Wird 2023 zum Aiwanger-Jahr?

Phänomen Aiwanger: Ein Niederbayer nervt Deutschland – und hat damit Erfolg

+
Trinkt eigentlich gar keinen Alkohol, weiß aber um die Gunst der Bilder: Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger. Seine Partei steht am 8. Oktober vor einem Doppel-Erfolg.
  • schließen

Die Freien Wähler stehen vor allem für eine Person: Hubert Aiwanger. Der Vorsitzende prägt die Partei – und polarisiert über die Grenzen Bayerns hinweg. Das funktioniert.

München – Hubert Aiwanger hält einen Regenschirm in der linken Hand. Es schüttet und stürmt. An seiner Seite: Lebenspartnerin Tanja Schweiger, die auf dem Weg zur Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele mit den Wetterbedingungen kämpft. Von der Szene kursieren mehrere Fotos. Auch eines, in dem Schweiger neben dem Regenschirm steht. In sozialen Medien wurde diese Version mehrfach geteilt. „Das Bild ist perfekt“, hieß es etwa auf Twitter. „Es zeigt Aiwanger und seine ich-ich-ich-Ideologie, in dem er den Schirm nur für sich nutzt und die andere Person im Regen stehen lässt.“ Der Militärexperte und Professor an der Bundeswehr-Uni München Carlo Masala schrieb spöttisch: „Gentleman der alten Schule.“ Die Wahrheit ist: Das Bild ist aus dem Zusammenhang gerissen.

Aiwanger-Video: „Bewusst manipulativ“

Aiwanger teilte am Donnerstag (27. Juli) ein achtsekündiges Tagesschau-Video der Szene auf Twitter. Darauf ist klar zu erkennen, dass Aiwanger seiner Freundin sehr wohl den Schirm hält und sie nur für kurze Zeit nass wird. „Zur Information, wie es wirklich war, weil gerade überall Bilder rumgereicht werden, wie ‚Aiwanger andere im Regen stehen lässt‘“, kommentierte Aiwanger und meinte: „Bewusst manipulativ.“ Den Tweet haben bis Freitagnachmittag zwei Millionen Menschen gesehen. Das ist sehr viel für die Social-Media-Aktivitäten eines bayerischen Wirtschaftsministers. Und doch sinnbildlich für Aiwangers Politikkarriere im Jahr 2023.

Der Freie-Wähler-Chef ist längst über die Grenzen des Freistaats bekannt. In den vergangenen zwei Jahren hat Aiwanger seinen Bekanntheitsgrad massiv gesteigert. Vor allem seine kritische Position zur Corona-Impfung und sein Auftrit bei der Monika-Gruber-Demo zum Heizgesetz sorgten für bundespolitische Schlagzahlen. Aiwanger muss sich immer wieder rechtfertigen – und das seiner Meinung nach „normale Leben“ verteidigen.

Aiwanger steht für eine schrumpfende Politikerspezies

Hubert Aiwanger, 1971 im Landkreis Landshut geboren, war vor einigen Wochen Topthema im politischen Berlin. Grund waren seine Aussagen von der „schweigenden Mehrheit“, die sich die „Demokratie zurückholen“ müsse. Aiwanger musste sich rechtfertigen, sogar in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“. Medien diskutierten über den Auftritt, sämtliches Spitzenpersonal der etablierten Parteien sah sich mit Fragen zum bayerischen Vize-Regierungschef konfrontiert und selbst vom CSU-Koalitionspartner gabs eine öffentliche Watschn. Staatskanzleichef Florian Herrmann attestierte Aiwanger gegenüber unserer Redaktion Populismus und sprach von einer „unangemessenen Wortwahl“. Aiwanger blieb bei seinen Aussagen: „Ich habe nichts zurückzunehmen, sondern da wollen einige bewusst missverstehen.“

Bewusst missverstehen. Diesen Vorwurf greift Aiwanger immer wieder auf. „Auf Twitter wird ein Klischee von Aiwanger als Hinterwäldler gezeichnet, das mir schaden soll“, sagt der Niederbayer dazu im Gespräch mit dem Münchner Merkur. Er sieht sich falsch verstanden, polarisiert aber auch mit einigen Aussagen. Auch auf Twitter, wo sich der Politiker auf Diskussionen mit Accounts ohne Klarnamen einlässt. So wettert Aiwanger gegen „Woke, die kein Fleisch essen und gendern.“

