Rätselraten um Frontverlauf

Ukraine beklagt verfrühte Nachrufe auf Pokrowsk und Tränen-Fakes

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Den Russen gehört Pokrowsk genauso wenig wie den Ukrainern, keine Partei ist im Vorteil. Doch Russland kämpft verzweifelt darum, das anders darzustellen.

Pokrowsk – „Warum tut ihr das?“, fragt Oleh Apostol. Ukranian berichtet aktuell über eine Klage des Brigade-Generals und Kommandeurs der ukrainischen Luftlandetruppen wegen Aussagen, die die Kämpfer vor Ort demoralisierten, so die Nachrichtenagentur. Im Ukraine-Krieg steht die Stadt im Fokus von Wladimir Putins Invasionsbestrebungen. Immer wieder wird berichtet, dass diese Front als vorentscheidend gelte für den Ausgang der gesamten völkerrechtswidrigen „Spezialoperation“. Die Ukraine wehrt sich verbissen – vor allem gegenüber Aussagen, die Festung falle.

Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS). Die GUS besteht aus ehemaligen Staaten der Sowjetunion, die bis heute zum Großteil eng verbunden mit Russland geblieben sind. Doch Moskau-Machthaber Putin hat nicht nur in den Sowjet-Gebieten Freunde. Putin findet auch nach mehreren Jahren Angriffskrieg in der Ukraine noch immer fast weltweit Verbündete. Eine Übersicht: © Imago
Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs steht ein Mann eng an der Seite Wladimir Putins: Alexander Lukaschenko. Das von ihm autoritär beherrschte Belarus teilt sich eine mehr als tausend Kilometer lange Grenze mit der Ukraine. Lukaschenko unterstützte Putins Truppen logistisch bei ihrer Invasion des Nachbarlandes. © Imago
Kim Jong-un und Wladimir Putin
Ein weiterer enger Verbündeter Wladimir Putins ist Kim Jong-un. Der Machthaber regiert ein totalitäres Nordkorea, das als sozialistische Diktatur historisch enge Beziehungen zu Russland pflegt. © Gavriil Grigorov/Imago
russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist
Im Lauf des Ukraine-Kriegs wurde aus der symbolischen Verbindung ein militärisches Bündnis. Kim Jong-un unterstützte Putins Feldzug mit Waffen, Munition und Soldaten. Laut Schätzungen könnten es mehr als 30.000 Mann aus Nordkorea sein, die an der Front im Ukraine-Krieg kämpfen. Auf dem Bild zu sehen ist ein russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist.  © Imago
Xi Jinping zu Gast bei Wladimir Putin
Die Volksrepublik China pflegt sowohl mit Nordkorea als auch mit Russland enge Beziehungen. Das bewies Präsident Xi Jinping zuletzt durch seinen Besuch Moskaus am „Tag des Sieges“. An der Seite Putins begutachte Xi als Gast auf der Ehrentribüne die große Militärparade, die durch Russlands Hauptstadt rollte. Doch China unterstützt Russland nicht nur symbolisch durch Besuche, sondern auch ganz praktisch mit Seltenen Erden und Devisen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs ist China der größte Importeur für russische Rohstoffe geworden. © Imago
Präsident Wladimir Putin mit To Lam
Der Dritte im Bunde der ostasiatischen Verbündeten Russlands ist Vietnam. Hier posiert Präsident Wladimir Putin mit Tô Lâm, Präsident Vietnams von Mai 2024 bis Oktober 2024, bei einem Besuch des russischen Staatschefs in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. © Kristina Kormilitsyna/Imago
Wladimir Putin und Narendra Modi
In Südasien, konkret auf dem indischen Subkontinent, findet sich mit Narendra Modi der nächste enge Verbündete Russlands. Indiens Premierminister pflegt ein enges Verhältnis zu Putin. Hier umarmen sich beide bei einem Treffen in Neu-Delhi im Jahr 2018. Indien ist durch mehrere internationale Organisationen und Bündnisse mit Russland verbandelt. Die wohl wichtigsten darunter sind die Zusammenkunft der sogenannten BRICS-Staaten und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
