„Gefährlich“

Wie TikTok mit Fake News den Nahostkonflikt auf der ganzen Welt verhärtet 

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Auf deiner Timeline siehst du Videos von israelischer oder palästinensischer Seite. Oft zeigen sie Propaganda oder Gewaltdarstellungen. Das hat Folgen.

Hinweis: Der Artikel enthält Beschreibungen von heftiger Gewalt.

Wenn du durch TikTok scrollst, siehst du Videos vom Krieg in Israel, von Menschen auf der Flucht, von Soldat:innen und großem Leid und Zerstörung. Sie kommen mutmaßlich von TikToker:innen aus Israel oder Palästina. Überprüfen kannst du das nicht. Auch Fake News zum Krieg in Israel (hier erfährst du, wie du am besten damit umgehst). U-Kommissar Thierry Breton verwarnte TikTok deshalb am 12. Oktober 2023 in einem Brief. Er forderte dazu auf, Fake News zu verhindern. Was ist seitdem passiert?

Fake News und Gewaltaufnahmen zum Krieg in Israel nehmen auf TikTok überhand

Am 15. Oktober erklärte TikTok in einer Mitteilung, Israel-Hamas-Inhalte besser bekämpfen zu wollen. Dafür sei ein eigenes Krisenmanagement ins Leben gerufen worden. Mitarbeiter:innen, die Hebräisch und Arabisch sprechen, sollen dabei die Videos überprüfen. Das Unternehmen arbeitet nach Angaben des New Yorker außerdem mit der Nachrichtenagentur Agence France-Press (AFP) und der Fact-Checking-Website Lead Stories zusammen.

Wer sich durch TikTok-Videos wühlt, sieht, dass sich trotz all der Maßnahmen nichts verändert hat. Auf der Plattform gibt es zahlreiche Videos von gefälschten Raketenangriffen oder angeblich Entführten der Hamas. Es dauert Tage, bis sie gelöscht werden oder sie sind dauerhaft aufrufbar. Die Vergangenheit zeigt, dass TikTok selbst Accounts von islamistischen TikToker:innen nicht blockiert.

In manchen TikTok-Videos wird Kunstblut verwendet, um die Situation zu dramatisieren

Nach Angaben des TikTok-Forschers Marcus Bösch finden sich zum Krieg in Israel subtile, sowie offensichtliche Propagandaversuche. Manche Videos wirken so, als würden sie die Schuld eines Angreifers entlarven – sind aber fake.

Fake News sind nicht das einzige Problem: In den Aufnahmen befinden sich konkrete Gewaltaufnahmen. Es gibt stark emotionalisierte Bilder, die Kinder in Käfigen zeigen. Es werden Leichen gezeigt, darunter tote Babys. Bösch schreibt, dass teilweise sogar Kunstblut verwendet werde, um das Szenario brutaler darzustellen. Das ist problematisch auch, weil Kinder und Jugendliche diese TikTok-Videos sehen können.

TikTok hat keine Lust, sich für gut-recherchierte Nachrichten einzusetzen

Als nach der Mahnung weiterhin Fake News auf der Plattform auftauchten, wendete sich die EU-Kommision am 19. Oktober erneut an TikTok. Die Betreiber:innen der App mussten bis zum 25. Oktober erklären, welche Maßnahmen sie ergriffen haben, um gewalttätige Inhalte, sowie Falschinformationen zum Krieg in Israel einzudämmen. Je nachdem, wie die Antworten ausfallen, könnte sich die EU-Kommission entschließen, ein offizielles Verfahren einzuleiten und anschließend Bußgelder verhängen.

Am Abend des 25. Oktobers ist nicht bekannt, was TikTok vorgelegt hat. Klar ist, die App hat kein Interesse daran, dass Nachrichten besser gefiltert werden. Im Gegenteil: die Social-Media-Plattform will am liebsten gar keine Nachrichten mehr. Nach einer Studie in der Zeitschrift New Media & Society werden Nachrichten bei TikTok weniger gefördert, als andere Inhalte. Ähnlich ist es übrigens auch bei Facebook, also Meta, und X.

Der einseitige Algorithmus auf TikTok ist im Krieg in Israel besonders gefährlich

Zum Krieg in Israel gibt es gespaltene Meinungen. Genauso ist es auch auf TikTok. Es gibt Videos unter dem #Israel und unter dem #Palestine. In den sozialen Medien gibt es das Phänomen der Echokammern. Das bedeutet, dass der Algorithmus dir nur die Videos vorschlägt, die dich interessieren. Du sitzt bei TikTok quasi in so einer Kammer und hörst deinem eigenen Echo zu.

Was wir an Inhalten zum Krieg in Israel sehen, kann uns auf die eine oder andere Seite wütend machen. (Symbolbild)

Stell dir jetzt vor, du stehst in einem Krieg auf einer bestimmten Seite. Du musst nicht vor Ort sein, es reicht die Solidarität mit einem anderen Land oder Volk. Dann werden dir auch nur Inhalte von dieser einen Seite vorgeschlagen. Und zwar keine neutralen Inhalte, sondern oftmals Propaganda.

„Fake-News sind so gefährlich, weil sie Meinungen verstärken, auch wenn sie falsch sind“, sagt der Fake-News-Experte Andre Wolf FR.de zum Krieg in Israel. Die Menschen werden in ihren Ansichten bestätigt, statt relativiert. Sie werden radikaler, statt einen genaueren Blick auf die Dinge zu bekommen. TikTok macht die Gräben zwischen Israelis und Palästinenser:innen noch tiefer – und zwar überall auf der Welt.

Rubriklistenbild: © IMAGO / Zoonar

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