Türkei-Wahl 2023

„Er hat sehr früh losgelegt“: Deswegen wählen viele Deutschtürken Erdogan

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In manchen deutschen Städten haben 77 Prozent der Auslandstürken bei der Türkei-Wahl für Präsident Erdogan gestimmt. Experten sehen dabei eine große Rolle der Moscheeverbände Ditib und IGMG.

Essen – Die Auslandstürken haben bei der Türkei-Wahl vor allem für Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine AKP gestimmt. Das schlechteste Ergebnis lag für Erdogan bei 49 Prozent in Berlin. In allen anderen Wahllokalen in Deutschland bekam Erdogan gut 60 Prozent oder mehr. In Essen stimmten 77,4 Prozent der Auslandstürken für den türkischen Präsidenten. In anderen europäischen Ländern sah es ähnlich aus.

AKP-Lobby bereitete sich in Deutschland seit zwei Jahren auf Türkei-Wahl vor

Die seit rund zwei Jahren anhaltenden Wahlkampfveranstaltungen des AKP-Lobbyvereins UID (Union Internationaler Demokraten) haben damit gefruchtet. „Dass Erdogan wieder in Deutschland 65 Prozent der abgegebenen Stimmen gewinnen konnte, ist keine Überraschung. Er hat sehr früh mit seinem Wahlkampf losgelegt und einen sehr intensiven und effektiven Wahlkampf geführt, auch wenn die deutsche Öffentlichkeit das kaum wahrgenommen hat. Daher überrascht mich das sehr gute Ergebnis von Erdogan nicht“, sagte der Vorsitzende des Landesverbands der Liberalen Vielfalt Berlin“, Eren Güvercin, der FR.de von IPPEN.MEDIA. Vor allem die großen Moscheeverbände Ditib und IGMG (Milli Görüs) hätten dabei eine große Rolle gespielt, meinte er.

Erdogan kann sich bei Ditib für hohen Stimmenanteil in Deutschland bedanken

Erdogan kann sich bei Ditib bedanken für den Zugang in die Gemeinden und dass er so frei Wahlkampf in zahlreichen Moscheen der Ditib führen konnte“, sagte Güvercin. Auch der Nationalismus bei Auslandstürken spiele eine große Rolle bei den Wahlen in der Türkei. „Wir müssen nüchtern festhalten, dass der völkische Nationalismus eines Erdogan, den er auch religiös legitimiert, in breiten Teilen der türkischen Wählerschaft in Deutschland Anklang findet.“

Deutschtürken in Duisburg feiern nach der Türkei-Wahl.

„Das ist eine Herausforderung für uns als Gesellschaft, die wir auch als solches wahrnehmen müssen und nicht mehr unter den Teppich kehren dürfen“. Güvercin glaubt, dass Erdogan auch in Zukunft über seine Klientel und die bekannten Strukturen versuchen wird, auf die Gesellschaft in Deutschland einzuwirken.

Ditib und IGMG langer Arm von Ankara

Ähnlich sieht es auch die deutsch-türkische Journalistin Süheyla Kaplan im Gespräch mit unserer Redaktion. „Insbesondere sehen wir, dass Ankaras langer Arm Ditib, IGMG andere Moscheen einen direkten Einfluss auf die Deutschtürken haben. Für die AKP, die sich der gesamten Strukturen des Staates bedient, scheinen die Wähler im Ausland ein Kinderspiel zu sein“. Kaplan glaubt, dass es noch lange dauern wird, bis viele der Erdogan-Anhänger für eine Partei zu stimmen, die sich für den Laizismus, Frauenrechte und Minderheitenrechte einsetzt.

Schützenhilfe für Erdogan und AKP-Lobby von deutschen Politikern

Schützenhilfe für die AKP-Lobby gab es auch von deutschen Politikern. Der Oberbürgermeister von Salzgitter Frank Klingebiel (CDU) hatte zum Fastenbrechen eingeladen. Neben Vertretern der Ditib und IGMG waren auch Vertreter der türkischen Nationalisten, den sogenannten Grauen Wölfe, anwesend, mit denen auch ein Gruppenfoto gemacht wurde. Der Remscheider Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) trifft sich mehrmals im Jahr zu einem „Runden Tisch“ mit den Moscheen, darunter ebenfalls Vertreter der Ditib, IGMG und auch der Grauen Wölfe.

Wahlkampf in der Türkei: Erdoğan vs. Kılıçdaroğlu - Das Duell um die Präsidentschaft

