Gefahr der Eskalation

Tod von Hisbollah-Chef Nasrallah bestätigt: Wer tritt seine Nachfolge an?

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Der Tod von Hisbollah-Anführer Hassan Nasrallah trifft die Miliz ins Mark – steht nun ein Flächenbrand im Nahen Osten bevor?

Beirut – Die Terrormiliz Hisbollah hat am Samstag (28. September) den Tod ihres Chefs Hassan Nasrallah bestätigt. Der 64-Jährige war seit mehr als drei Jahrzehnten nicht nur der religiöse, sondern auch politische und militärische Führer der islamistischen Organisation. Nun ist die Miliz kopflos – denn bereits zuvor hatten israelische Angriffe fast die gesamte Führungsriege ausgelöscht. Die Augen richten sich nun auf den Iran, dem wichtigsten Unterstützer der Hisbollah.

Israel tötet Hisbollah-Chef im Libanon: Droht Flächenbrand im Nahen Osten?

Die Hisbollah bekämpfte zuletzt zivile und militärische Standorte im Norden Israels, die israelische Armee Israel führte Luftschläge auf den Libanon durch, um die Führungsriege der Hisbollah zu eliminieren. Die Miliz ist ein Verbündeter der radikal-islamistischen Hamas. Am Samstag griff Israel nach eigener Darstellung das Hauptquartier der Hisbollah in der libanesischen Hauptstadt Beirut an. Sechs Wohnhäuser brachen zusammen, unter ihnen soll sich der unterirdische Hauptsitz der Schiitenmiliz befunden haben.

Schäden an Gebäuden nach den israelischen Luftangriffen in einem südlichen Vorort von Beirut im Libanon (Bild vom 28. September 2024).

Die Sorge um einen Flächenbrand im Nahen Osten wächst. Mit Nasrallahs Tod steige die Wahrscheinlichkeit eines regionalen Konflikts, kommentierte Ron Ben-Yishai, Militärreporter der israelischen Zeitung Yedioth Achronot. Sollte Israel eine „umfassende militärische Aggression“ gegen den Libanon beginnen, werde es zu einem „vernichtenden Krieg kommen“, warnte die UN-Vertretung des Iran in New York schon im Juli auf der Plattform X. Wie es nach dem Tod Nasrallahs weitergeht, war zunächst unklar.

Verändert Nasrallahs Tod die Sicherheitsarchitektur im Nahen Osten?

Als eine mögliche Reaktion der Hisbollah gilt ein heftiges militärisches Zurückschlagen, um Stärke unter Beweis zu stellen. Tatsächlich ist die Miliz so geschwächt wie seit langem nicht. Die US-Kriegsexperten des Institute for the Study of War (ISW) gehen davon aus, dass sich durch eine Schwächung der Hisbollah oder Hamas die „derzeitige Sicherheitsarchitektur im Nahen Osten, wie sie seit mindestens Mitte der 2000er Jahre besteht, erheblich verändern“ könnte. Auch eine Bodenoffensive Israels im Libanon steht im Raum: Tomer Bar, Kommandant der israelischen Luftwaffe, berichtete laut ISW am Donnerstag, die israelische Luftwaffe würde sich auf Luftunterstützung für eine mögliche Bodenoperation vorbereiten.

Die schiitische Regierung in Teheran finanziert Milizen im Jemen, dem Irak und Syrien und führt über sie Stellvertreter-Kriege. Nun steht selbst ein direktes militärisches Eingreifen des Iran im Raum, Hardliner im Land fordern bereits Vergeltung. Berichten zufolge starb bei dem Angriff auf Nasrallah auch der iranische Brigadegeneral Abbas Nilforuschan, stellvertretender Leiter der Operationen der Revolutionsgarden. Das dürfte den Druck auf Teheran nochmals erhöhen. Bei einer direkten Konfrontation von Iran und Israel würde Teheran Militärexperten zufolge wohl den Kürzeren ziehen, denn mit den USA hat Israel einen mächtigen Verbündeten. Für die Region wäre ein solcher Konflikt eine Katastrophe.

Wer könnte Nachfolger des Hisbollah-Chefs werden?

Der Tod ihres Chefs trifft die Miliz ins Mark: Die Tötung sei noch bedeutender als die von Top-General Soleimani 2020 und die von Osama bin Laden, Anführer des Terrornetzwerkes Al-Kaida und Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA, analysierte der Chefredakteur der libanesischen Zeitung L‘Orient Le Jour, Anthony Samrani. Manchen galt Nasrallah hinter Irans oberstem Führer Ali Chamenei sogar als Nummer Zwei der „Achse des Widerstands“. Haschim Safi al-Din, Chef des Hisbollah-Exekutivrats, gilt hochrangigen israelischen Beamten zufolge als aussichtsreichster Kandidat auf eine Nachfolge.

Die Hisbollah bestätigte den Tod ihres Chefs Hassan Nasrallah (rechs). Israels Armee hatte nach eigener Darstellung das Hauptquartier der Schiitenmiliz in der libanesischen Hauptstadt Beirut angegriffen (Rauchsäule nach der Explosion, links).

Der Geistliche „war nicht im Hauptquartier der Partei anwesend“, als es vergangene Nacht von einer Reihe von Luftangriffen getroffen wurde, zitiert die New York Times die Aussage von drei israelischen Quellen. Seit den 90er-Jahren soll sich der Cousin Nasrallahs auf eine Führungsrolle vorbereitet haben. Wie libanesische Medien berichteten, übernahm Naim Kassem, Nasrallahs bisheriger Stellvertreter, vorübergehend die Führung der Hisbollah – und gilt ebenfalls als möglicher Nachfolger. 2021, als es Gerüchte über Nasrallahs sich verschlechternde Gesundheit gab, wurde auch der Name Talal Hamiyah ins Spiel gebracht. Er ist Leiter der externen Sicherheitsorganisation der Hisbollah. (mit Agenturen)

Rubriklistenbild: © Montage aus IMAGO / Xinhua und IMAGO / ABACAPRESS

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