Türkischer Kampfjet als F-35-Alternative: KAAN jetzt im Fokus von EU-Land
VonBedrettin Bölükbasi
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Die Türkei produziert inzwischen vieles in ihrer Verteidigungsindustrie heimisch. Ein europäisches NATO-Land ist jetzt sogar am KAAN-Kampfjet interessiert.
Ankara – Die Türkei setzt ihren rasanten Aufschwung in der Verteidigungsindustrie fort. Dabei beschränkt sich das Land nicht nur auf die Herstellung von Exportschlagern wie Drohnen oder gepanzerten Fahrzeugen, sondern verfolgt einen Gesamtansatz mit Luftabwehrsystemen und sogar Satelliten sowie weiteren Innovationen. Zu diesem Ansatz zählt auch das Prestigeprojekt KAAN – der erste, heimisch in der Türkei hergestellte Kampfjet. Das EU- und NATO-Land Spanien erwägt den türkischen Flieger jetzt sogar als Alternative für die amerikanischen F-35.
Spanien hatte Anfang August ausgeschlossen, F-35-Kampfjets aus den USA zu erwerben. Stattdessen, so spanische Quellen gegenüber Medien, wolle man europäische Alternativen berücksichtigen. Im Gespräch mit der Zeitung El Independiente sagten Quellen aus der spanischen Verteidigungsindustrie, tatsächlich erwäge man neben Frankreich und Schweden auch die Türkei als eine Alternative, und zwar den Kampfjet, den auch Generalinspekteur Carsten Breuer bereits besichtigt hatte.
Türkisches Kampfflugzeug KAAN: Spanien als nächster, potenzieller Kunde
Zwar seien die französischen Rafale-Kampfjets wahrscheinlich die „logische Alternative“ für Spanien, betonten die Industrie-Insider. Allerdings sei die DGAM-Agentur, die für die Beschaffung von Waffen und Munition zuständig ist, nicht gerade begeistert davon, aus Frankreich einzukaufen. Die Quellen sprechen hier von einer „nationalen Haltung“. Die zweite Option sei der Saab 39 Gripen-Flieger aus Schweden. Doch auch hier gibt es Bedenken, wie eine Quelle unterstreicht: „Es ist ein sehr gutes Flugzeug, hat aber eine geringe Kapazität, kann nicht viel Nutzlast tragen und hat zudem auch nur einen Motor.“ Eine weitere Quelle sagt: „Ich halte es nicht für geeignet.“
Damit rückt der KAAN-Flieger aus der Türkei in den Fokus: Der El Independiente-Bericht bezeichnet den Kampfjet, der vom staatlichen Luftfahrtkonzern TUSAS hergestellt wird, als eine „dritte Option, die immer kräftiger wird“. Die Serienproduktion von KAAN ist für 2028 geplant – natürlich, wenn alles nach Plan läuft. Der erste Prototyp des Fliegers ist bereits produziert und hat mehrere Flüge absolviert. Offenbar will Spanien auf die Produktion des Fliegers warten und könnte dann eine Bestellung einreichen. Spanische Industrie-Quellen weisen darauf hin, dass es sich immerhin um ein Projekt aus einem NATO-Land handelt, auch wenn es kein europäischer Flieger ist.
Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten
Technische Spezifikationen des türkischen Kampfjets KAAN
Spannweite: 13,4 m
Flügelfläche: 71,6 m²
Länge: 20,3 m
Höhe: 5 m
Maximales Startgewicht (MTOW): 34.750 kg
Schubkraft: 2 × 29.000 lb
Höchstgeschwindigkeit: Mach 1,8 (in 40.000 ft Höhe)
Dienstgipfelhöhe: 16.764 m (55.000 ft)
Positive / Negative G-Belastungsgrenze: +9 / −3,5 G
Türkisches Kampfflugzeug KAAN: EU-Land Spanien zeigt offenbar Interesse
Das Verhältnis zwischen der Türkei und Spanien war schon immer von guten Beziehungen geprägt. Das spiegelt sich vor allem auch in der Verteidigungsindustrie wider. Spaniens mögliche Aufrüstung mit KAAN wäre jedenfalls keine allzu große Überraschung, denn immerhin wäre es nicht der erste Flieger, den das EU-Land aus der Türkei und aus TUSAS-Produktion kauft.
Spanien hat im Mai einen Vertrag für den Kauf von türkischen Hürjet-Trainingsfliegern unterzeichnet, die die amerikanischen F-5M ersetzen sollen. Inzwischen wurde bestätigt, dass die spanische Luftwaffe bis zu 45 Stück dieser Trainingsflieger erwerben wird. Zu den Deals zwischen der Türkei und Spanien gehören auch Technologietransfer sowie die gemeinsame Produktion. So sollen etwa im Rahmen des Projekts im Wert von 1,3 Milliarden Euro spezielle Varianten von Hürjet vor Ort in Spanien hergestellt und nach spanischen Wünschen aktualisiert werden.
