VonPeter Siebenschließen
Der IS hat als Innovation den „inspirierten Anschlag“ hervorgebracht, sagt Terrorexperte Hans-Jakob Schindler. Der Anschlag in New Orleans ist ein weiteres Beispiel dafür.
Berlin – Gerade noch feiern Hunderte ausgelassen im French Quarter, dem Ausgehviertel von New Orleans in den USA. Dann, gegen 3 Uhr morgens am Neujahrstag, rast plötzlich ein Pick-Up-Truck in die Menschenmenge. Mindestens 14 Menschen sterben, Dutzende werden verletzt. Die Polizei hatte zunächst von 15 Todesopfern gesprochen, die Zahl im Laufe des Donnerstags nach Neujahr aber nach unten korrigiert.
Der Fahrer des Wagens liefert sich anschließend eine Schießerei mit der Polizei, wird dabei getötet. Die US-Behörden gehen von einem Terroranschlag in New Orleans aus. Inzwischen sind immer mehr Details über den Täter und seine möglichen Motive bekannt. Die Spur führt zur Terrororganisation Islamischer Staat (IS) – und zu einer perfiden Rekrutierungsmethode.
Terror-Attentat in New Orleans: Auto rast in Menschenmenge – IS-Flagge am Täter-Fahrzeug
Der Täter von New Orleans war zuvor unauffällig gewesen: Ein 42 Jahre alter ehemaliger Armee-Soldat aus Houston, geboren in Texas. Kurz vor seiner Todesfahrt hatte er Videos in den sozialen Medien gepostet: Er sei vom IS inspiriert worden. An der Anhängerkupplung seines gemieteten Trucks wehte nach Angaben der Polizei die schwarz-weiße Flagge der Terroristen.
Der IS hat noch nicht offiziell die Verantwortung für den Anschlag in New Orleans übernommen. Terror-Experte Hans-Jakob Schindler vom Counter Extremism Project glaubt: „Es deutet alles auf einen sogenannten inspirierten Anschlag eines einzelnen Täters oder einer einzelnen Terror-Zelle hin, welche durch die verstärkte IS-Propaganda der letzten Zeit motiviert wurde.“
Islamischer Staat setzt auf neue Radikalisierungsmethode – New Orleans wohl weiteres Beispiel dafür
Der „inspirierte Anschlag“ sei eine regelrechte Terror-Innovation, die der Islamische Staat hervorgebracht habe, so Schindler im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. Das Prinzip dahinter: Nach dem Gießkannen-Prinzip verteilt der IS seine Propaganda möglichst großflächig über die sozialen Medien. Extremistische und teils hoch professionalisierte Influencer mit zehntausenden Followern verbreiten die Botschaften vor allem über TikTok oder in einschlägigen Telegram-Gruppen – bis sie bei jemandem verfangen, der sich immer mehr radikalisiert und so zur tickenden Zeitbombe wird.
Islamischer Staat Provinz Khorasan (ISPK)
Die Gruppe ISPK wurde 2015 in Afghanistan als lokaler Ableger innerhalb des IS-Netzwerks gebildet.
Er gilt als zweitstärkste bewaffnete Gruppe in dem Land – neben den Taliban, die den ISPK bekämpfen.
In den vergangenen Jahren hat die Gruppierung immer wieder Anschläge in Afghanistan und Pakistan verübt. Mit Propaganda-Inhalten zielt das IS-Netzwerk auch auf potenzielle Einzeltäter und lokale Terrorzellen in Europa oder den USA ab.
Im März 2024 hatte sich der ISPK zu einem Anschlag in Moskau bekannt, bei dem 137 Menschen getötet worden waren. Ende 2023 hatten ISPK-Kämpfer Anschläge auf den Kölner Dom geplant.
Der ISPK hat innerhalb der IS-Netzwerkstruktur eine Sonderstellung, gilt als mächtige Außenstelle der Zentrale in Syrien.
Potenzielle Zielgruppe: Personen mit psychischen Problemen oder Menschen, die Brüche im Leben erfahren haben und nach Halt und einfachen Antworten suchen. Zynisch: Für die Terroristen ist das eine kostengünstige Methode und wesentlich einfacher zu bewerkstelligen, als aufwendige Terroranschläge zu planen. Die oftmals unauffälligen Einzeltäter sind zudem im Vorfeld kaum aufzuspüren – für Sicherheitsbehörden wird die Bedrohungslage so besonders unberechenbar.
Über den Täter von New Orleans ist bekannt, dass er finanziell verschuldet war und zwei Scheidungen hinter sich hatte. Womöglich hatte er sich in den letzten Monaten in sozialen Medien zunehmend radikalisiert. Die Ermittler in den USA prüfen derweil, ob es mögliche Mittäter gegeben haben könnte: Im Truck und auf der Straße waren Sprengsätze entdeckt worden.
IS-Außenstelle in Afghanistan hat es auch auf Europa abgesehen
Der IS setzt für seine Propaganda-Aktionen auch verstärkt auf den Islamischen Staat Provinz Khorasan (ISPK) in Afghanistan. „Der IS ist eine Netzwerkstruktur, mit der Zentrale in Syrien und Ablegern in unterschiedlichen Regionen der Welt“, erklärt Experte Hans-Jakob Schindler. Allerdings sei der ISPK kein normaler Ableger, sondern sei von Grund auf in Afghanistan als Organisation mit besonderen Aufgaben aufgebaut worden: „Er ist die Außenstelle des Islamischen Staates“, so Schindler. Die Zentrale in Syrien schickt bis heute regelmäßig Gelder in Richtung Afghanistan, der sich ansonsten über Entführungen, Erpressungen und andere kriminelle Handlungen finanziere.
Der ISPK hat zunehmend das Ausland im Blick für potenzielle Anschläge, auch Europa. Ein Beispiel für einen inspirierten Anschlag in Deutschland sei das Messerattentat in Solingen gewesen, sagt Schindler: „Für solche Taten gibt es regelrechte Anleitungsvideos, die der IS schon vor Jahren in der Hochphase ihres Kalifats in Syrien gedreht hat.“ Die sind bis heute im Netz verfügbar. Schindler sieht die Plattformen in der Pflicht: „Das ist ein Versagen der sozialen Medien, sie müssen solche Inhalte entfernen.“
Hinweis: In einer ersten Version des Artikels war die Rede von 15 Todesopfern. Die Polizei hatte diese Zahl zunächst genannt, im Laufe des Tages nach der Tat aber nach unten korrigiert.
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