König Ibrahim Ismail von Johor aus Malaysia beim Besuch Putins in Russland
Auch Malaysia ist wie Russland Mitglied des BRICS-Staatenbundes. In Begleitung seiner Frau Raja Zarith Sofia reiste König Ibrahim Ismail von Johor nach Russland, um Putin im Kreml zu besuchen. © Imago
Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Präsident Wladimir Putin eine gute Beziehung
Zur Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) zählt neben Russland unter anderem die Ex-Sowjet-Republik Kasachstan. Das Land teilt sich mit 7644 Kilometern die längste Landgrenze der Welt mit Russland. Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Putin eine gute Beziehung. Kasachstan bezieht 90 Prozent seiner Waffenimporte aus Russland, das wiederum den in Kasachstan gelegenen Weltraumbahnhof Kosmodrom Baikonur mietet. Beide Länder sind außerdem Mitglied in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
Putin und Traoré
Zu Putins engen Verbündeten gehört auch Burkina Fasos Regierungschef Inbrahim Traoré. Am 9. Mai 2025 besuchte er Putin in Moskau (im Bild). „Wir glauben, dass der Terrorismus, den wir heute erleben, vom Imperialismus herrührt, und wir bekämpfen ihn“, sagte er bei einem bilateralen Treffen. In Erinnerung geblieben ist auch eine virale Rede beim Afrika-Gipfel im Jahr 2023 in Russland. Im Beisein Putins machte er damals den Westen dafür verantwortlich, dass Afrika trotz seiner Rohstoffe der ärmste Kontinent sei.  © IMAGO/Mikhail Metzel/Kremlin Pool
Ägypten Militärband Moskau
Mehr als 80 Jahre Diplomatie verbinden Ägypten und Russland. Das Land am Nil ist wirtschaftlich von Moskau abhängig. Auch Putin profitiert von den Verbindungen nach Kairo. Der russische Präsident betrachtet Ägypten als Tor nach Afrika. Im August 2022 war eine ägyptische Militärband in Moskau zu Gast (im Bild). Auch bei der Militärparade zum 80. Jahrestag des Siegs über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 marschierte eine Einheit aus Ägypten über den Roten Platz.  © Sergei Bobylev/Imago
Laos-einheit in Moskau
Am „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 paradierte auch eine Einheit aus Laos durch Moskau. Angeblich arbeitet Putin derzeit intensiv daran, das Land in den Krieg gegen die Ukraine einzubinden. Im Sommer 2025 begrüßte er den laotischen Präsidenten Thongloun Sisoulith in Moskau. © Ricardo Stuckert/Imago
Turkmenistan Moskau Parade
Turkmenistan schickte ebenfalls eine Einheit nach Moskau. Die zentralasiatische Republik Turkmenistan am Kaspischen Meer gehört auch Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu den am meisten abgeschotteten Staaten der Welt.  © Ricardo Stuckert/Imago
Aleksandar Vucic Putin Netanjahu
Auch der serbische Staatschef Aleksandar Vučić nahm 2025 – wie auch schon 2018 (im Bild) – in Moskau an der Parade vor rund 10.000 Soldaten teil. Die Beziehungen zwischen Serbien und Russland gelten als traditionell freundschaftlich. Belgrad verweigert sich den Sanktionen gegen Russland und hat den Westen für den Ukraine-Krieg verantwortlich gemacht. Zuletzt gab es trotzdem zwischen Moskau und Belgrad Verstimmungen, als der russische Auslandsgeheimdienst Serbien den Verkauf von Munition an die Ukraine vorwarf. © Mikhail Metzel/Imago
Milorad Dodik
Putins wichtigster Mann am Balkan heißt Milorad Dodik (2. von rechts). Der bosnisch-serbische Separatistenführer betreibt seit Jahren die Abspaltung des Landesteils Republika Srpska vom bosnischen Staat. Dodik stimmt sich dabei regelmäßig mit dem russischen Präsidenten ab. © Alexei Nikolsky/Imago
Salva Kiir Putin
Im September 2023 traf sich Putin mit Salva Kiir Mayardit, dem Präsidenten von Südsudan. „Die Welt diktiert, dass niemand allein überleben oder Erfolg haben kann“, sagte Salva Kiir. Zu Putin gewandt meinte er, dass sein Land starke Freunde brauche: „Sie sind einer von ihnen.“ © Valery Sharifulin/Imago
