Überlebenskampf vor der Wahl

Grenzschutz wichtiger als Völkerrecht: Sunak will Ruanda-Modell wohl mit radikalem Schritt durchdrücken

+
Großbritanniens Premierminister Rishi Sunak will an seinem Vorhaben zur Umsetzung eines Ruanda-Modells festhalten.
  • schließen

Rishi Sunak liebäugelt bei seiner Migrationspolitik auch mit dem Ausstieg aus Europäische Menschenrechtskonvention. Eine neue Eskalationsstufe im Wahlkampf?

London – Debatten um die Migrationspolitik der Regierung stehen in vielen europäischen Ländern auf der politischen Tagesordnung. Ein Lösungsansatz, den man dabei in den vergangenen Monaten immer öfter hört, ist die Auslagerung von Asylverfahren in Drittstaaten. Der entsprechende Plan von Großbritanniens Premierminister Sunak nennt sich „Ruanda-Modell“. Das große Problem für den konservativen Regierungschef: Das Modell verstößt wohl gegen die Europäischen Menschenrechtskonvention (EHCR). Für Sunak jedoch kein Grund, das Vorhaben abzuschreiben.

Ruanda-Modell in Großbritannien – Sunak will umstrittene Pläne weiter durchdrücken

In einem Interview mit der britischen Boulevard-Zeitung The Sun bekräftigte Sunak nun sein Festhalten am Ruanda-Modell und zeigt sich auch zu radikalen Schritten bereit. Asylsuchende sollen den Plänen zufolge nach ihrer Ankunft auf der britischen Insel nach Ruanda abgeschoben werden, wo sie dann ihren Asylantrag stellen könnten. Um die Pläne umzusetzen, plädiert Sunak auch für den Ausstieg aus völkerrechtlichen Verträgen – unter anderem der EHCR.

„Ich glaube, dass unsere Pläne mit unseren internationalen Verpflichtungen in Einklang stehen, einschließlich der Europäischen Menschenrechtskonvention“, betonte Sunak angesprochen. „Aber ich glaube, dass die Sicherheit der Grenzen und die Sicherstellung, dass wir illegale Migration kontrollieren können, wichtiger ist als jede Mitgliedschaft in einem ausländischen Gericht, weil es fundamental für unsere Souveränität als Land ist.“ Für den britischen Premier steht der Grenzschutz also offenbar über dem Völkerrecht.

Druck auf Sunak vor UK-Wahl steigt – Konservativen droht historisch schlechtes Ergebnis

Dass Sunaks Pläne aber sehr wohl gegen geltendes Recht verstoßen würden, urteilte der Oberste Gerichtshof in Großbritannien bereits im November 2023. Die obersten Richter sahen in ihrer Begründung die Gefahr, dass die Asylsuchenden in Ruanda kein faires Verfahren erhalten könnten. Sunak plante daraufhin das Urteil zu umgehen, in dem er Ruanda kurzerhand per Gesetz zum sicheren Drittland ernennt. Doch der gemeinsame Menschenrechtsausschuss des britischen Unterhauses und des Oberhauses lehnte die Pläne ab. Ein solches Vorhaben sei „fundamental unvereinbar“ mit den Menschenrechtsverpflichtungen Großbritanniens.

Sunak könnte den Druck in der Migrationspolitik vor allem mit Blick auf die wohl für die zweite Jahreshälfte geplante Parlamentswahl in Großbritannien weiter erhöhen. Denn in den Umfragen liegen die konservativen Tories deutlich hinter der sozialdemokratischen Labour Party. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov könnte Sunaks Partei bei der Wahl sogar eine echte Blamage drohen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch (3. April) vermeldete, kommt die Labour Party in der Umfrage auf über 400 der 650 Sitze im britischen Unterhaus. Den Tories droht somit das schlechteste Ergebnis seit 1997.

Völkerrechtler zweifeln an Umsetzbarkeit von Sunaks Ruanda-Modell – auch bei ECHR-Ausstieg

Das Ruanda-Modell gilt als Prestige-Projekt des Premierministers. Dessen jüngste Äußerungen im Sun-Interview lassen darauf schließen, dass Sunak auch vor radikalen Schritten wie dem Ausstieg aus dem EHCR nicht zurückschrecken könnte. Dass die Ruanda-Pläne sich – wie von Sunak angekündigt – mit den Menschenrechtskonventionen in Einklang bringen lassen, darf bezweifelt werden.

