VonErkan Pehlivanschließen
Die Übergriffe auf Syrer in türkischen Städten haben Folgen. In Kayseri trauen sich die Schutzsuchenden nicht mehr auf die Arbeit - mit fatalen Folgen.
Kayseri – Am 1. Juli ist ein Syrer in der Stadt Kayseri verhaftet worden, weil er ein syrisches Mädchen sexuell belästigt haben soll. Daraufhin kam es in der zentralanatolischen Stadt zu zahlreichen Übergriffen auf Geschäfte und Wohnungen der Schutzsuchenden. Ihre Fahrzeuge wurden in Brand gesetzt. Am folgenden Tag uferte die pogromartige Stimmung gegen syrische Menschen weiter aus – solche Bilder gab es auch aus anderen Städten. Dabei kam es sogar zu mehreren Todesfällen. In den sozialen Medien wurden Videos der rassistischen Übergriffe geteilt. In Syrien hatte Syrer hingegen türkische Soldaten sowie LKW angegriffen.
Die Angst unter den syrischen Menschen in der Türkei ist groß. Nach einem Bericht der Zeitung Evrensel wollen die Schutzsuchenden in Kayseri nicht mehr zur Arbeit – aus Angst vor Übergriffen. Das hat fatale Folgen für die Wirtschaft. „Im Industriegebiet von Kayseri ist die Produktion vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen nach den Übergriffen zum Stillstand gekommen“, schreibt das Blatt. Einige Möbel- und Metallfabriken sollen die Produktion bis zum 8. Juli eingestellt haben.
Stimmungsmache in der Türkei: Syrer nehmen den Einheimischen angeblich die Arbeit weg
Den Syrerinnen und Syrern wird unter anderem vorgeworfen, dass sie den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen. „Es gibt bereits eine Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit in diesem Land. Die Flüchtlinge arbeiten für niedrige Löhne. Das hat zur Folge, dass die einheimischen Arbeiter keine Arbeit finden. Ich will auch keine Flüchtlinge in meinem Land haben, aber mir hat noch nie ein Flüchtling, den ich kenne, etwas zuleide getan“, zitiert das Blatt einen Möbelpacker, der nicht mit den Geflüchteten zusammenarbeiten möchte.
Viele Unternehmen wollen ihre Produktion wieder fortsetzen und suchen daher nach Lösungen. Im Niedriglohnsektor findet man aber nur selten Arbeitskräfte. Viele syrische Menschen seien offenbar nicht einmal versichert. Nach dem Bericht von Evrensel planten die Unternehmen in Kayseri daher, geflüchtete Arbeitskräfte mit Shuttlebussen aus ihren Häusern zu holen und sie in ihre Häuser zurückzubringen, wenn sie weiterhin nicht zur Arbeit kommen.
Politik hetzt gegen Geflüchtete in der Türkei: „Rudel von Hunden“
Das Klima gegen die Schutzsuchenden wird vor allem von Politikern angeheizt. Zu ihnen gehört der Bürgermeister von Bolu, Tanju Özcan (CHP). „Dieses Rudel von Hunden, die Angst haben, für ihr eigenes Land zu kämpfen, greifen unsere Flagge und unsere Soldaten an. Ich habe euch gewarnt“, schreibt Tanju auf X. Tanju fordert die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan auf, ihren Dreck „wegzuräumen“, also abzuschieben.
Auch der Vorsitzende der ultranationalistischen Zafer Partisi, Ümit Özdag, hetzt regelmäßig gegen Geflüchtete. Es seien zu viele. „Die Ereignisse in Kayseri haben gezeigt, dass die türkische Gesellschaft die psychologische Grenze überschritten hat, um die Last von 13 Millionen Asylbewerbern und Illegalen zu tragen“, schreibt Özdag auf X. Woher Özdag die Zahlen haben will, ist unbekannt. Laut des Flüchtlingsverbandes „Mülteciler ve Sığınmacılar Yardımlaşma ve Dayanışma Derneği (Deutsch: Verein zur Unterstützung und Solidarität von Flüchtlingen und Asylbewerbern) liegt die Zahl der syrischen Menschen bei 3.115.536 (Stand: Mai 2024).
Die AKP-Regierung von Präsident Erdogan hatte unmittelbar nach den rassistischen Ausschreitungen in Kayseri davor gewarnt, Straftaten zu ahnden. „Wer eine Straftat begeht, wird nach der Rechtsordnung geahndet. Niemand darf sich als das Gesetz oder legitimes Staatsorgan sehen und als solches handeln“., ließ der ehemalige türkische Präsident Cevdet Yilmaz auf X mitteilen. Landesweit wurden dutzende Gewalttäter festgenommen. Auch der ehemalige CHP-Vorsitzende Kemal Kilicdaroglu hatte bereits im Vorfeld seiner Präsidentschaftskandidatur versprochen, die Geflüchteten „wieder zurück nach Hause“ zu schicken. (erpe)