Orban Putin
Ungarns Regierungschef Viktor Orbán ist Putin im Ukraine-Krieg stets treu geblieben. So hat er während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2024 den bis dahin weitgehend isolierten Kremlchef zum Ärger vieler EU-Länder überraschend in Moskau besucht und sich als Vermittler inszeniert (im Bild). Zugleich nutzt Orbán jede Gelegenheit, um gegen die Ukraine auszuteilen.  © Valeriy Sharifulin/Imago
Putin und Ramaphosa
Ende Juli 2023 war Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa bei Putin zu Gast. Der Kremlchef hatte seine Gäste zum Abschluss eines zweitägigen Afrika-Gipfels in St. Petersburg eingeladen, den er in der russischen Ostsee-Metropole veranstaltete. Südafrika, das mit Russland, China, Indien und Brasilien die Brics-Staatengruppe bildet, wird wegen seiner Russland-Nähe vom Westen mit Skepsis betrachtet.  © Sergei Bobylev/Imago
Peseschkian Putin
Im Januar 2025 war Massud Peseschkian in Moskau zu Besuch. Dabei unterzeichnete Irans Präsident gemeinsam mit Putin ein Abkommen über eine strategische Partnerschaft. Russland und der Iran vertieften damit ihre militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit für die nächsten 20 Jahre.  © Imago
Putin Ortega
Seit vielen Jahren steht Nicaragua an der Seite Putins. Nach dem Aufstand der russischen Privatarmee Wagner gegen die eigene Staatsführung im Juni 2023 schickte auch Präsident Daniel Ortega (hier ein Bild aus dem Jahr 2014) eine Botschaft nach Moskau. In der offiziellen Mitteilung hieß es, Ortega und seine Ehefrau sowie Vizepräsidentin Rosario Murillo übermittelten Putin „unsere Zuneigung in revolutionärer Bruderschaft“. © Cesar Perez/afp
Maduro
Venezuelas Präsident Nicolás Maduro tat es ihm gleich. „Wir senden unsere Umarmung der Solidarität und der Unterstützung an den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, dem es gelungen ist, einen Versuch des Verrats und des Bürgerkriegs zu bewältigen und seinem Volk den Sieg und den Frieden zu garantieren“, twitterte er damals. © Alexandr Kryazhev/Imago
Putin Goita
Im Juni 2025 verständigten sich Putin und Malis Militärmachthaber Assimi Goïta auf eine bilaterale Kooperation. Russland ist enger Verbündeter von Goïta, der gegen Terrormilizen in Mali auch auf russische Wagner-Söldner setzte. Das Militär hatte sich 2020 und 2021 an die Macht geputscht, die Zusammenarbeit mit Ex-Kolonialmacht Frankreich beendet und sich Moskau zugewandt. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Sassou Nguesso Afewerki
Ende Juli 2023 war Putin gemeinsam mit Denis Sassou Nguesso, dem Präsidenten der Republik Kongo (rechts), und dem eritreischen Präsidenten Isaias Afewerki (links) beim Tag der Marine auf der Newa in St. Petersburg unterwegs. Mit ihrem Besuch beim Russland-Afrika-Gipfel konnten die beiden Staatsmänner die Achse zwischen Russland und ihren Ländern noch einmal stärken. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Raúl Castro
Ein besonders inniges Verhältnis pflegt Russland zu Kuba. Für die hoch verschuldete Karibikinsel ist Russland einer der engsten Verbündeten und wichtigsten Geldgeber. Der Kreml bezeichnete den sozialistischen Karibikstaat, der den Ukraine-Krieg nicht verurteilt hat, als „sehr wichtigen Partner“. Im Jahr 2014 war Putin beim vormaligen Präsidenten Raúl Castro zu Gast. © Imago
Putin
Der Kremlchef ist seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 im Westen weitestgehend isoliert. Umso wichtiger ist ihm der Kontakt zu seinen Verbündeten – den sucht er in vielen Fällen auch per Video. Im Mai 2025 nahm er an einer Sitzung der Kommission für militärisch-technische Zusammenarbeit mit ausländischen Staaten teil.  © Alexander Kazakov/Imago