„Wer Asylverfahren auf diese Art und Weise auslagern möchte, leidet unter völkerrechtlichem Realitätsverlust“, sagte Grünen-Politiker Julian Pahlke bereits im vergangene Jahr gegenüber IPPEN.MEDIA. Doch auch nach dem Ausstieg Großbritanniens aus den EHCR könnten das Ruanda-Modell weiterhin nicht umsetzbar bleiben. Diese Einschätzung teilte Matthias Hartwig vom Max-Planck-Instituts für Völkerrecht und ausländisches Öffentliches Recht in Heidelberg im November 2023 gegenüber IPPEN.MEDIA.

Denn in ihrer Begründung verwiesen die obersten Richter in Großbritannien neben den entsprechenden völkerrechtlichen Verträgen auch auf das Völkergewohnheitsrecht. Dieses bildet sich durch eine entsprechende Rechtsüberzeugung und Praxis der Staaten heraus. „Folgt man der Einschätzung des Gerichtes, so würde dies bedeuten, dass diese Norm auch gelten würde, wenn Großbritannien die einschlägigen Konventionen nicht ratifiziert hätte“, gab Hartwig zu bedenken.

Drehtür Downing Street: Großbritannien lässt Tory-Chaos hinter sich

David Cameron
Sechs Jahre lang führte David Cameron als Premierminister das politische Großbritannien. Vom 11. Mai 2010 an stand er zunächst an der Spitze einer Koalitionsregierung mit den Liberaldemokraten, ehe er seit 2015 mit absoluter Mehrheit seiner konservativen Partei im Unterhaus regierte. Doch die eigene Partei machte ihm oft das Leben schwer. Camerons Fraktion im Unterhaus verwehrte ihm mehrfach die Gefolgschaft, etwa bei der Homo-Ehe oder bei der Reform des Oberhauses. Der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson oder Ex-Parteichef Ian Duncan Smith warfen ihm wiederholt Führungsschwäche vor. © Stefan Rousseau/afp
David Cameron
Camerons größtes Problem war aber die Europapolitik. Eine Lösung dieser Frage, die die Tories seit Jahrzehnten spaltet, fand auch er nicht. Zunächst war er noch optimistisch. „Ich war immer der Meinung, dass man große Entscheidung angehen muss und nicht vor ihnen zurückschrecken“, sagte er rückblickend. Doch im Lauf der Zeit machte er dem eurokritischen Flügel seiner Partei immer mehr Zugeständnisse. So ereiferte er sich offen über die Europäische Union und stellte sich in Brüssel demonstrativ quer. Nützlich war das alles aber nicht.  © Stephane de Sakutin/afp
David Cameron
Am Ende sollte Cameron an Europa scheitern. 2016 setzte er mit dem Referendum über den Verbleib des Landes in der EU alles auf eine Karte – und mutierte plötzlich zum Verfechter der europäischen Idee. Seine Landsleute nahmen ihm das allerdings nicht ab. Schlimmer noch: Gegen seinen erklärten Willen entschieden sich die Menschen in Großbritannien für den Austritt aus der EU. Der Brexit wurde zu Camerons größter Niederlage. So blieb ihm nur übrig, seinen Rücktritt zu erklären. Als er an jenem 24. Juni 2016 vor der Downing Street Nummer 10 an der Seite seiner Ehefrau Samantha vor die Kameras trat, war er den Tränen nahe.  © Leon Neal/afp
Theresa May
Nach dem Brexit-Votum benötigte Großbritannien eine neue Führungsspitze. Hier kam Theresa May ins Spiel. Die Tochter eines Pfarrers trat am 13. Juli 2016 als Nachfolgerin von David Cameron ihr Amt an. Oft wurde sie mit der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher oder mit Angela Merkel verglichen. Doch diese Vergleiche hinkten alle. Sie war einfach ein ganz anderer Typ. Bezeichnend sind die drei Worte, die sie einmal wählte, um sich selbst zu beschreiben: Sie sei eine „bloody difficult woman“, eine verdammt schwierige Frau. © Dominic Lipinski/dpa
Theresa May
Als Regierungschefin agierte sie weitgehend glücklos. Nach dem Brexit-Votum hofften viele Menschen in Europa und in Großbritannien, dass sie doch noch einen Weg aus dem Schlamassel finden würde. Immerhin hatte sich May vor dem Referendum noch für den Verbleib in der EU ausgesprochen. Zu Kompromissen war sie anschließend allerdings nicht mehr bereit. Ihr Mantra lautete: „Brexit bedeutet Brexit.“ Und das hieß: Austritt aus dem EU-Binnenmarkt und aus der Zollunion. Dabei hatte sich May vor dem Referendum noch für den Verbleib in der EU ausgesprochen.  © Stefan Rousseau/dpa
