen zu agieren.“
Auch auf die Wirtschaft in Deutschland könnte der Konflikt laut Effner Auswirkungen haben. „Für Deutschland und die EU sind Thailand und Kambodscha wichtige Partner in der Region. Stabilität in Südostasien ist wichtig für die Aufrechterhaltung globaler Lieferketten. Deutschland kann seine Rolle als entwicklungspolitischer Partner Kambodschas und wirtschaftlicher Partner Thailands nutzen, um auf eine friedliche Beilegung des Konflikts hinzuwirken.“
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