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Verluste in der Ukraine: Seit dem Afghanistankrieg begrenzen die Streitkräfte Moskaus das Gewicht getöteter Soldaten für den Lufttransport – samt Särgen.
Donezk – Der Ukraine-Krieg kostet Russland zahlreiche Menschenleben. Laut aktuellen Schätzungen des britischen Verteidigungsministeriums hat die russische Armee mehr als 300.000 Soldaten durch Tod oder Verwundung verloren (Stand 15. November). Das Ministerium aus London ordnet als Beobachter das Kriegsgeschehen immer wieder aus westlicher Perspektive ein.
Verluste in der Ukraine: Russische Armee wendet selbe Praxis wie Sowjets im Afghanistankrieg an
Fotos gewaltiger russischer Soldaten-Friedhöfe wie in der ukrainischen Region Luhansk, die durch russische Truppen besetzt ist, dokumentieren das Sterben der Angreifer ebenso wie Videos ukrainischer Soldaten. Davon, wie diese feindliche Schützengräben stürmen und den Gegner unmittelbar vor sich aus nächster Nähe erschießen. Insbesondere die 3. Angriffsbrigade der Ukraine verbreitete entsprechende Videos in den Sozialen Netzwerken, während das Kreml-Regime russische Truppen angesichts der riesigen Verluste oft mit Uralt-Panzern an die Front schickt.
Regelrecht zynisch wird Berichten zufolge auf russischer Seite dagegen eine Praxis angewandt, die schon im sowjetischen Afghanistankrieg (1979 bis 1989) makaber das Töten festhielt – „Cargo 200“ oder „Fracht 200“ genannt.
Der Begriff bezieht sich auf die vielen Zinksärge mit den Leichen gefallener Soldaten, die in den 1980er Jahren aus dem unwägbaren Gelände des Hindukusch per Luftfracht in die jeweilige sowjetische Teilrepublik transportiert wurden. Laut der Dokumentation „Das Rote Imperium“ der ARD kamen die getöteten Soldaten seinerzeit vornehmlich aus der Ukraine, aus Usbekistan oder aus Kasachstan. Damit keine Unruhe in der Weltmetropole Moskau (rund zwölf Millionen Einwohner) entstand?
Verluste Russlands im Ukraine-Krieg: Parallelen zum verlorenen Afghanistankrieg Moskaus
Es ist wohl eine Parallele zum aktuellen russischen Überfall auf den ukrainischen Nachbarn. Laut einer Karte des unabhängigen russischen Exil-Medienprojekts Mediazona kommen die getöteten Soldaten heute nicht selten aus ärmeren Randregionen der Russischen Föderation – zum Beispiel aus der östlichen Oblast Burjatien oder der südlichen Region Tscheljabinsk. Mediazona belegt seine Zahlen etwa anhand von Grabnamen auf Fotos von Friedhöfen oder Traueranzeigen aus Lokalzeitungen.
Im letztlich verlorenen Afghanistankrieg wurden laut RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) rund 26.000 sowjetische Soldaten getötet. Die Schätzungen gehen weit auseinander. Für den Begriff „Fracht 200“ gibt es derweil zwei verbreitete Erklärungsansätze: Erstens, dass das Gewicht der gefallenen Soldaten samt Zinksarg angeblich 200 Kilogramm nicht überschreiten durfte, um möglichst viele Leichen ins Flugzeug zu bekommen. Andere Quellen besagen, dass der Code auf den Befehl Nr. 200 des Verteidigungsministers der UdSSR vom 8. Oktober 1984 zurückgeht. Dieser Befehl habe demnach den Rücktransport der Gefallenen per Luftfracht generell festgelegt.
Ukraine-Krieg: Russische Armee verliert bei Awdijiwka im Donbass tausende Soldaten
Laut Tageszeitung taz transportierten seit Frühjahr 2014 und den Kämpfen im Donbass beide Seiten Gefallene aus der Ostukraine unter dem Codenamen 200. Fotos zeigen demnach sogar umfunktionierte Lieferwagen mit der Aufschrift „200“. Kiew verbot diese Bezeichnung nach dem völkerrechtswidrigen russischen Überfall im Februar 2022 jedoch.
Viele der in der Ukraine getöteten russischen Soldaten werden dagegen offenbar gar nicht in der Heimat bestattet. Sie bleiben auf den Schlachtfeldern zurück. ABC News berichtete beispielsweise im Oktober auf seiner Nachrichten-Website, dass Russland allein beim Großangriff auf Awdijiwka im Osten des Landes innerhalb einer Woche mehr als 6000 Soldaten durch Tod oder Verletzung verloren habe.
Das Wirtschaftsmagazin Forbes berichtete sogar von angeblich 1380 toten Russen innerhalb von 24 Stunden. Laut US-amerikanischen und ukrainischen Medienberichten lagen schier unzählige Leichen tagelang zwischen den Kontaktlinien der beiden Armeen. Viele davon dürften angesichts der anhaltend schweren Kämpfe im Donbass noch heute dort liegen. (pm)
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