Trump feiert Massen-Deportationen – und benutzt nun auch Begriff „Remigration“
VonMax Nebel
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Die Vereinigten Staaten erleben die größte Migrationswende seit Jahrzehnten. Trump benutzt dafür Begriffe, die aus Europas rechter Ecke kommen.
Washington, D.C. – US-Präsident Donald Trump hat am Unabhängigkeitstag öffentlich die „größte Massendeportation in der Geschichte“ gefeiert. In einem Truth Social-Post lobte er das neue Einwanderungsgesetz, sprach von einem „Wendepunkt für die nationale Souveränität“ – und führte dabei einen neuen Begriff in den US-Diskurs ein: „Remigration“.
Unabhängigkeits-Wochenende in den USA: Trump feiert mit Massen-Deportationen
„Ein großes DANKESCHÖN an die heldenhaften ICE-Beamten, die jeden Tag kämpfen, um unsere Souveränität und Freiheit zurückzuerobern“, schrieb Trump am Samstagabend (5. Juli). Der Präsident pries in seinem Post den kürzlich verabschiedeten „ONE BIG BEAUTIFUL BILL ACT“, der alle Mittel bereitstelle, um „die größte Massendeportationsoperation der Geschichte“ umzusetzen. Beamte der Einwanderungsbehörde ICE, so Trump, würden nun „endlich die Werkzeuge und Unterstützung erhalten, die sie benötigen“, um Amerika zurückzuerobern.
„Wir werden nicht zulassen, dass Amerika ein Dritte-Welt-Land voller Kriminalität, scheiternder Schulen, kollabierender Krankenhäuser und totaler sozialer Dysfunktion wird“, schrieb Trump weiter. „Das nennt sich REMIGRATION, und es wird AMERIKA WIEDER GROßm MACHEN!“
Kristi Noem: Die schrägen Outfits von Trumps „Abschiebe-Barbie“
Donald Trump und die „Remigration“ – ein Begriff Europas radikaler Rechter
Trumps Verwendung des Begriffs „Remigration“ sorgte binnen Stunden für internationale Empörung. Denn die Herkunft des Begriffs liegt im ideologischen Arsenal europäischer rechtsextremer Bewegungen wie der Identitären Bewegung. Dort bezeichnet „Remigration“ eine Form der ethnischen Säuberung: die massenhafte Abschiebung oder erzwungene Rückführung nicht-weißer Menschen – teils unabhängig von deren Staatsbürgerschaft oder Aufenthaltsstatus. Auch die deutsche AfD bediente sich bislang dieses Begriffs immer wieder, will diesen in Zukunft aber angeblich meiden.
Der Begriff wird von seinen Befürwortern als Mittel zur Herstellung „ethnokultureller Homogenität“ propagiert. Der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner, laut Wired einer der prominentesten Verfechter, beschreibt eine Strategie in drei Phasen – darunter die Verweigerung von Familiennachzug, ökonomische Druckmittel zur Selbstabschiebung und die Kürzung humanitärer Hilfe.
Sellners „Remigrationsplan“ weise „auffällige Ähnlichkeiten“ mit Trumps derzeitiger Einwanderungspolitik auf, berichtet das US-Medium Truthout unter Berufung auf Regierungsunterlagen: Darin heißt es, dass das US-Außenministerium eine „Abteilung für Remigration“ einrichten wolle, finanziert durch Umschichtungen im Flüchtlingsbudget.
US-Präsident Donald Trump (l.) am 1. Juli 2025 bei einem Medientermin in Ochopee, Florida – flankiert von Gouverneur Ron DeSantis, ICE-Interimsdirektor Todd Lyons, Heimatschutzministerin Kristi Noem und Floridas Katastrophenschutzdirektor Kevin Guthrie. Der Besuch diente der Inspektion einer neuen Abschiebe-Infrastruktur am Dade-Collier Airport.
Das neue Gesetz sieht unter anderem 350 Milliarden US-Dollar für Einwanderungs- und Grenzschutzmaßnahmen vor. Dazu gehören der Bau der restlichen Grenzmauer zu Mexiko, 100.000 neue Haftplätze für Migranten, die Anstellung von 10.000 neuen ICE-Beamten und Boni von bis zu 10.000 US-Dollar für Neueinstellungen, so NBC. Ziel sei es, bis zu eine Million Menschen pro Jahr abzuschieben.
Zur Finanzierung dieser Operationen werden neue Gebühren für Migranten eingeführt – etwa für Asylanträge oder Berufungsverfahren. So kostet es künftig 900 Dollar, berichtet NPR, eine Entscheidung eines Einwanderungsrichters anzufechten – bislang waren es 110 Dollar.
