Frankreich

Macron trotzt der Achse Trump-Putin

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Der französische Präsident sieht seine Sternstunde gekommen, nachdem die USA Europa nicht mehr beschützen wollen. Kann Paris die Lücke in der Verteidigung schließen? Eine Analyse.

Paris – Emmanuel Macron darf sich bestätigt fühlen. Hat er es seinen deutschen Freundinnen und Freunden nicht gesagt? Die Nato sei „hirntot“, die Amerikaner verlören – und das nicht erst unter Donald Trump – ihr Interesse an Europa und der alte Kontinent müsse deshalb selbst für seine Sicherheit aufkommen. Charles de Gaulle, so Macron, habe aus diesem Grund in den fünfziger und sechziger Jahren eine eigene „Force de Frappe“ aufgebaut.

Macron in seinem Element

Der französische Staatschef ist nach einer innenpolitischen Talfahrt jetzt wieder in seinem Element. Seine Minderheitsregierung in Paris mag weitgehend blockiert sein; auf der internationalen Bühne ist er zurück. Als erster Europäer stattete Macron dem neu amtierenden US-Präsidenten einen Besuch ab. Herzlich, kumpelhaft im Ton, aber hart und korrigierend in der Sache, nötigte er Trump Respekt ab.

Frankreichs Präsident Macron (vorne) möchte sich militärisch vor die EU stellen.

Nachdem er beim jüngsten EU-Gipfel für einen höheren Rüstungsetat mobilisiert hatte, obwohl die französische Staatskasse leer ist, treibt er sein Projekt einer europäischen Verteidigung ohne diplomatische Scheuklappen voran: Frei von Brexit-Ressentiments lädt er für kommende Woche nicht nur die wichtigsten EU-Verteidigungsminister aus Deutschland, Polen und Italien nach Paris ein, sondern auch den britischen Vertreter.

Frankreichs Atomwaffen gewährleisten Abschreckung

Macrons Diskurs hat Linie. „Die russische Bedrohung ist da“, sagte er kürzlich in einer dramatischen TV-Ansprache. Nachdem er vor Monaten schon die Entsendung von Bodentruppen in die Ukraine in Betracht gezogen hatte, lieferte er der ukrainischen Armee „Mirage“-Kampfjets, die jetzt Woche erstmals eingesetzt wurden.

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Macron reizt mit europäischem Nuklearwaffen-„Schirm“

Dem wahrscheinlich nächsten Kanzler Friedrich Merz bietet er den französischen Atomschutz an. Die 920 französischen Nuklearsprengköpfe der „Force de Frappe“ sind zwar nur ein Bruchteil der über 6000 russischen Atomraketen, aber sie gewährleisten de Gaulles Anspruch einer minimalen Abschreckung.

Minimal heißt auch: rein defensiv. Diese Haltung gibt Frankreich das beste Argument gegen das aggressive und heuchlerische Regime im Kreml. Putin bestätigte dies, indem er Macron absurderweise mit dem Russland-Invasor Napoleon verglich. Dass Frankreich heute als mittlere Macht keine Invasionsgelüste hegt, ja nicht in der Lage dazu wäre, braucht Macron nicht einmal zu erwähnen. Er antwortete lediglich - und mit Recht -, der einzige „revisionistische Imperialist“ Europas sei Putin.

Frankreichs Ressourcen reichen nicht für eine Führungsrolle

Der umtriebige Franzose hat die Argumente für sich. Mit der Rückkehr der milliardenschweren „Force de Frappe“ in die europäische Debatte entkräftet er auch den früheren Vorwurf, Frankreich leiste der Ukraine weniger Militärhilfe als zum Beispiel Deutschland.

Das Problem ist: Auch unter Macron könnte Paris einen Ausfall des militärischen US-Beitrags in Europa kaum ersetzen. Frankreichs Ressourcen reichen nicht wie jene der USA für eine Führungsrolle. Frankreichs Stärke bleibt allerdings auch in Zeiten des europäischen Staatenverbunds seine mentale und militärische Unabhängigkeit gegenüber Washington als auch Moskau.

Unter Le Pen wäre Frankreich so unzuverlässig wie die USA

Das bestätigt letztlich die Rechtspopulistin Marine Le Pen, wenn auch aus anderen Motiven: Auf den roten Knopf der französischen Atomwaffen könne allein der Staatschef oder die -chefin im Elysée-Palast drücken.