Aiwanger steht für eine schrumpfende Politikerspezies, die sagt, was sie denkt; sich öffentlich erklärt. Das wirkt nahbar, damit eckt er zwangsläufig aber auch an, da nicht immer politisch korrekt. In linksgeprägten Twitterblasen ist Aiwanger eine Reizfigur. Er selbst sagt im Interview mit dem Münchner Merkur: „Auf Twitter verteidige ich die normale Welt gegen die in meinen Augen verrückte Welt.“ Wie diese Welt aussieht, erklärte der Freie-Wähler-Chef in einer Twitterdiskussion mit einem anonymen Account: „Meine normale Welt ist eine Welt, wo sich Normalverdiener noch ein Haus leisten konnten, wo man normal ohne Gendern spricht, essen darf, was einem schmeckt, auch Fleisch, die Kinder Cowboy und Indianer spielen dürfen, man Wasserstoff einsetzen darf und Vergewaltiger eingesperrt werden.“

Dieses Wording nimmt Aiwanger auch mit in den analogen Wahlkampf. Seit Monaten liefert er sich mit CSU-Chef Markus Söder einen Bierzelt- und Terminkalenderwettkampf. Als Aiwanger in Oberaudorf mit besorgten Bauern über den Wolf sprach, kam Söder kurzerhand mit. Zuletzt sprach Aiwanger auf dem Festzelt Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck. Der heimatverbundene Landwirtssohn sang die Deutschlandhymne auf der Bühne, ehe es politisch wurde. Aiwangers Hauptgegner dabei sind die Grünen, denen er regelmäßig „Ideologie“ unterstellt. In puncto Festzeltrhetorik steht Aiwanger Söder ohnehin in nichts nach, agiert meist sogar etwas offensiver, Kritiker sagen: populistischer. Doch mit dieser Strategie haben er und die Freien Wähler Erfolg.

Markus Söder (re.) und Hubert Aiwanger nach einer Kabinettssitzung. Vieles deutet darauf hin, dass sie auch nach der Bayern-Wahl gemeinsam regieren.

Freie Wähler bald auch im Hessen-Landtag?

Die Freien Wähler sind eine Partei, die lange nahezu nur auf Kommunalebene erfolgreich war. Und das auch so wollte. Doch mit Aiwanger an der Spitze streben die Konservativen nach mehr. Mittlerweile sitzen die Freien Wähler in drei Landtagen. In Rheinland-Pfalz, Brandenburg (Sonderfall als Brandenburger Vereinigte Bürgerbewegungen/Freie Wähler) und natürlich Bayern. Dem bayerischen Landtag gehören die Freien Wähler, die programmatisch nahe der CSU stehen, seit 2008 an, seit 2018 bilden sie mit der CSU die Regierung. Die „Bayern-Koalition“ soll fortgesetzt werden, in Umfragen stehen die FW in etwa bei den 11,6 Prozent der Bayern-Wahl 2018. Aiwanger ist als Minister im dann neuen Söderkabinett gesetzt.

Zudem wollen die Freien Wähler in den hessischen Landtag. Dort wird wie in Bayern am 8. Oktober gewählt. Die Partei steht laut einer aktuellen Umfrage bei 5 Prozent. Das würde reichen. Die Freien Wähler Hessen unterscheiden sich dabei etwas von dem bayerischen Ableger. Hessen ist weniger ländlich geprägt, an der Spitze steht mit Engin Eroglu ein Europapolitiker mit Grünen-Vergangenheit, dessen türkische Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland kamen.

Eroglus politischer Aufstieg vom Gastarbeiterkind zum Europapolitiker ist beachtlich. Über Hessen hinaus kennt ihn allerdings kaum jemand. Anders als Aiwanger. Er ist das Gesicht seiner Partei und wird sich daher auch mit dem möglichen Landtagseinzug schmücken. 2023 könnte zum erfolgreichsten Jahr in seiner Politikkarriere werden. Obwohl, oder gerade weil er so polarisiert. (as)

Kommentare