Türkische Verteidigungsindustrie im Aufschwung: Unbemanntes Kampfflugzeug Kizilelma
Die spanische Armee könnte dem Bericht von El Independiente zufolge nicht nur vom bemannten KAAN-Flieger der Türkei, sondern sehr wohl auch von der unbemannten Kampfdrohne Bayraktar Kizilelma profitieren. Die Kizilelma wird von der Firma Baykar hergestellt, die Selcuk Bayraktar, dem Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdogan, gehört. Sie ist neben der von TUSAS hergestellten Anka-III eines der zwei unbemannten Kampfflugzeug-Projekte aus der Türkei.
Ohne die F-35 hat Spanien kein Flugzeug für das Mehrzweckkriegsschiff „Juan Carlos I“ der spanischen Marine. An dieser Stelle kann der türkische Jet keine Alternative sein, da sie nicht die Fähigkeit hat, von Flugzeugträgern oder Kriegsschiffen mit Rampen wie eben das spanische Flagschiff „Juan Carlos I“ abzuheben und wieder dort zu landen.
Die Kizilelma ist jedoch genau dafür ausgelegt und soll unter anderem auf dem türkischen Mehrzweckkriegsschiff „TCG Anadolu“ stationiert werden, welches 2023 in Dienst gestellt wurde. Das türkische Kriegsschiff ist dabei vom spanischen Flagschiff inspiriert und baugleich mit der „Juan Carlos I“. Daher könnte die Kizilelma sehr leicht auch auf dem spanischen Schiff zum Einsatz kommen.
Türkei stellt Kampfflugzeug KAAN her: Motor könnte jedoch zur Herausforderung werden
Das türkische Kampfflugzeug KAAN steckt noch in Kinderschuhen und ist trotz der Produktion des ersten Prototyps ein relativ junges Projekt. Daher bleibt abzuwarten, ob es sich ähnlich wie die hocheffizienten türkischen Drohnen im internationalen Markt durchsetzen wird. Interesse besteht jedenfalls, und das nicht nur in Spanien: Auch Ägypten, Katar, Aserbaidschan, Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigen Arabischen Emirate haben Interesse am Kauf des Fliegers verkündet. Indonesien hat sogar bereits 48 Exemplare des Fliegers bestellt. Der entsprechende Vertrag wurde im Juli unterzeichnet. Außerdem sind Fotos des zweiten Prototyps, der Ende 2025 zum ersten Flug starten soll, schon im Umlauf.
Eine größere Herausforderung, die die Türkei meistern muss, könnte allerdings die Frage der Motoren sein. Die Prototypen und ersten Serienflugzeuge sollen noch mit amerikanischen F110-Motoren abheben. Die Produktion des heimischen türkischen Motors, der TF35000, läuft inzwischen auf Hochtouren. Laut der türkischen Verteidigungsagentur SSB ist die eigentliche serienmäßige Produktion mit der Integration des heimischen Motors geplant. Bei der TF35000 läuft demnach die Entwicklung nach Plan. „Die Zukunft von KAAN ist keineswegs vom Motor eines einzigen Landes abhängig“, sagte SSB-Präsident Haluk Görgün dazu. Die Motoren für die Prototypen seien ohnehin schon geliefert worden.
Verspätungen im Kalender werden von türkischen Beamten aktuell dementiert. Die Wahrheit ist aber: Ganz auszuschließen ist es nicht, was auch verständlich wäre. Immerhin handelt es sich um ein ambitioniertes Projekt. Die Türkei scheint dennoch entschlossen, den zu Beginn der Republik eingeschlagenen Weg nun zu einem Ergebnis zu bringen. In den 1920er und 1930er Jahren hatten die türkischen Luftfahrtpioniere Vecihi Hürkus und Nuri Demirag mit dem Ziel einer unabhängigen Verteidigungsindustrie die ersten türkischen Flieger hergestellt. Die Produktion wurde später aber auch wegen Hindernissen aus der Politik abgebrochen. Jetzt will Erdogans Regierung dort ansetzen, wo Hürkus und Demirag aufgehört haben.
Dass sich die Herstellung eines Kampfjets aus verschiedensten Gründen schwierig gestalten kann, erleben derzeit auch Deutschland und Frankreich. Das europäische Kampfjet-Prestigeprojekt FCAS droht zu platzen. (Quellen: Eigene Recherche, El Independiente, Defence Turk) (bb)