Marine Le Pen hat Frankreich-Wahl 2027 im Blick – trotz Ausschluss

Frankreich: Rassemblement National von Marine Le Pen.
In Frankreich ist der Rassemblement National unter Marine Le Pen (im Bild) in den vergangenen Jahren zu einer führenden Kraft aufgestiegen. So feierte der RN bei der Europawahl 2024 einen klaren Erfolg.  © François Lo Presti/afp
Europawahl - Frankreich
Das starke Ergebnis der rechtsnationalen Partei veranlasste den amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron anschließend dazu, das Parlament aufzulösen.  © Ludovic Marin/dpa
Jean-Marie Le Pen
Die Geschichte des Rassemblement National begann Anfang der Siebziger. Am 5. Oktober 1972 gründeten Jean-Marie Le Pen (hier eine Aufnahme von 2022) und Pierre Bousquet die rechtsextreme Splittergruppe Front National.  © Joel Saget/afp
1. Mai in Paris
Der 1928 geborene Le Pen (hier ein Bild von 2017) tat sich früh als Demagoge hervor, der mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt wurde und den Holocaust als ein „Detail der Geschichte“ abtat. Bousquet (1919 bis 1991) war ein ehemaliger Kollaborateur, der als Rottenführer in der Waffen-SS gedient hatte. Fremdenfeindliche Parolen waren über viele Jahre Markenzeichen der Partei. © Thibault Camus/dpa
Jean-Marie Le Pen
In den 1980er Jahren wurde der FN bei zwei Parlamentswahlen hintereinander mit mindestens einem Abgeordneten in die Nationalversammlung gewählt. Der Durchbruch gelang im Jahr 2002, als Jean-Marie Le Pen als Zweitplatzierter aus der ersten Runde der Präsidentschaftswahl hervorging.  © Joel Saget/afp
Le Pen
Es kam zur Stichwahl, die der amtierende Präsident Jacques Chirac deutlich gewann. Fünf Jahre später verlor Le Pen viele Stimmen und schied im ersten Wahlgang aus.  © Joel Saget/AFP
Marine Le Pen
Einen großen Einschnitt gab es im Januar 2011. Der FN ging nach einem Führungswechsel andere Wege. Die neue Parteivorsitzende trug allerdings einen bekannten Namen: Marine Le Pen. Die studierte Juristin kam 1968 nahe Paris als jüngste Tochter Jean-Marie Le Pens zur Welt.  © Bernard Patrick/Imago
Marine Le Pen/dpa
Mit acht Jahren wurde sie von einer Bombenexplosion aus dem Schlaf gerissen – es handelte sich um einen Anschlag auf ihren Vater. Die Mutter dreier Kinder arbeitete als Anwältin und führte zunächst die Rechtsabteilung der Front National. Ihre zwei Ehen gingen auseinander. © Pascal Pavani
Jean-Marie Le Pen
Marine Le Pen bemüht sich seither, der einst radikal rechten Partei einen moderateren Anstrich zu verpassen. Das ging mit einer Entmachtung ihres Vaters einher.  © Kenzo Tribouillard/afp
Le Pen
Im April und Mai 2015 eskalierten die schon länger bestehenden Spannungen zwischen der Parteivorsitzenden und ihrem Vater. Am 20. August 2015 wurde Jean-Marie Le Pen wegen „schwerer Verfehlungen“ aus der Partei ausgeschlossen.  © Kenzo Tribouillard/AFP
Le Pen Bannon
Anderseits suchte Le Pen im Jahr 2018 die Nähe des früheren Trump-Beraters Steve Bannon. Damals firmierte die rechtsextreme Partei noch unter dem Namen Front National. Später verpasste Le Pen ihr aber einen neuen Namen: Seither ist die Partei als Rasseblement National bekannt. © Philippe Huguen/AFP
Marine Le Pen
Seither ist es Marine Le Pen gelungen, aus der Schmuddelecke zu kommen und sich als staatstragende Politikerin zu inszenieren. Ihre Strategie ist als „Dédiabolisation“ (Entteufelung) bekannt.  © Francois Nascimbeni/AFP
Marine Le Pen
Le Pen verbannte das alte rassistische Vokabular und gibt mittlerweile eher bedachte Worte von sich. Le Pens Kurs hat , in den vergangenen Jahren bis in die bürgerliche Mitte hinein wählbar gemacht.  © Thomas Samson/afp
Marine Le Pen
Die dreimalige Präsidentschaftskandidatin drängte zwar offenen Rassismus zurück, vertritt aber weiter radikale Positionen gegen Einwanderung. Ihre Vorstellungen für Frankreich bleiben auch heute noch deutlich rechts und nationalistisch.  © Ali Al-Daher/AFP
Olga Givernet
Zudem zeigen Studienergebnisse, dass im RN der Antisemitismus noch immer weit verbreitet ist. Die Renaissance-Parlamentarierin Olga Givernet (im Bild) reagierte entsprechend: „Der RN hat ein sauberes Schaufenster, aber die Küche dahinter ist immer noch schmutzig wie eh.“ © Niviere David/Imago
Marine Le Pen mit André Ventura und Tino Chrupalla
In ihrem Bemühen um Salonfähigkeit hat sich Marine Le Pen auch von der deutschen AfD abgegrenzt. Die gilt selbst für RN-Leute als zu extremistisch. Im November 2023 war das noch anders: Beim Treffen rechter Gruppen in Lissabon stand sie noch in einer Reihe neben dem portugiesischen Chega-Politiker André Ventura (Mitte) und AfD-Co-Chef Tino Chrupalla. © Paulo Spranger/Imago