Theresa May
Da May für ihre Brexit-Pläne im Parlament keine Mehrheit sah, rief sie eine Neuwahl aus. Doch die vorgezogene Unterhauswahl im Juni 2017 wurde zum Desaster. Ihr einstudiertes Auftreten im Wahlkampf ließ sie kalt und steif erscheinen. Das Ergebnis fiel bitter aus: Vom erwarteten Erdrutschsieg gegen Labour-Chef Jeremy Corbyn war sie weit entfernt, die Tories verloren ihre absolute Mehrheit. Der offizielle Tories-Historiker Alistair Lexden stellte ihr in einem Artikel im Februar 2019 ein überaus schlechtes Zeugnis aus: Für ihn war May die „schlechteste Führerin der Tories“ überhaupt. Im Juli 2019 trat sie von ihrem Amt zurück. © Tolga Akmen/afp
Boris Johnson
Vom 24. Juli 2019 an versuchte Boris Johnson, Großbritannien aus dem Brexit-Schlamassel zu befreien. Hohe Ziele hatte er schon immer. In New York als Sohn eines Beraters für Umweltfragen geboren, wollte er laut Johnsons Schwester Rachel als Kind nichts weniger als der „König der Welt“ werden. Es reichte dann immerhin zum Premierminister. Johnsons Lebensweg war quasi vorgezeichnet. Er besuchte die Eliteschule Eton sowie die Universität Oxford, wo er Mitglied des berüchtigten Bullingdon Clubs war. Dabei handelt es sich um eine legendäre Tischgesellschaft, die für ihr Rowdytum und ihre Trinkgelage bekannt ist.  © Andrew Parsons/Imago
Boris Johnson
Nach seinem Studium arbeitete Johnson bei der Times, wurde aber nach nur einem Jahr wieder gefeuert – weil er Zitate gefälscht hatte. Das tat seiner Karriere aber keinen Abbruch. 1987 heuerte er beim Daily Telegraph an, deren Mitherausgeber er von 1994 bis 1999 war. Anschließend wechselte er zum konservativen Wochenblatt The Spectator, das er bis 2005 als Herausgeber leitete. In seiner Zeit als Bürgermeister von London (2008 bis 2016) veröffentlichte er zudem eine Biografie über sein Vorbild Winston Churchill. Bekannter als „Der Churchill-Faktor“ wurde aber der Verriss des Historikers Richard J. Evans.  © Imago
Boris Johnson
Bei Johnson ging es stets hoch her. Da baumelte er schon mal an einer Seilrutsche abwärts, versuchte sich im Tauziehen und walzte einen Jungen beim Rugby nieder. Nicht zu vergessen, dass er sich einmal in einem begehbaren Kühlschrank versteckte, um einem Interview zu entgehen. Seit seinem Amtsantritt jagte dann aber ein Skandal den nächsten. Johnson überstand zunächst alles, auch die „Partygate“-Affäre um illegale Lockdown-Feiern in der Downing Street. Eine Affäre um Johnsons Parteikollegen Chris Pincher brachte das Fass aber zum Überlaufen. Der Druck aus der Partei wurde zu groß, Johnson trat im Sommer 2022 zurück. © Andrew Parsons/Imago
Liz Truss
Am 6. September 2022 übernahm Liz Truss das Ruder in Großbritannien. 1975 in Oxford geboren, wuchs Truss im schottischen Paisley und im englischen Leeds auf. Ihr Vater war Mathematikprofessor, die Mutter Krankenschwester, beide beschrieb sie einst als „linksgerichtet“. Ihre Mutter nahm sie sogar auf Demonstrationen gegen Atomwaffen mit. Doch Truss begehrte auf gegen die politische Prägung ihres Elternhauses und schloss sich zunächst den Liberaldemokraten an, bevor sie zu den Konservativen wechselte. Das war nur konsequent, gilt doch Ex-Premierministerin Margaret Thatcher als ihr großes Vorbild.  © Victoria Jones/dpa
Liz Truss
Truss gilt als äußerst sprunghaft. Das zeigte sich auch beim Brexit-Referendum. Nachdem sie vorher noch für den Verbleib in der EU getrommelt hatte, galt sie hinterher als Bekehrte („born again Brexiteer“). Diesem Sinneswandel verdankte sie auch ihren Aufstieg bei den Tories bis hin zur Premierministerin. Wie keine andere Regierungschefin vor ihr versuchte Truss, die Brexit-Ideologie in die Tat umzusetzen. Sobald die Fesseln der EU abgeworfen und Steuern gesenkt seien, sollte ein beinahe märchenhaftes Wirtschaftswachstum ausgelöst werden, so die Theorie.  © Kristy O`Connor/afp
