Kinder fahren mit dem Fahrrad an einem Wahlkampfzelt für Recep Tayyip Erdogan vorbei. 60,7 Millionen Wahlberechtigte in der Türkei und rund 3,4 Millionen im Ausland sind aufgerufen, am 14. Mai einen Präsidenten und ein neues Parlament zu wählen.
Viele in der Türkei wünschen sich einen Regierungswechsel: Die Abkehr von Erdogan. Darüber stimmen sie am Sonntag ab. Der Leitartikel.
Ankara - Die Türkei steht am Sonntag vor einer historischen Wahl: Es wird zwischen einer Rückkehr zu demokratischen Werten oder einer offenen Tür für eine islamofaschistische Diktatur entschieden. Die Stimmung und die jüngsten Umfragen im Land zeigen, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zum ersten Mal in seiner 21-jährigen Regierungszeit einer Wahlniederlage nahe ist. Ein echter Wandel in der Türkei wird jedoch nicht einfach sein.
Der Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei (CHP) und Präsidentschaftskandidat der Türkei, Kemal Kilicdaroglu, während einer Kundgebung in Kocaeli am 28. April 2023.
Erdogan hinterlässt ein zerstörtes Land mit vielen akuten Problemen
Erdogan hinterlässt ein zerstörtes Land, und den Kandidaten des Oppositionsbündnisses Kemal Kilicdaroglu erwarten im Falle eines Sieges viele akute Probleme. Millionen von Menschen leiden unter der tiefen Wirtschaftskrise mit einer Inflation von über 50 Prozent. Zwielichtige mafiöse Strukturen im ganzen Land beeinflussen die Politik, Menschenrechtsverletzungen nehmen täglich zu, fast ein Viertel des Landes leidet noch immer unter den Folgen des Erdbebens.
Kilicdaroglu will mit einem „100-Tage-Plan“ recht schnell zur „alten Türkei“ zurückkehren, unter anderem durch schnelle Verbesserungen in der Wirtschaft und bei Demokratie. Dies will er zum Beispiel durch die Umsetzung der Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte sowie durch Visagespräche mit der Europäischen Union erreichen.
Türkei-Wahl 2023: Auch mit Erdogans Herausforderer wäre Wandel nicht einfach
Das hoffnungsvolle Klima in der Türkei und Kilicdaroglus Versprechen als „Sozialdemokrat“ sollten den Westen jedoch nicht täuschen. Auch ein Wandel mit ihm wird nicht sehr einfach sein. Zu seinem 100-Tage-Plan gehört auch, dass er über vier Millionen syrische Flüchtlinge nach Syrien abschieben will. Einen Flüchtlingsdeal wie mit Erdogan wird es unter Kilicdaroglu nicht geben.
Und das wird auch eine Herausforderung unter anderem für die deutsche Politik. Sie wird im Falle eines Sieges mutig sein müssen. Die bisherigen Fehler sollte Deutschland nicht wiederholen. Schließlich hatte sie Erdogan trotz Kritik an seiner Politik weiter unterstützt – auch um den Flüchtlingsdeal zu retten.
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Viele Herausforderungen warten auf EU in Sachen Türkei
Dass die Türkei den Flüchtlingsdeal mit der EU abschaffen will, zeigt auch, dass die EU in den kommenden Monaten ihre Migrationspolitik überdenken muss. Weitere Lager an den EU-Außengrenzen sind keine Lösung für Menschen, die Schutz suchen.
Auch wird es eine Herausforderung sein, die Türkei so schnell wieder in die EU-Gespräche einzubinden, wie es Kilicdaroglu vorhat. Die Verantwortlichen für die EU-Politik brauchen Mut dazu. Sie werden sich überlegen müssen, wie sie Ankara dabei unterstützen können, die Türkei wieder auf einen demokratischen Weg zu bringen. Eine Wiederaufnahme der Gespräche über die EU-Kandidatur der Türkei wäre ein Anfang.
USA könnten Türkei nach Machtwechsel Wünsche erfüllen, die sie lange verwehrten
Auch die USA können ihren Beitrag leisten. Sollte Ankara wie erwartet vor dem Nato-Gipfel im Juli endlich das Veto gegen Schwedens Beitritt aufgeben, könnte die Regierung von Joe Biden der Türkei Wünsche erfüllen, die sie Erdogan verwehrte – etwa indem Washington F-16-Kampfflugzeuge liefert.
Doch dafür müssen die Wählerinnen und Wähler am Sonntag mit ihrem Votum die Ära Erdogan in der Türkei beenden und die demokratischen Kräfte unterstützen. Es darf nicht vergessen werden, dass Kilicdaroglu mit rechtsextremen und konservativen Kräften an einem Tisch sitzt und selbst eine rassistische Politik verfolgt. Doch am Sonntag, nach 21 Jahren, stehen erste Schritte zu einem Wandel in der Türkei bevor, und der wird Mut erfordern.