Le Pen zu Besuch bei Putin
Zum Ukraine-Krieg vertreten RN und AfD hingegen nach wie vor sehr ähnliche Positionen. So lehnt Marine Le Pen jegliche Wirtschaftssanktionen gegen das Russland von Präsident Wladmir Putin ab. © Mikhail Klimentyev/dpa
Gabriel Attal
Waffenlieferungen für die Ukraine bedeuten für Le Pen das „Risiko eines dritten Weltkriegs“. Premierminister Gabriel Attal (im Bild) konterte in einer Ukraine-Debatte im Februar 2024: „Wenn Sie 2022 gewählt worden wären, würden wir heute Waffen nach Russland liefern, um die Ukrainer zu zermalmen.“  © Ludovic Marin/afp
Marine Le Pen und Wladimir Putin
Tatsächlich stand in Le Pens Präsidentschaftsprogramm von 2022 der folgende Satz: „Ohne Furcht vor amerikanischen Sanktionen wird eine Allianz mit Russland in gewissen Themen angestrebt.“ Trotzdem wollte sich der RN im Wahlkampf ein wenig von Putin absetzen. Die Partei ließ damals 1,2 Millionen Wahlkampfplakate vernichten, die ein Bild von Marine Le Pen beim Händeschütteln mit Putin zeigten. © Emmanuel Dunand/afp
Marine Le Pen
Zu Russland hat sie dennoch ein wesentlich besseres Verhältnis als zu Deutschland. Die deutsch-französische Partnerschaft will sie rasch beenden. Zwischen Berlin und Paris bestehe eine „tiefe und unheilbare Differenz der Doktrinen“, heißt es in Le Pens Programm. Das Nato-Kommando würde sie nach einem Wahlsieg 2027 verlassen. An dessen Stelle wünscht sich Le Pen für Europa ein russisch-französisches Kommando. © Lou Benoist/afp
Emmanuel Macron
Ohnehin richtet sich der Blick in Frankreich schon längst auf die Präsidentschaftswahl 2027. Nach zwei Amtszeiten kann Emmanuel Macron, der Le Pen zweimal in der Stichwahl besiegte, nicht mehr antreten.  © Sebastien Dupuy/AFP
Marine Le Pen
Wer eine Chance gegen Le Pen hätte, ist unklar. Doch im März 2025 kam dann die vorläufige Wende: Wegen der Veruntreuung von EU-Geld schloss ein Gericht Le Pen verurteilt. Der umstrittenste Teil der Strafe ist, dass sie fünf Jahre lang nicht bei Wahlen antreten darf.  © Guillaume Souvant/afp
Protestkundgebung des Rassemblement National
Diese Strafe war sofort in Kraft getreten – anders als eine teils auf Bewährung ausgesetzte Haftstrafe und obwohl Le Pen gegen das Urteil Berufung einlegte. Das Berufungsgericht hat eine Entscheidung im Sommer 2026 ins Auge gefasst.  © Julien De Rosa/dpa
Marine Le Pen
Le Pen wandte sich dann an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Doch das Straßburger Gericht wies ihren Antrag, den gegen sie verhängten vorläufigen Ausschluss von Wahlen auszusetzen, einstimmig ab, da Le Pen keinerlei nicht wiedergutzumachende Beeinträchtigung drohe, die durch die Menschenrechtskonvention geschützt sei. © Lionel Bonaventure/AFP
Le Pen sieht Bardella als möglichen Präsidentschaftskandidat
Inzwischen hat Le Pen ihren politischen Ziehsohn Jordan Bardella aufgefordert, sich auf eine Kandidatur vorzubereiten – für den Fall, dass sie selbst nicht antreten kann. Noch ist aber offen, wen der RN bei der Präsidentschaftswahl 2027 ins Rennen schicken wird. Die Frage, wer in den ehrwürdigen Élysée-Palast einziehen wird, bleibt damit völlig offen.  © Michel Euler/dpa

Genau dorthin will sie bei den Wahlen 2017 gelangen. Falls sie es schafft, ist der Traum von einer gesamteuropäischen Verteidigung mit Nuklearkomponente schnell ausgeträumt: Mit Le Pen am Ruder wäre Frankreich so unbeständig und unzuverlässig wie die USA unter Trump.

Eine Präsidentin Le Pen wäre ein großes Problem für Europa

Nationalismus, Protektionismus, Autoritarismus: Ideologisch steht die rechte Französin Putin ähnlich nahe wie Trump. Dagegen hilft keine Erhöhung der europäischen Wehretats, keine Nato und keine „Force de Frappe“. Das zugrundeliegende Problem ist ein innenpolitisches. Und dort ist, auch wenn er keineswegs der einzige ist, Macron gescheitert: Unter seiner nunmehr achtjährigen Amtszeit ist Le Pen erst zu einer realen Bedrohung für die französische Demokratie geworden.

Wenn Le Pen die Präsidentschaftswahlen 2027 gewinnt, dann hilft es auch nichts mehr, die amerikanischen gegen die französischen Nuklearwaffen zu tauschen. Dann regnet es von allen Seiten ins europäische Haus. (Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © Louise Delmotte/AP/dpa

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