Palmer gegen AfD-Landeschef: Streitgespräch spaltet Tübingen schon jetzt
VonDaniel Dillmann
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Tübingens OB Palmer trifft am Freitag auf AfD-Landeschef Frohnmaier. Das umstrittene Streitgespräch soll von einer Großdemo begleitet werden.
Tübingen – Es ist ein politisches TV-Ereignis der besonderen Art zum Abschluss der politischen Sommerpause: Im beschaulichen Universitätsstädtchen Tübingen trifft am Freitag, den 5. September 2025, um 19.00 Uhr Oberbürgermeister Boris Palmer in einem öffentlichen Streitgespräch auf den baden-württembergischen AfD-Landesvorsitzenden Markus Frohnmaier (AfD). Die Debatte zwischen dem AfD-Mann und dem mittlerweile parteilosen Ex-Grünen sorgt bereits im Vorfeld zu erheblichen Kontroversen in Baden-Württemberg und darüber hinaus.
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Die Idee für das Streitgespräch zwischen Palmer und Frohnmaier (live im TV und Livestream) entstand aus einem ungewöhnlichen Deal heraus: Palmer hatte sich bereiterklärt, öffentlich mit AfD-Abgeordneten zu diskutieren, nachdem die Partei im Gegenzug eine geplante Demonstration in der Tübinger Innenstadt abgesagt hatte, wie AFP berichtet. Einzelhändler hatten sich zuvor wegen befürchteter Umsatzverluste an Palmer gewandt.
Palmer verfolgt im Streitgespräch mit Frohnmaier eine klare Strategie
Der Oberbürgermeister verfolgt laut eigener Aussage mit der TV-Debatte eine klare Strategie. Er wolle die argumentativen Schwächen der AfD aufzeigen. Die Partei sei „bei vielen Themen komplett inkompetent“, zitiert ihn die Welt. Würde die Partei umsetzen, was in ihrem Parteiprogramm zu finden ist, würde sie damit ihrer eigenen Wählerschaft schaden.
Diesen Vorwurf vor dem Streitgespräch konterte Frohnmaier umgehend. Der 34-jährige Politiker, der seit 2017 Bundestagsabgeordneter und seit 2022 Landeschef der AfD Baden-Württemberg ist, sagte gegenüber der Welt: „Boris Palmer hat den größten Teil seines politischen Lebens bei den Grünen verbracht – jener Partei, die neben der CDU die Hauptverantwortung für den heutigen Zustand unseres Landes trägt. Wer selbst jahrzehntelang Teil dieses Politikversagens war, sollte bei Urteilen über Kompetenz etwas mehr Demut zeigen.“
Für ihr zweistündiges Streitgespräch haben sich Palmer und Frohnmaier einen ganzen Strauß an Themen zusammengestellt. Die wiederum wurden in sechs Themenblöcke unterteilt, über die dann vor etwa 700 Zuschauerinnen und Zuschauern debattiert werden. Die Themengebiete sind:
Ds sind die Themen im Streitgespräch zwischen Palmer und Frohnmaier
Meinungsfreiheit
Klimaschutz
Innere Sicherheit und Migration
Wohnungsbau und Soziales
Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg
Demokratie und Rechtsstaat
Moderiert wird das Streitgespräch zwischen Palmer und Frohnmaier von Joachim Knape, Professor für Rhetorik an der Universität Tübingen. Als Austragungsort für ihre Debatte haben sich die beiden Kontrahenten für die Hermann-Hepper-Halle in Tübingen entschieden.
Massive Proteste gegen Palmers AfD-Streitgespräch erwartet
Der Event selbst stößt in Tübingen auf erheblichen Widerstand. Kritiker werfen Palmer vor, der AfD unnötig eine Bühne zu bereiten. Für den Veranstaltungsabend haben „Fridays for Future“, das Bündnis „Gemeinsam und solidarisch gegen Rechts Reutlingen-Tübingen“ und „Omas gegen Rechts“ zu Gegendemonstrationen aufgerufen, wie die Nachrichtenagenturen AFP und DPA berichten. Rund 1500 Menschen haben ihre Teilnahme an der Demonstration bereits angemeldet, die Stadtverwaltung rechnet jedoch mit deutlich mehr Teilnehmern.
