Ukraine beklagt verfrühte Nachrufe auf Pokrowsk und Tränen-Fakes
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Den Russen gehört Pokrowsk genauso wenig wie den Ukrainern, keine Partei ist im Vorteil. Doch Russland kämpft verzweifelt darum, das anders darzustellen.
Pokrowsk – „Warum tut ihr das?“, fragt Oleh Apostol. Ukranian berichtet aktuell über eine Klage des Brigade-Generals und Kommandeurs der ukrainischen Luftlandetruppen wegen Aussagen, die die Kämpfer vor Ort demoralisierten, so die Nachrichtenagentur. Im Ukraine-Krieg steht die Stadt im Fokus von Wladimir Putins Invasionsbestrebungen. Immer wieder wird berichtet, dass diese Front als vorentscheidend gelte für den Ausgang der gesamten völkerrechtswidrigen „Spezialoperation“. Die Ukraine wehrt sich verbissen – vor allem gegenüber Aussagen, die Festung falle.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Apostol zufolge würden in den Medien „aktiv Gerüchte über Militäraktionen im Raum Pokrowsk verbreitet, und es wird gelegentlich behauptet, die Stadt sei bereits von den Besatzern eingenommen worden“, schreibt Ukranian über eine Aussage Apostols in einer Fernsehsendung. „Die Lage ist generell schwierig, der Feind greift ständig zu Fuß an“, sagte der stellvertretende Kommandeur der 59. Angriffsbrigade der Ukraine im Februar 2025 gegenüber dem britischen Independent. Die Einheit des unter dem Namen „Phönix“ kämpfenden Offiziers verteidigt verbissen die Front um Pokrowsk. Der Kampf um die Metropole ist einer auf Messers Schneide – und das bereits seit Monaten.
Ukraine-General kritisiert die Medien: Pokrowsk wird seit Monaten totgesagt
Die gesamte Region Donezk hängt von ihrem Schicksal ab. Allerdings steht die Stadt auch für den gesamten Ukraine-Krieg. Pokrowsk wird seit Monaten totgesagt, allerdings könnte sich das Blatt auch wenden. Beinahe täglich. Diese Unsicherheit zieht sich durch die Jahre. Der Sender CNN formuliert den Wahnsinn des Ukraine-Krieges, der sich in Pokrowsk offenbar wie in einem Brennglas bündelt: „Wenn Pokrowsk an russische Streitkräfte fällt, was jetzt immer wahrscheinlicher erscheint, wäre es die größte Stadt, die Moskau seit der Einnahme von Bachmut im Mai 2023 erobert hat“. Offenbar haben sich die Russen zweieinhalb Jahre die Zähne an Pokrowsk ausgebissen.
„Der größte Teil von Pokrowsk ist Niemandsland. Die Situation ist kompliziert und schlichtweg unklar.‘“
Und dass der Fall „jetzt immer wahrscheinlicher erscheint“, wie die CNN-Autoren Ivana Kottasová, Kostya Gak und Victoria Butenko behaupten, scheint angesichts dessen tatsächlich weit hergeholt, Apostols Aufregung insofern verständlich: „Solche ,Nachrichten‘ stiften Verwirrung und geben Anlass zu Fragen unter den Soldaten, die direkt für die Verteidigung verantwortlich sind“, zitiert ihn Ukrainian. Nicht politische Ideologien, sondern Kleingruppenerfahrungen sind entscheidend für die Kampfkraft von Soldaten, ihre Tötungsbereitschaft wie ihre Durchhaltefähigkeit. Neben dem Vertrauen in die Kompetenz der Offiziere ist es vor allem die Erfahrung von Kameradschaft, die eine Truppe zusammenhält und sie auch dann noch weiterkämpfen lässt, wenn die politisch-militärische Lage aussichtslos geworden ist“, schreibt Herfried Münkler.
Unter Dauerfeuer – keine der beiden Seiten in der Region Pokrowsk lässt locker. Wer die Oberhand hat, bleibt seit Monaten umstritten. Fakt ist, dass noch keiner der beiden Gegner klein beigegeben hat. Noch reicht beiden ihre Feuerkraft, um den Status quo zu halten. Hier zündet ein russischer Soldat einen selbstfahrenden schweren 2S4 Tyulpan-Mörser.
Der deutsche Politikwissenschaftler fasst damit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Buch „Soldaten“ des Militärhistorikers Sönke Neitzel zusammen. Auch die Bundeswehr widmet auf ihrer Homepage der Frage „Wofür kämpfst Du?“ einen umfassenden Beitrag: „In einer liberalen Gesellschaft funktionieren Streitkräfte nur auf Basis innerer Überzeugung“, so die These. Demgegenüber will Russland offenbar einen anderen Eindruck vermitteln, worauf aktuell der Sender France24 aufmerksam macht. Demnach kursierten auf Sozialen Medien Videos weinender – vermeintlich ukrainischer – Soldaten, die darüber klagten, zwangsweise zum Krieg rekrutiert worden zu sein. „Tatsächlich handelt es sich bei diesen Videos um Deepfakes, die mithilfe der Gesichter russischer Videospiel-Streamer erstellt wurden“, schreibt Quang Pham.