Apostol zufolge würden in den Medien „aktiv Gerüchte über Militäraktionen im Raum Pokrowsk verbreitet, und es wird gelegentlich behauptet, die Stadt sei bereits von den Besatzern eingenommen worden“, schreibt Ukranian über eine Aussage Apostols in einer Fernsehsendung. „Die Lage ist generell schwierig, der Feind greift ständig zu Fuß an“, sagte der stellvertretende Kommandeur der 59. Angriffsbrigade der Ukraine im Februar 2025 gegenüber dem britischen Independent. Die Einheit des unter dem Namen „Phönix“ kämpfenden Offiziers verteidigt verbissen die Front um Pokrowsk. Der Kampf um die Metropole ist einer auf Messers Schneide – und das bereits seit Monaten.

Ukraine-General kritisiert die Medien: Pokrowsk wird seit Monaten totgesagt

Die gesamte Region Donezk hängt von ihrem Schicksal ab. Allerdings steht die Stadt auch für den gesamten Ukraine-Krieg. Pokrowsk wird seit Monaten totgesagt, allerdings könnte sich das Blatt auch wenden. Beinahe täglich. Diese Unsicherheit zieht sich durch die Jahre. Der Sender CNN formuliert den Wahnsinn des Ukraine-Krieges, der sich in Pokrowsk offenbar wie in einem Brennglas bündelt: „Wenn Pokrowsk an russische Streitkräfte fällt, was jetzt immer wahrscheinlicher erscheint, wäre es die größte Stadt, die Moskau seit der Einnahme von Bachmut im Mai 2023 erobert hat“. Offenbar haben sich die Russen zweieinhalb Jahre die Zähne an Pokrowsk ausgebissen.

„Der größte Teil von Pokrowsk ist Niemandsland. Die Situation ist kompliziert und schlichtweg unklar.‘“

Deep State, BBC

Und dass der Fall „jetzt immer wahrscheinlicher erscheint“, wie die CNN-Autoren Ivana Kottasová, Kostya Gak und Victoria Butenko behaupten, scheint angesichts dessen tatsächlich weit hergeholt, Apostols Aufregung insofern verständlich: „Solche ,Nachrichten‘ stiften Verwirrung und geben Anlass zu Fragen unter den Soldaten, die direkt für die Verteidigung verantwortlich sind“, zitiert ihn Ukrainian. Nicht politische Ideologien, sondern Kleingruppenerfahrungen sind entscheidend für die Kampfkraft von Soldaten, ihre Tötungsbereitschaft wie ihre Durchhaltefähigkeit. Neben dem Vertrauen in die Kompetenz der Offiziere ist es vor allem die Erfahrung von Kameradschaft, die eine Truppe zusammenhält und sie auch dann noch weiterkämpfen lässt, wenn die politisch-militärische Lage aussichtslos geworden ist“, schreibt Herfried Münkler.

Unter Dauerfeuer – keine der beiden Seiten in der Region Pokrowsk lässt locker. Wer die Oberhand hat, bleibt seit Monaten umstritten. Fakt ist, dass noch keiner der beiden Gegner klein beigegeben hat. Noch reicht beiden ihre Feuerkraft, um den Status quo zu halten. Hier zündet ein russischer Soldat einen selbstfahrenden schweren 2S4 Tyulpan-Mörser.

Der deutsche Politikwissenschaftler fasst damit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Buch „Soldaten“ des Militärhistorikers Sönke Neitzel zusammen. Auch die Bundeswehr widmet auf ihrer Homepage der Frage „Wofür kämpfst Du?“ einen umfassenden Beitrag: „In einer liberalen Gesellschaft funktionieren Streitkräfte nur auf Basis innerer Überzeugung“, so die These. Demgegenüber will Russland offenbar einen anderen Eindruck vermitteln, worauf aktuell der Sender France24 aufmerksam macht. Demnach kursierten auf Sozialen Medien Videos weinender – vermeintlich ukrainischer – Soldaten, die darüber klagten, zwangsweise zum Krieg rekrutiert worden zu sein. „Tatsächlich handelt es sich bei diesen Videos um Deepfakes, die mithilfe der Gesichter russischer Videospiel-Streamer erstellt wurden“, schreibt Quang Pham.

Putins Fake-Offensive: „Wir wissen nicht, was wir tun sollen, sie bringen uns mit Gewalt hierher.“

„Sie bringen uns nach Pokrowsk, wir wollen da nicht hin, bitte. Bitte helft uns. Wir wissen nicht, was wir tun sollen, sie bringen uns mit Gewalt hierher. Mein Gott, Mama, Mama, ich will nicht“, lautet die Botschaft eines Videos, das der France24-Autor in ähnlicher Form dutzendweise beispielsweise auf TikTok gefunden habe, wie er schreibt. Offenbar ist Pokrowsk auch im Netz schwer umkämpft: Die entschlüsselten Videos „sollen ukrainische Soldaten zeigen, die gegen ihren Willen in Pokrowsk stationiert wurden“, so Pham. „Während in Russland die sozialen Medien und der freie Zugang zu Informationen weitgehend eingeschränkt wird, nutzt dessen Führung gerade diese Errungenschaften im Rest der Welt“, zitiert Wulf Rohwedder für die Tagesschau aus einer Studie.

Laut den Autoren des britischen Thinktanks „Institute for Strategic Dialogue“ (ISD) stecke das Netz voller „halbverdeckter Taktiken, mit denen russische Staats- und Kreml-freundliche Medien trotz der Sanktionen der Europäischen Union weiterhin ein großes Publikum erreichen“. Der Social-Media-Dienst Telegram gelte als Wurzel allen Übels, sagt Aleksy Szymkiewicz. Die BBC zitiert den Analysten der polnischen Faktencheck-Organisation Demagog mit einer ernüchternden Prognose. „Dort werden zunächst falsche oder manipulative Behauptungen gepostet – dann verbreiten sie sich auf größeren Plattformen wie X. Und von X gelangen sie dann beispielsweise in Diskussionen in Facebook-Gruppen“, so Szymkiewicz gegenüber der BBC.

