VonSven Haubergschließen
Sie ist eine der jüngsten Regierungschefinnen der Welt und leitet die Geschicke von rund 71 Millionen Menschen. Doch einfach wird es für sie nicht.
Am Freitag um 12.34 Uhr Ortszeit fand Thailands politische Krise zu einem vorläufigen Ende. Nach zwei Tagen der Unsicherheit, wer auf den vom Verfassungsgericht aus dem Amt entfernten Premierminister Srettha Thavisin folgen würde, wählte das Parlament in Bangkok die 37-jährige Paetongtarn Shinawatra zu seiner Nachfolgerin. Paetongtarn war die einzige Kandidatin, die von der Regierungspartei Pheu Thai ins Rennen geschickt wurde, sie erhielt 319 Stimmen, deutlich mehr, als für eine Mehrheit nötig gewesen wäre. „Ich werde mein Bestes geben, und ich habe die besten Leute, die mich unterstützen“, erklärte sie nach der Wahl.
Paetongtarn Shinawatra, bekannt unter ihrem Spitznamen Ung Ing, ist die bislang jüngste Premierministerin Thailands und die zweite Frau in dem Amt. In die Politik war sie erst vor zwei Jahren gegangen, 2023 übernahm sie die Führung von Pheu Thai. Die Aufgaben, die vor ihr liegen, sind gewaltig. Da sind zum einen die anhaltenden wirtschaftlichen Probleme, mit denen das Land kämpft. Um den Konsum anzukurbeln, wollte Thailands Regierung eigentlich an 50 Millionen Bürgerinnen und Bürger jeweils rund 260 Euro auszahlen, konnte sich bislang aber nicht über die Finanzierung einigen. Auch war Paetongtarns Partei bei der Parlamentswahl im vergangenen Jahr nur auf dem zweiten Platz gelandet, viel Vertrauen im Volk besitzt sie nicht.
Reich und erfolgreich: Polit-Familie Shinawatra spaltet Thailand
Wer in den letzten zwei Jahrzehnten die thailändische Politik verfolgt hat, der kennt den Name Shinawatra. Thaksin Shinawatra, Paetongtarn Vater, war von 2001 bis 2006 thailändischer Premierminister; seine Schwester Yingluck, Paetongtarn Tante, hatte das Amt von 2011 bis 2014 inne. Beide schieden nicht freiwillig aus ihren Ämtern: Thaksin war zwar der erste Premierminister seines Landes, der eine ganze Amtszeit durchhielt und sogar wiedergewählt wurde. Allerdings wurde er schließlich durch einen Militärputsch ins Exil getrieben, aus dem er erst im vergangenen Jahr zurückkehrte. Und auch Yingluck wurde von den Militärs aus dem Amt geputscht, nachdem sie zuvor bereits vom Verfassungsgericht abgesetzt worden war.
Die Shinawatras sind nicht nur eine Polit-Dynastie, sie sind auch äußerst erfolgreiche Geschäftsleute. Patriarch Thaksin kam in den 1980-ern mit Telekommunikationsunternehmen zu Reichtum, laut dem Magazin Forbes ist er derzeit 2,1 Milliarden US-Dollar schwer. Yinglucks Reichtum nimmt sich dagegen wohl eher bescheiden aus: Als sie 2014 aus dem Amt schied, soll sie umgerechnet gut 16 Millionen Dollar besessen haben. Paetongtarn, die neue Premierministerin, hat in England Hotelmanagement studiert und ist seit Jahren im Geschäftsimperium ihrer Familie tätig. Über die Höhe ihres Vermögens gibt es widersprüchliche Angaben, die von einigen Millionen US-Dollar bis zu mehr als einer Milliarde reichen. Auf ihre monatlichen Bezüge als Premierministerin in Höhe von umgerechnet rund 3200 Euro dürfte sie aber kaum angewiesen sein. Auch wird sie eines Tages, zusammen mit ihren beiden Geschwistern, das gewaltige Vermögen ihres Vaters erben.
Neue Premierministerin: 14 Millionen Thailänder fühlen sich betrogen
So erfolgreich die Shinawatras sind, so umstritten sind sie auch. Thaksin wurde vor allem von Wählerinnen und Wählern in ländlichen Gebieten im Norden und Nordosten Thailands unterstützt, unter den städtischen Eliten war er hingegen regelrecht verhasst. Korruptionsvorwürfe und sein als autoritär geschmähter Regierungsstil führten 2005 zu Massenprotesten. 2013 trieb auch Yinglucks Politik Hunderttausende auf die Straßen.
Unklar ist, wie einflussreich Thaksin nun im Hintergrund bleiben wird. Eine dritte Shinawatra im Amt der Premierministerin dürfte jedenfalls kaum die Richtige sein, um die aufgeheizte Stimmung im Land zu besänftigen.
Zumal sich rund 14 Millionen Thais, die im vergangenen Jahr der Partei Move Forward des charismatischen Pita Limjaroenrat zum Wahlsieg verholfen hatten, um ihre Stimme betrogen sehen. Move Forward hatte knapp 40 Prozent der Stimmen erhalten, wurde von den königstreuen Eliten und den noch immer mächtigen Militärs aber daran gehindert, eine Regierung zu bilden. Vergangene Woche wurde die Partei schließlich vom thailändischen Verfassungsgericht verboten, angeblich, weil sie die Monarchie habe stürzen wollen. Ihrem Anführer Pita untersagten die Richter für zehn Jahre, ein politisches Amt auszuüben. Die Nachfolgepartei von Move Forward, die vor wenigen Tagen gegründete People‘s Party, verweigerte Paetongtarn am Freitag denn auch wenig überraschend die Zustimmung.