Putins Fake-Offensive: „Wir wissen nicht, was wir tun sollen, sie bringen uns mit Gewalt hierher.“
„Sie bringen uns nach Pokrowsk, wir wollen da nicht hin, bitte. Bitte helft uns. Wir wissen nicht, was wir tun sollen, sie bringen uns mit Gewalt hierher. Mein Gott, Mama, Mama, ich will nicht“, lautet die Botschaft eines Videos, das der France24-Autor in ähnlicher Form dutzendweise beispielsweise auf TikTok gefunden habe, wie er schreibt. Offenbar ist Pokrowsk auch im Netz schwer umkämpft: Die entschlüsselten Videos „sollen ukrainische Soldaten zeigen, die gegen ihren Willen in Pokrowsk stationiert wurden“, so Pham. „Während in Russland die sozialen Medien und der freie Zugang zu Informationen weitgehend eingeschränkt wird, nutzt dessen Führung gerade diese Errungenschaften im Rest der Welt“, zitiert Wulf Rohwedder für die Tagesschau aus einer Studie.
Laut den Autoren des britischen Thinktanks „Institute for Strategic Dialogue“ (ISD) stecke das Netz voller „halbverdeckter Taktiken, mit denen russische Staats- und Kreml-freundliche Medien trotz der Sanktionen der Europäischen Union weiterhin ein großes Publikum erreichen“. Der Social-Media-Dienst Telegram gelte als Wurzel allen Übels, sagt Aleksy Szymkiewicz. Die BBC zitiert den Analysten der polnischen Faktencheck-Organisation Demagog mit einer ernüchternden Prognose. „Dort werden zunächst falsche oder manipulative Behauptungen gepostet – dann verbreiten sie sich auf größeren Plattformen wie X. Und von X gelangen sie dann beispielsweise in Diskussionen in Facebook-Gruppen“, so Szymkiewicz gegenüber der BBC.
Medien im Ukraine-Krieg hilflos: „Es gibt unzählige Behauptungen und Gegenbehauptungen“
Der britische Sender hat noch Anfang November deutlich gemacht, dass verantwortungsvoller Journalismus in Pokrowsk an seine Grenzen gelange angesichts der Frage, wie nahe die Stadt der Übergabe an die Russen stünde: „Es gibt unzählige Behauptungen und Gegenbehauptungen, daher lässt sich das schwer sagen“, berichten Laura Gozzi und Paul Kirby. Als „wahr“ gilt den Autoren, dass Russland zehntausende Soldaten rund um die früher 60.000 Menschen zählende Stadt zusammengezogen habe. Hunderte davon sollen bisher in kleinen Trupps die Stadt infiltriert haben. Tatsächlich seien ukrainische Stellungen überrannt und Gebäude sowie Straßen eingenommen worden. Mehr sei jedoch der Interpretation überantwortet, stellen sie dar.
Beispielsweise „dementierte der Generalstab von Kiew, dass seine Streitkräfte in und um die Stadt eingekesselt seien, und bekräftigte, dass sie weiterhin aktiven Widerstand leisteten und russische Truppen blockierten. Ein ukrainisches Regiment gab an, das Rathaus geräumt zu haben, und veröffentlichte ein Video, das eine am Gebäude hängende ukrainische Flagge zeigte“, so der Sender. Ihm zufolge verbreite jede Seite ihre Sicht der Dinge, und neutralen Quellen falle schwer, ein ungefärbtes Bild zu erhalten. „Wahr“ ist offenbar, dass Stadt sowie Umgebung zweigeteilt sind: Vermutlich steht ein großer Teil der Stadt unter russischer Kuratel, an einem anderen großen Teil der Stadt beißt sich die Ukraine unbeugsam fest. An dieser Front nichts Neues.
Russland und die Ukraine auf Messers Schneide: „Der größte Teil von Pokrowsk ist Niemandsland“
„Der größte Teil von Pokrowsk ist Niemandsland“, erklärte die Deep-State-Überwachungsgruppe laut der BBC. „Die Situation ist kompliziert und schlichtweg unklar.“ Offenbar so fragil, dass Russland an der Moral ihrer Gegner zu sägen gezwungen ist. Die Videos mögen als Dolchstoß in den Rücken gewertet werden – sie bedeuten weit mehr als bloße Falschmeldungen, sie bedeuten psychologische Kriegsführung. Zersetzung. Akribisch geplant, technisch aufwändig umgesetzt, wie Quang Pham für France24 berichtet: „Der Soldat, der sich über seine Verlegung nach Pokrowsk beschwert, wurde mithilfe von Videos des russischen Streamers Aleksei Gubanov, bekannt als ,JesusAVGN‘, erstellt. Gubanov ist ein Gegner des Regimes des russischen Präsidenten Wladimir Putin und lebt mittlerweile in den Vereinigten Staaten.“
Oleh Apostol erinnert in seiner Kritik daran, dass nicht jede Begebenheit eine Meldung ergebe: Beispielsweise sei aufziehender Nebel so dramatisiert worden, dass er die ukrainischen Verteidiger in ihrer Aufklärung behindert habe; was sicher richtig sei, wie er einräumt angesichts dessen, dass sich die Russen mittlerweile beinahe Mann für Mann in die Stadt schleichen müssten. Auch wenn solch ein Wetter dem Angreifer in die Karten spiele, sei damit noch kein Urteil über die Stadt gesprochen, stellt Apostol klar.
Solcherart gerichtete Nachrichten zeitigten nach Apostols Meinung einen gleich großen Schaden wie die Progaganda-Videos im Netz, wie France24 die ukrainische regierungsnahe Organisation „Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation“ zum Zweck der Fakes zitiert: „Misstrauen in der ukrainischen Gesellschaft zu säen, die Mobilisierungsbemühungen zu stören und die Ukraine in den Augen der internationalen Gemeinschaft zu diskreditieren.“ (Quellen: Bundeswehr, Ukranian, Independent, CNN, Frankfurter Allgemeine Zeitung, France24, Tagesschau, BBC) (hz)