Medien im Ukraine-Krieg hilflos: „Es gibt unzählige Behauptungen und Gegenbehauptungen“

Der britische Sender hat noch Anfang November deutlich gemacht, dass verantwortungsvoller Journalismus in Pokrowsk an seine Grenzen gelange angesichts der Frage, wie nahe die Stadt der Übergabe an die Russen stünde: „Es gibt unzählige Behauptungen und Gegenbehauptungen, daher lässt sich das schwer sagen“, berichten Laura Gozzi und Paul Kirby. Als „wahr“ gilt den Autoren, dass Russland zehntausende Soldaten rund um die früher 60.000 Menschen zählende Stadt zusammengezogen habe. Hunderte davon sollen bisher in kleinen Trupps die Stadt infiltriert haben. Tatsächlich seien ukrainische Stellungen überrannt und Gebäude sowie Straßen eingenommen worden. Mehr sei jedoch der Interpretation überantwortet, stellen sie dar.

Beispielsweise „dementierte der Generalstab von Kiew, dass seine Streitkräfte in und um die Stadt eingekesselt seien, und bekräftigte, dass sie weiterhin aktiven Widerstand leisteten und russische Truppen blockierten. Ein ukrainisches Regiment gab an, das Rathaus geräumt zu haben, und veröffentlichte ein Video, das eine am Gebäude hängende ukrainische Flagge zeigte“, so der Sender. Ihm zufolge verbreite jede Seite ihre Sicht der Dinge, und neutralen Quellen falle schwer, ein ungefärbtes Bild zu erhalten. „Wahr“ ist offenbar, dass Stadt sowie Umgebung zweigeteilt sind: Vermutlich steht ein großer Teil der Stadt unter russischer Kuratel, an einem anderen großen Teil der Stadt beißt sich die Ukraine unbeugsam fest. An dieser Front nichts Neues.

Russland und die Ukraine auf Messers Schneide: „Der größte Teil von Pokrowsk ist Niemandsland“

„Der größte Teil von Pokrowsk ist Niemandsland“, erklärte die Deep-State-Überwachungsgruppe laut der BBC. „Die Situation ist kompliziert und schlichtweg unklar.“ Offenbar so fragil, dass Russland an der Moral ihrer Gegner zu sägen gezwungen ist. Die Videos mögen als Dolchstoß in den Rücken gewertet werden – sie bedeuten weit mehr als bloße Falschmeldungen, sie bedeuten psychologische Kriegsführung. Zersetzung. Akribisch geplant, technisch aufwändig umgesetzt, wie Quang Pham für France24 berichtet: „Der Soldat, der sich über seine Verlegung nach Pokrowsk beschwert, wurde mithilfe von Videos des russischen Streamers Aleksei Gubanov, bekannt als ,JesusAVGN‘, erstellt. Gubanov ist ein Gegner des Regimes des russischen Präsidenten Wladimir Putin und lebt mittlerweile in den Vereinigten Staaten.“

Oleh Apostol erinnert in seiner Kritik daran, dass nicht jede Begebenheit eine Meldung ergebe: Beispielsweise sei aufziehender Nebel so dramatisiert worden, dass er die ukrainischen Verteidiger in ihrer Aufklärung behindert habe; was sicher richtig sei, wie er einräumt angesichts dessen, dass sich die Russen mittlerweile beinahe Mann für Mann in die Stadt schleichen müssten. Auch wenn solch ein Wetter dem Angreifer in die Karten spiele, sei damit noch kein Urteil über die Stadt gesprochen, stellt Apostol klar.

Solcherart gerichtete Nachrichten zeitigten nach Apostols Meinung einen gleich großen Schaden wie die Progaganda-Videos im Netz, wie France24 die ukrainische regierungsnahe Organisation „Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation“ zum Zweck der Fakes zitiert: „Misstrauen in der ukrainischen Gesellschaft zu säen, die Mobilisierungsbemühungen zu stören und die Ukraine in den Augen der internationalen Gemeinschaft zu diskreditieren.“ (Quellen: Bundeswehr, Ukranian, Independent, CNN, Frankfurter Allgemeine Zeitung, France24, Tagesschau, BBC) (hz)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Stanislav Krasilnikov

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