„Remigration“ – Rechtsextremer Begriff und politische Praxis unter Trump
Rückführung von Menschen mit „fremden Wurzeln“, unabhängig von Staatsbürgerschaft oder rechtlichem Status – geprägt durch Akteure wie Martin Sellner und die Identitäre Bewegung
Verwendung des Begriffs „Remigration“ in offiziellen Reden und Social-Media-Posts für Massendeportationen von Migranten, auch mit legalem Status
Ziel:
Herstellung ethnischer Homogenität im Sinne eines „ethnopluralistischen Weltbilds“ – Position etwa der AfD, FPÖ, Identitären Bewegung
„Rückgewinnung der nationalen Souveränität“ – laut Trump: Schutz vor einem „Dritte-Welt-Zustand“; Ziel: Abschiebung von bis zu 1 Mio. Menschen pro Jahr
Begriffsnutzung:
Ursprung in der europäischen Neuen Rechten, popularisiert durch Sellner & Co.; inzwischen von Parteien wie AfD und FPÖ aufgegriffen
Seit Juli 2025 offiziell durch Donald Trump auf Truth Social übernommen – inkl. Einrichtung eines „Office of Remigration“ im Außenministerium
Instrumente:
Druck zur „freiwilligen“ Rückkehr, Familiennachzugsstopps, Kürzung von Sozialleistungen, Einreiseverbote
ICE-Ausbau, 100.000 neue Haftplätze, 10.000 zusätzliche Beamte, Travel Bans für 19 Länder, neue Gebühren für Asylanträge und Berufungen
Organisation:
Forderung nach einem eigenen „Remigrationsministerium“ durch AfD, FPÖ, Identitäre
Einrichtung eines „Office of Remigration“ zur Koordination von Rückführungen im US-Außenministerium
Zielgruppen:
Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem nicht-weiße, muslimische oder geflüchtete Personen – auch mit Staatsbürgerschaft
Menschen ohne Aufenthaltsstatus, aber auch legale Migrant:innen aus betroffenen Ländern (z. B. Venezuela, Haiti, Iran)
Kritik:
Menschenrechtsgruppen und Forscher sprechen von „ethnischer Säuberung in weicher Form“ – Begriff mit NS-belasteter Historie, besonders im deutschsprachigen Raum
Nationale und internationale Kritik: Missachtung von Menschenrechten, Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit, Angst und Entrechtung in migrantischen Communities
Rechtslage:
In Europa meist verfassungswidrig bzw. außerhalb legaler Rahmen; verstößt gegen EU-Grundrechtecharta und nationale Gesetze
In den USA teils durch Supreme Court gedeckt (z. B. Travel Bans), aber juristisch und gesellschaftlich stark umstritten; über 120 Klagen anhängig
Trumps „Office of Remigration“ als neuer Apparat zur Zwangsrückführung
Besonders umstritten ist die angekündigte Gründung eines „Office of Remigration“, also einem Amt für „Remigration“, innerhalb des US-Außenministeriums. Wie aus einem Entwurf hervorgeht, schreibt Truthout, soll die neue Abteilung Teil einer umfassenden Reorganisation sein, bei der bestehende Flüchtlingshilfe gestrichen oder umgewidmet wird. So soll etwa das bislang zuständige Büro für afghanische Ortskräfte aufgelöst werden.
Ziel der Behörde ist es, Regierungsdokumenten zufolge, „illegale Ausländer“ systematisch zu „identifizieren und zurückzuführen“. Kritiker wie der britische Journalist Mehdi Hasan sprechen von einem Versuch, ethnische Säuberung unter dem Deckmantel technokratischer Sprache zu verschleiern.
Unterstützt wird Trump dabei von Kabinettsmitgliedern wie Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio. Heimatschutzministerin Kristi Noem soll laut Washington Post bereits Anweisungen gegeben haben, pro Tag 3.000 Personen festzunehmen – das Dreifache der bisherigen Rate.
Massendeportationen, Asylverbote: Juristischer Widerstand und Proteste gegen Trump im ganzen Land
Zahlreiche Juristen warnen inzwischen vor einem „totalitären Umbau der Justiz“. So sagte Greg Chen von der American Immigration Lawyers Association gegenüber der Washington Post: „Das Trump-Regime drängt Einwanderungsrichter dazu, als Rädchen einer Deportationsmaschine zu agieren – nicht als unparteiische Richter.“
Auch der verfassungsrechtliche Rahmen ist umstritten. Erst im Mai hatte der Oberste Gerichtshof mit knapper Mehrheit den Weg für Massendeportationen freigemacht. Dennoch wurden Teile von Trumps Politik inzwischen durch Gerichtsurteile blockiert – etwa ein vollständiges Asylverbot für Menschen, die über Mexiko in die USA einreisen.
Zugleich formiert sich zivilgesellschaftlicher Widerstand. In Los Angeles, New York und Chicago kam es zu Massendemonstrationen gegen Trumps Politik. Auch indigene Gruppen, Kirchenvertreter und Lehrkräfte beteiligten sich.
Donald Trumps „Project 2025“ als Blaupause für radikale Maßnahmen
Viele der neuen Maßnahmen folgen einem klaren Drehbuch: dem „Project 2025“. Dieses Strategiepapier der erzkonservativen Heritage Foundation sieht unter anderem Massendeportationen, Bürokratieabbau, die Schwächung der Justiz und die Abschaffung von Diversitätsprogrammen vor.
Bereits jetzt wurden laut Berichten, notiert der Deutschlandfunk, mehr als 40.000 Mitarbeiter aus Bundesbehörden entlassen oder zum Rücktritt gedrängt. Zugleich wurden Institutionen wie die Flüchtlingshilfe (USAID) fast vollständig zerschlagen.
„Remigration“ als Normalisierung einer autoritären Agenda in den USA?
Trumps demonstrative Verwendung des Begriffs „Remigration“ markiert nicht nur einen sprachlichen Tabubruch. Sie signalisiert die ideologische Anschlussfähigkeit seiner Politik an europäische Ethnonationalisten und rechtsextreme Netzwerke.
Ob dieser Kurs vor US-Gerichten Bestand haben wird, ist offen. Dass Trump jedoch mit Hilfe massiver Ressourcen und administrativer Repression die Normalisierung dieser Politik vorantreibt, ist bereits Realität – und lässt für kommende Monate weitreichende gesellschaftliche Spannungen erwarten. Der Begriff „Remigration“ – einst ein Slogan der Identitären – wird in Washington ein Regierungsbüro bekommen. Das allein dürfte viele Kritiker alarmieren.