„Boots on the ground“: Trump hat sich ins Iran-Dilemma manövriert – Folgen für die Weltpolitik drohen
VonAlexander Görlach
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Donald Trump plant eine „Vier-Wochen-Operation“ im Iran. Experte Alexander Görlach zweifelt – und sieht in seiner Analyse den US-Präsidenten im Dilemma.
Es war ein Versprechen, das Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf oft wiederholt und wie ein Mantra vor sich hergetragen hat: „Keine neuen Kriege mehr.“ Das Motto „America First“, gepaart mit dem Wunsch vieler Amerikaner nach einem Ende teurer und blutiger Auslandseinsätze, genannt „forever wars”, animierte nicht nur Veteranen der US-Armee, den New Yorker Immobilienentwickler ein zweites Mal ins Weiße Haus zu wählen. Doch seit dem Wochenende erleben wir nichts weniger als einen Krieg – gegen die Islamische Republik Iran, koordiniert zwischen Washington und Jerusalem.
Eine „Operation“, wie es der offizielle Sprachgebrauch ist, weil Trump ohne den US-Kongress keinen Krieg beginnen darf. Sie heißt „Operation Epic Fury“ und gibt schon in ihrem Namen preis, dass es sich nicht um eine punktuelle Angelegenheit handeln wird, wie beim letzten Angriff auf den Iran im vergangenen Jahr. Ob Präsident Trumps pauschale Prognose „dauert vier Wochen oder weniger“ zutreffen wird, ist alles andere als ausgemacht.
Trumps und Netanjahus Iran-Schlag betrifft nicht nur die Region – Russland und China spielen mit
Trump mag jetzt öffentlich davon sprechen, dass der Krieg binnen Wochen vorbei sei; doch die Realität ist ungleich komplexer. Ein Regime-Change in Teheran lässt sich nicht erreichen, ohne dass irgendwann amerikanische „boots on the ground“ – also Bodentruppen – ins Spiel kommen. Die Lehren aus den Kriegen im Irak und in Afghanistan sollten Washington noch vor Augen stehen.
Iran verfügt nicht nur über eine eigene Armee und Luftabwehr, sondern auch über gut trainierte Proxy-Milizen im Jemen (die Huthi-Bewegung) und im Libanon (Hisbollah). Diese Verbündeten können, wenn sie es als notwendig erachten, den Krieg auf andere regionale Schauplätze tragen. Die Houthis haben in der Vergangenheit Schiffe im Golf von Oman angegriffen, und die Hisbollah verfügt über ein Netz von Stellungen im Nordlibanon, bereit, im Krisenfall zu agieren. Zwar stimmt es, dass diese Gruppen geschwächt sind, allerdings sind sie nicht völlig ausgeschaltet.
Verbündete, Feinde und Alternativen zum Mullah-Regime im Iran
Doch dieser Konflikt betrifft nicht nur die Region. Er ist eingebettet in eine global-strategische Konkurrenz zwischen den USA und ihren Rivalen Russland und China. Teheran hat über Jahre enge Beziehungen zu Peking und Moskau aufgebaut – wirtschaftlich, diplomatisch und militärisch. China ist eines der wichtigsten Handelspartner des Iran, und Russland hat im Syrien-Konflikt zusammen mit iranischen Kräften operiert.
Beide Staaten werden den Krieg in Nahost genauestens beobachten – und jede weitere Eskalation könnte sie in die Pflicht nehmen: politisch, wirtschaftlich oder sogar indirekt militärisch. Denn ein geschwächter Iran könnte den Einfluss Russlands in der Region mindern und Chinas Energiezugänge gefährden. Und gerade diese geopolitischen Interessen sind es, die diesen Krieg mit hoher Wahrscheinlichkeit über vier Wochen hinaus verlängern werden. Für den Moment haben Peking und Moskau den Angriff scharf verurteilt.
Auch innenpolitisch in den USA zeigt der Krieg bereits erste Erschütterungen. Vor den anstehenden Midterm-Wahlen im Herbst wird klar, dass viele Wählerinnen und Wähler zwar Sicherheit für ihr Land wollen, aber wenig Sympathie für eine israelische Politik haben, die Trump maximal unterstützt. Eine aktuelle Reuters/Ipsos-Umfrage zeigt, dass nur rund ein Viertel der Amerikaner die Militäroperationen gegen den Iran unterstützt; fast die Hälfte lehnt sie ab, und viele sind besorgt über steigende Energiekosten und wirtschaftliche Risiken. Wenn die Demokraten in den Midterms das Repräsentantenhaus zurückholen, werden sie eine andere Nahost-Politik machen, als zuletzt noch die Biden-Administration.
US-„Operation“ im Iran: Langwierige Zerreißprobe droht – mit Folgen für die Weltpolitik?
Trump steht vor einem doppelten Dilemma: Die traditionelle Basis seines MAGA-Lagers hat sich gegen weitere Auslandseinsätze ausgesprochen, gleichzeitig verlangt das politische Establishment Stärke gegenüber Teheran. Und zwar nicht nur symbolisch, sondern auch in greifbaren militärischen Zielen. Während Trump einerseits verspricht, der Krieg könne kurz sein, macht er andererseits klar, dass die Ziele ambitioniert sind – Zerstörung der nuklearen Kapazitäten, Schwächung der Raketenprogramme, vielleicht sogar Niederringung des Regimes selbst.
Doch jedes dieser Ziele birgt eine Falle: Eine militärische Offensive kann zwar nukleare Anlagen beschädigen, aber nicht die politischen Strukturen der Mullah-Elite ohne eine massive, lange und blutige Bodenoffensive beseitigen. Und eine solche Offensive würde noch mehr amerikanische Soldatenleben und Ressourcen kosten – und könnte zugleich einen Flächenbrand in der Region auslösen, der weit über den Iran hinausgeht. Zu hoffen, dass die Zivilbevölkerung mit Luftunterstützung allein das Ayatollah-Regime hinwegfegen kann, ist unrealistisch. Seit 2009 gab es fünf massive Protestwellen, die alle nicht das erwünschte Ziel, den Regime-Change, brachten.
Die Ziele, die die USA für ihren Krieg mit Israel gegen den Iran benannt haben, sind diffus bis unrealistisch. Die Mittel zur Erreichung dieser Ziele sind im Moment zumindest unzureichend. Die Gefahr, dass sich der Konflikt in einen regionalen und vielleicht sogar in einen globalen ausweitet, sind gegeben. Was also als „vier-Wochen-Operation“ begann, hat das Potenzial, zu langwierigen Zerreißprobe zwischen den wichtigen globalen Playern zu werden. Die eigentliche Frage hinter der Frage nach der Dauer des Krieges ist die, wie tief und schwerwiegend seine Folgen für die Weltpolitik sein werden. (Dr. Alexander Görlach unterrichtet Demokratie-Theorie an der New York University)