Wie aus Informationen der Bild hervorgeht, gelten am Veranstaltungsort strenge Sicherheitsvorkehrungen. Die Polizei und zusätzliche Ordner werden das Gebäude sichern. „So einen Einsatz hatten wir hier noch nicht – dass eine Podiumsdiskussion zwischen Politikern stattfindet, mit so einer Gegendemonstration. Aber wir sind gewappnet und mit genügend Kräften vor Ort“, sagte ein Polizeisprecher.
Streitgespräch in Tübingen zwischen Palmer und Frohnmaier
Palmer selbst zeigt sich unbeeindruckt von der Kritik und unterstützt sogar die Demonstrationen. Er verfolge mit der Debatte das gleiche Ziel wie die Demonstranten. „Unser gemeinsames Ziel ist klar – wir wollen Rechtsextreme und Verfassungsfeinde aus Tübingen fernhalten“, schrieb der Oberbürgermeister in einem offenen Brief. Auch Kontakt zu den Veranstaltern der Demonstration habe er aufgenommen. „Sehr gerne hätte ich das am Freitag mit einer Rede bei der Gegendemonstration unterstrichen. Die Veranstalter möchten darauf verzichten, und das respektiere ich. Aber auf diesem Wege möchte ich Ihnen meine volle Unterstützung zusichern“, so Palmer. Tübingens Oberbürgermeister hält die Nichtbeachtung der AfD für gescheitert und verfolgt die Strategie, die Themen der Partei selbst anzusprechen und ihre inhaltlichen Schwächen so aufzudecken.
Doch um ein Haar hätte das Streitgespräch zwischen Palmer und Frohnmaier so gar nicht stattfinden können. Das Verwaltungsgericht Sigmaringen hatte aber zwei Eilanträge gegen die Veranstaltung abgelehnt und erklärt, dass eine Verletzung der Neutralitätspflicht Palmers nicht ohne Weiteres ersichtlich sei. Das berichtete die AFP. Die Debatte finde nicht in dem sensiblen Zeitraum vor einer Wahl statt, und die Stadt habe erklärt, vergleichbare Veranstaltungen mit anderen Parteien ebenfalls abzuhalten.
Das Streitgespräch zwischen Palmer und Frohnmaier: Alle Infos in der Übersicht
Ereignis
Öffentliches Streitgespräch zwischen Palmer und Frohnmaier
Datum
Freitag, 5. September 2025
Uhrzeit
19.00 bis 21.00 Uhr
Ort
Hermann-Hepper-Halle (Tübingen)
Teilnehmer
Boris Palmer, Markus Frohnmaier
Moderation
Joachim Knape
Die Polizei bereitet sich im Angesicht auf das Streitgespräch zwischen Palmer und Frohnmaier auf einen herausfordernden Abend vor. Man sei mit zahlreichen Einheiten rund um die Halle präsent, um die Veranstaltung zu schützen. Es seien Zugangskontrollen geplant. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen per Personalausweis namentlich erfasst werden können. Das gab der Leiter des Tübinger Polizeireviers, Heiko Kächele, gegenüber der Welt bekannt.
Streitgespräch zwischen Palmer und Frohnmaier im Livestream
Das Streitgespräch wird per Livestream übertragen, den Link stellt die Stadt am Veranstaltungstag auf ihrer Website zur Verfügung. Die 700 Plätze sind bereits restlos ausverkauft, was als deutliches Zeichen gewertet werden kann für das enorme öffentliche Interesse an diesem ungewöhnlichen politischen Duell, das Tübingen am Freitag – und wohl auch darüber hinaus – in Atem halten wird.