Ein Mann läuft an einem Bild von Recep Tayyip Erdogan und Kemal Kılıçdaroğlu vorbei.
Weiter mit Präsident Recep Tayyip Erdogan oder lieber mit Herausforderer Kemal Kılıçdaroğlu? Die Präsidentschaftswahlen in der Türkei am Sonntag, dem 14. Mai 2023, werden entscheiden, wer zukünftig das Land am Bosporus und seine 85 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner regieren wird. Längst tobt der Wahlkampf im ganzen Land, auch hier in der Millionen-Metropole Istanbul. © Emrah Gurel/dpa
CHP Anhänger feiern in Kocaeli den Kandidatend der Opposition, Kemal Kılıçdaroğlu.
Die Anhängerinnen und Anhänger von Kemal Kılıçdaroğlu hoffen auf einen personellen Wechsel an der Spitze der Türkei nach fast 20 Jahren mit Erdogan. Die Umfragen vor der Türkei-Wahl deuten auf einen Wechsel hin. CHP-Kandidat Kılıçdaroğlu liegt je nach Meinungsforschungsinstitut entweder vor Erdogan oder nur knapp hinter ihm. Entsprechend groß ist der Optimismus der Opposition wie hier in Kocaeli, wo Kılıçdaroğlu seinen Zuhörerinnen und Zuhörern die „Rückkehr des politischen Frühlings“ verspricht. © YASIN AKGUL/AFP
Kemal Kilicaroglu beim Wahlkampf in der Türkei
Wird er wirklich der nächste Präsident der Türkei? Kemal Kılıçdaroğlu ist seit 2010 Vorsitzender der sozialdemokratischen CHP, der größten Oppositionsfraktion im türkischen Parlament. Der studierte Wirtschaftswissenschaflter gilt als Finanzexperte. Er ist seit 1974 verheiratet und entstammt einer alevitischen Familie. Die Umfragewerte sprechen für den Herausforderer Erdogans. © Uncredited/dpa
Wahlkampf mit Erdogan vor der Türkei-Wahl in Istanbul
Doch schlechte Umfragewerte können anscheinend weder Präsident Recep Tayyip Erdoğan noch die Anhängerinnen und Anhänger seiner regierenden AKP entmutigen. Der Machthaber der Türkei tritt weiter selbstbewusst auf und spricht vor seinen Fans wie hier in Istanbul von nichts anderem als einem historischen Sieg über Kılıçdaroğlu und sein Oppositionsbündnis. © IMAGO/AK Party Office\ apaimages
Wahlkampf in der Türkei: Millionen Menschen jubeln in Istanbul Erdogan zu
Laut eigenen Angaben versammelte Recep Tayyip Erdogan allein in Stanbul zuletzt 1,5 Millionen Menschen zu einer Wahlkampfveranstaltung. Die dabei entstandenen, imposanten Bilder sind ein klares Signal an Kemal Kılıçdaroğlu und sein Oppositionsbündnis: Die AKP gibt sich noch längst nicht geschlagen. Erdogan bleibt ein siegessicherer Amtsinhaber. © afp
Putin besucht Erdogan in der Türkei
Als amtierender Präsident ist sich Recep Tayyip Erdoğan nicht zu schade, seinen Amtsbonus im Vorfeld der Wahl voll auszunutzen. Dabei kommt ihm auch ein alter Verbündeter offenbar gerne zu Hilfe: Wladimir Putin, hier bei einem Besuch in Ankara, der Hauptstadt der Türkei im Jahr 2022. Im Wahljahr inszenierte sich Erdoğan bereits mehrfach als Vermittler im Ukraine-Krieg - bislang jedoch ohne nennenswerten Erfolg.  © MURAT KULA/AFP
Ekrem İmamoğlu mit Ehefrau im Wahlkampf der Türkei in Istanbul.
Doch der Wahlkampf in der Türkei bleibt nicht immer friedlich. Diese Erfahrung musste Istanbuls Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, wie Präsidentschaftskandidat Kemal Kılıçdaroğlu Mitglied der CHP, machen. Der Bürgermeister, hier mit seiner Frau Dilek İmamoğlu, wurde auf einer Wahlkampfveranstaltung in der Stadt Erzurum mit Steinen attackiert. İmamoğlu musste den Auftritt abbrechen und fliehen. Die Provinz Erzurum in Ostanatolien gilt als Hochburg Erdogans und seiner nationalkonservativen AKP. © IMAGO/Tunahan Turhan
Lebensmittelgeschäft in der Türkei kurz vor der Präsidentschaftswahl
Neben dem Erdbeben ist vor allem die wirtschaftliche Lage des Landes das bestimmende Thema im Wahlkampf in der Türkei. Die Inflationsrate hat astronomische Höhen erreicht, der Wert der Türkischen Lira befindet sich im freien Fall. Zwar konnte die AKP-Regierung die Teuerungsrate zuletzt wieder senken, sie liegt aber weiterhin jenseits der 50 Prozent. Unter Experten gilt auch die Politik Erdogans als verantwortlich für die wirtschaftlichen Probleme der Türkei. © ADEM ALTAN/AFP
Erdbebenkatastrophe in der Türkei in der Stadt Antakya
Kurz vor der Wahl wurde die Türkei von einer der schlimmsten Naturkatastrophen in der jüngeren Vergangenheit heimgesucht. Ein Erdbeben am 6. Februar kostete mehr als 50. Menschen in der Türkei das Leben. Nach dem Beben geriet auch die AKP-Regierung von Recep Tayyip Erdogan in die Kritik. Der Präsident hatte in den Jahren vor der Katastrophe zahlreiche Bauvorschriften, die Gebäude erbebensicher gemacht hätten, aufgeweicht und Gelder, die für den Katastrophenschutz gedacht waren, anderweitig eingesetzt. © Boris Roessler/dpa
Atatürk-Banner vor den Wahlen in der Türkei.
Doch gewählt wird in der Türkei nicht nur der Präsident. Auch die Neubesetzung des türkischen Parlaments entscheidet sich am 14. Mai 2023, das 600 Mitglieder umfasst. Recep Tayyip Erdogan hatte die Macht des Parlaments in seiner Amtszeit zugunsten des Präsidenten geschwächt. Kemal Kilicdaroglu hat versprochen, diese Änderungen bei einem Wahlsieg rückgängig zu machen und so die einst von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk gegründete Republik in der Türkei vor autokratischen Umtrieben zu schützen. © Francisco Seco/dpa

In Nürnberg durfte die AKP-Lobby Werbeplakate mit den Bildern von Erdogan aufhängen. Sowohl der Nürnberger Oberbürgermeister Marcus König (CSU) als auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) trafen sich beim gemeinsamen Fastenbrechen mit Ditib-Vertretern und der AKP-Lobby.

Rubriklistenbild: © Christoph Reichwein/dpa

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