Liz Truss
Doch grau ist alle Theorie. Als die Regierung ein Mega-Paket an Steuererleichterungen ankündigte, rasselte der Kurs des Pfunds in den Keller. Die Renditen für Staatsanleihen schossen nach oben. Die Notenbank musste intervenieren, um Rentenfonds vor dem Kollaps zu bewahren. Zu diesem Zeitpunkt war Truss erst 17 Tage im Amt. Das Magazin Economist bescheinigte Truss daher die Haltbarkeitsdauer eines Salats. Die Boulevardzeitung Daily Star macht sich einen Spaß daraus und platzierte in einer Live-Übertragung einen Salatkopf neben dem Porträt der Premierministerin, um zu sehen, wer länger hält. Der Salat gewann. © Imago
Rishi Sunak
Nur 45 Tage lang blieb Liz Truss im Amt. Danach war Rishi Sunak an der Reihe. Seine Ernennung zum Premierminister galt aufgrund seiner Herkunft als Beweis für Toleranz im Vereinigten Königreich. Sunaks Großeltern stammen aus Indien und wanderten in den 1960er Jahren aus Ostafrika nach Großbritannien aus. Tatsächlich gab es 1980, als Sunak in Southampton zur Welt kam, keine einzige „Person of Colour“ im Parlament. Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra zeigte sich im Guardian dennoch kritisch: „Seine übereilte Beförderung in die Downing Street 10 ermutigt jetzt unverschämte Rassisten, sich als Vertreter von ethnischer Vielfalt zu gerieren.“ © Geoff Caddick/afp
Rishi Sunak
In der Tat zeigt sich die britische Regierung ausgerechnet Minderheiten gegenüber wenig sensibel. Bestes Beispiel ist das Asylgesetz, das sie auf den Weg bringen will. Der Entwurf sieht vor, dass alle Personen, die irregulär nach Großbritannien kommen, ungeachtet ihrer Herkunft nach Ruanda abgeschoben werden. Der Ruanda-Plan war ein Steckenpferd der früheren Innenministerin Suella Braverman. Die Vertreterin des rechten Parteiflügels, die ebenfalls indische Wurzeln hat, erzählte im Herbst 2022 einmal sogar lächelnd, es sei ihr „Traum“, dass London vor Weihnachten Asylsuchende per Flugzeug nach Ruanda abschiebe.  © Bochasanwasi Akshar Purushottam Swaminarayan Sanstha (BAPS)/afp
Rishi Sunak
Für Misstrauen sorgt aber auch Sunaks persönlicher Hintergrund als ehemaliger Investmentbanker, dessen Ehefrau die Tochter eines der reichsten Menschen in Indien ist. Die Guardian-Kolumnistin Nesrine Malik twitterte sarkastisch, Sunaks Amtsantritt sende eine starke Botschaft an People of Colour: „Wenn Sie auf eine Privatschule gehen, ein Vermögen anhäufen, der reichste Abgeordnete im Parlament werden und mit Ihrer Frau ein gemeinsames Vermögen haben, das größer ist als das des Königs, können auch Sie Premierminister werden.“ © James Manning/afp
Rishi Sunak steht im Regen.
Nach 14 Jahren Tory-Regierung herrscht in Großbritannien vor allem Chaos. Monatelang drängte die Opposition den Premierminister, einen Termin für die nächste Parlamentswahl festzulegen. Am 22. Mai war es dann so weit: Sunak rief vor dem Regierungssitz 10 Downing Street die Wahl für den 4. Juli aus. Er tat dies im strömenden Regen – und wurde patschnass. Der Auftritt des bedröppelt wirkenden Premiers war symbolträchtig. Die Tories kassierten eine verheerende Niederlage. 14 Jahre Chaos sind damit zu Ende gegangen. © Henry Nicholls/afp

Großbritannien debattiert um Ruanda-Modell – Sunak muss liefern

Die Zeit für Sunak wird jedoch knapp. Wie die Nachrichtenagentur PA am Montag (1. April) meldete, hat die Zahl der Menschen, die in kleinen Booten den Ärmelkanal nach Großbritannien überquert haben, im ersten Quartal dieses Jahres einen Rekord erreicht. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres unternahmen mehr als 5400 Menschen die gefährliche Reise über die Meerenge. Am 15. April soll das Unterhaus erneut über die Einstufung Ruandas als sicheren Drittstaat beraten. Der britische Premier könnte gerade mit Blick auf die Wahl einen Erfolg brauchen. (fd mit dpa)

Kommentare