Sunak peitscht umstrittenes Abschiebegesetz durchs Parlament
VonStefan Krieger
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Großbritanniens Premierminister Rishi Sunak setzt weiter auf Abschreckung: Asylsuchende werden künftig ohne Verfahren abgeschoben.
London – Es ist eines, wenn nicht das zentrale Wahlkampfthema der britischen Konservativen: Irregulär eingereiste Flüchtlinge dürfen künftig ohne Prüfung ihres Asylantrags aus Großbritannien nach Ruanda geschickt werden. Dafür wurde das afrikanische Land von der Regierung in London ausdrücklich als „sicheres Drittland“ eingestuft. Der britische Premierminister Rishi Sunak erhofft sich eine abschreckende Wirkung auf Migranten – und Wählerstimmen für seine in den Umfragen weit abgeschlagene Partei bei den kommenden Wahlen in Großbritannien.
Jetzt hat der heftig umstrittene Gesetzentwurf Sunaks grünes Licht vom Parlament erhalten. Das Oberhaus verabschiedete das entsprechende Gesetz am späten Montag (22. April) auf Druck des Premiers. Sunak hatte zuvor gedroht, die Regierung werde das Parlament zwingen, so lange wie nötig bis in die Nacht zum Dienstag zu tagen, bis das Gesetz gebilligt würde. „Ohne Wenn und Aber. Diese Flüge gehen nach Ruanda“, sagte Sunak auf einer Pressekonferenz am Montag.
Britisches Parlament genehmigt Ruanda-Abschiebegesetz: Teile des Menschenrechtsgesetzes außer Kraft gesetzt
Jeder Asylsuchende, der illegal nach Großbritannien einreist, soll künftig nach Ruanda zurückgeschickt werden – unabhängig davon, aus welchem Land er ursprünglich kommt. Mit den Abschiebungen will die Regierung Menschen von der gefährlichen Überfahrt über den Ärmelkanal abhalten, Schlepperbanden zerschlagen und die Kosten für die Unterbringung der Asylsuchenden senken.
Die Verabschiedung des vor zwei Jahren formulierten Gesetzes beendet die rechtliche Blockade der Abschiebung von Asylsuchenden, indem Ruanda zu einem sicheren Land erklärt und Teile des britischen Menschenrechtsgesetzes außer Kraft gesetzt wurden. Darüber hinaus wurde die Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen, auf Ausnahmefälle beschränkt.
Viel Kritik am britischen Abschiebegesetz: „Unmenschlich“
Zehntausende Migranten – viele von ihnen auf der Flucht vor Kriegen und Armut in Afrika, dem Nahen Osten und Asien – sind in den vergangenen Jahren in kleinen Booten über den Ärmelkanal nach Großbritannien gekommen. Allein in diesem Jahr waren es mehr als 2500 Boote. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Zustrom zu stoppen. Doch Kritiker halten den Plan, die Menschen nach Ruanda abzuschieben, statt sie im eigenen Land zu versorgen, für unmenschlich. Sie verweisen auf die Menschenrechtslage in dem ostafrikanischen Land und die Gefahr, dass Asylsuchende in Länder zurückgeschickt werden, in denen ihnen Gefahr droht.
Drehtür Downing Street: Großbritannien lässt Tory-Chaos hinter sich
Sunak hatte am Montag gesagt, keinen Zweifel daran zu haben, dass das Gesetz durchs Parlament gebracht wird. Die Abschiebeflüge von Asylbewerbern in das ostafrikanische Land würden „in zehn bis zwölf Wochen“ beginnen, sagte er kurz vor Beginn der entscheidenden Abstimmung im Oberhaus. „Wir sind bereit, die Pläne liegen vor und diese Flüge werden auf jeden Fall starten.“
Sunak hat viel politisches Kapital in die Ruanda-Politik investiert und hofft, mit den Abschiebeflügen noch vor den Wahlen Ende des Jahres das Blatt für seine in den Umfragen weit abgeschlagene Konservative Partei wenden zu können. Seine Regierung steht unter wachsendem Druck, die Konservativen liegen in Umfragen hinter der oppositionellen Labour-Partei zurück. Nach 14 Jahren Regierung droht ihnen die Opposition. Hardlinern innerhalb der Tory-Partei des Premierministers geht der Gesetzesentwurf der Regierung allerdings noch nicht weit genug.
UN-Rechtsexperten verweisen auf das Menschenrecht
Sunaks Pläne könnten allerdings noch durch rechtliche Schritte aufgehalten werden. UN-Rechtsexperten haben darauf hingewiesen, dass Fluggesellschaften und Luftfahrtbehörden gegen internationale Menschenrechte verstoßen könnten, wenn sie sich an Abschiebungen beteiligen. Eine Aufsichtsbehörde für öffentliche Aufgaben in Großbritannien schätzt, dass es das Land 540 Millionen Pfund (knapp 626 Millionen Euro) kosten wird, die ersten 300 Migranten abzuschieben. Das wären fast zwei Millionen Pfund pro Person. (skr/rtr/afp)