Neue Dynamik in der Offensive

Sieg in den Ruinen? Putin lässt Video manipulieren – Ukraine kämpft um Wahrheit

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Werbowe steht für Stillstand. In der Siedlung töten sich die Gegner beim Hissen ihrer Farben – die Trümmer legen die Sinnlosigkeit des Krieges offen.

Werbowe – Auf der neuesten Karte von DeepState wurde Verbove jedoch als ,Gebiet, das einer Klärung bedarf‘ gekennzeichnet und gleichzeitig auf russische Vorstöße in der Nähe hingewiesen“, schreibt Julia Struck – die Autorin der Kiyv Post berichtet, dass der Ukraine-Krieg in der Region Saporischschja nicht nur um den Gewinn an Boden tobt, sondern auch um die Definition der Wahrheit: Wladimir Putins Invasionstruppen behaupten territoriale Gewinne, während die Verteidiger von massiven Verlusten der Angreifer sprechen. Analysten rätseln, wer recht haben könnte.

Kämpfe um Werbowe: Artilleristen der 110. Separaten Mechanisierten Brigade der Ukraine – hier eine Aufnahme von August 2024 während eines Einsatzes bei Pokrowsk (Archivfoto).

Laut der Kiyv Post soll Russland behauptet haben, die Siedlung Werbowe in der Region Saporischschja eingenommen zu haben – das habe Russland auch mittels eines Videos auf Telegram propagiert. Die Ukraine habe ebenfalls auf Sozialen Medien reagiert und Russland einer Lüge bezichtigt: „Die 110. Separate Mechanisierte Brigade berichtete auf Telegram, dass eine russische Sabotage- und Aufklärungsgruppe in Werbowe eingedrungen sei, um Aufnahmen des Hissens der russischen Flagge zu inszenieren. Nach Angaben der Brigade wurde die Gruppe von ukrainischen Streitkräften rasch eliminiert“, schreibt Julia Struck. „Zwei Jahre danach“ lautet der Titel einer Studie von 2024, die den Einfluss des Kremls durch Online-Progaganda untersucht hat – der wird immer größer.

Experten über Putins Strategie: Der Social-Media-Dienst Telegram gelte als Wurzel allen Übels

„Während in Russland die sozialen Medien und der freie Zugang zu Informationen weitgehend eingeschränkt wird, nutzt dessen Führung gerade diese Errungenschaften im Rest der Welt“, zitiert Wulf Rohwedder für die Tagesschau aus der Studie des britischen Thinktanks „Institute for Strategic Dialogue“ (ISD). Laut den Autoren stecke das Netz voller „halbverdeckter Taktiken, mit denen russische Staats- und Kreml-freundliche Medien trotz der Sanktionen der Europäischen Union weiterhin ein großes Publikum erreichen“. Der Social-Media-Dienst Telegram gelte als Wurzel allen Übels, sagt Aleksy Szymkiewicz. Die BBC zitiert den Analysten der polnischen Faktencheck-Organisation Demagog mit einer ernüchternden Prognose.

„Der Informataionskrieg ist ein zentraler Bestandteil von Russlands Außenpolitik und militärischer Strategie.“

Institute for Strategic Dialogue

„Dort werden zunächst falsche oder manipulative Behauptungen gepostet – dann verbreiten sie sich auf größeren Plattformen wie X. Und von X gelangen sie dann beispielsweise in Diskussionen in Facebook-Gruppen“, so Szymkiewicz gegenüber der BBC. Demnach könnte die Überzeugung entstanden sein, dass Werbowe tatsächlich in russische Hände gefallen sei. Visueller Kern der gegenseitigen Behauptungen war das Hissen der jeweiligen Flagge. Das von der Ukraine herausgegebene Video endet mit dem Ausbreiten des blau-gelben Tuchs; vorher war ein Trupp Soldaten beim Aufziehen der russischen Farben offenbar überrascht und dann durch Granatfeuer aufgerieben worden – die filmende Drohne zeigt detailliert, wie menschliche Körper nach dem Einschlag und der verflüchtigten Rauchsäule in sich zusammensacken.

Allerdings zeugen die Frontberichte des US-Thinktanks „Institute for the Study of War“ (ISW) von einer anderen Wahrheit, wie das ISW aktuell veröffentlicht hat: „Geolokalisiertes Filmmaterial vom 3. Oktober zeigt, dass ukrainische Streitkräfte vor Kurzem Sosniwka (südöstlich von Welyka Mychajliwka) und Werbowe (südwestlich von Welyka Mychajliwka) zurückerobert haben – das ISW bezieht sich aber auf eine Telegram-Quelle. Werbowe wird offenbar nicht nur am Boden bitter umkämpft, sondern auch in der Berichterstattung über den Kriegsverlauf. Die ursprünglich rund 1.200 Seelen umfassende Siedlung ist seit mindestens zwei Jahren Schmelzpunkt der Kämpfe um diesen Teil der Ukraine: An der Verbindung Tokmak und Melitopol gelegen, gilt Werbowe als Art Schlüsselstellung für den Zugang zu den Logistikzentren an der Front von Saporischschja.

Ukraine-Krieg ohne Fortschritte: „So schwer es auch sein mag, wir werden weiterarbeiten“

„Wir haben ein Ziel: die Befreiung unserer Gebiete. So schwer es auch sein mag, wir werden weiterarbeiten. Und ich möchte auch den Skeptikern danken, denn auch ihre Kritik trägt zum Erfolg unserer Aufgabe bei“, sagte vor zwei Jahren Oleksandr Tarnavsky. Zu der Zeit hatte die Ukraine einen Strohhalm der Hoffnung in der Hand: den der Gegenoffensive. Werhove sollte ein Abschnitt davon sein, wie ihn der Sender CNN zitiert hat. „Der General, der die ukrainische Gegenoffensive entlang der südlichen Frontlinie anführt, sagt, seine Truppen seien in Werbowe durchgebrochen – und prognostiziert einen noch größeren Durchbruch“, schriebt CNN-Autor Vasco Cotovio.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Werbowe steht also symbolisch für Hoffnungen – für Hoffnungen für die Soldaten auf beiden Seiten. Auf der anderen Seite symbolisiert der Ort die Sinnlosigkeit des Unterfangens. Möglicherweise auch für beide Kontrahenten. So glorreich die letzte Szene des ukrainischen Telegram-Posts wirken soll, so erbärmlich ist das Szenario in Wirklichkeit: Zwei Soldaten stehen im Dreck vor einer ausgebombten Lagerhalle und spannen bemüht die ukrainische Fahne zwischen sich auf. Eine Botschaft über einen vermeintlichen Phyrrussieg – für dieses Bild sind hunderte Menschen gestorben. Und morgen oder nächste Woche kann das Bild schon ganz anders aussehen; seit zwei Jahren währt das Hin und Her nun schon.

Russland wohl wieder dynamischer: In den letzten zehn Tagen rund zehn Kilometer vorgerückt

Russland hatte sich zu der Zeit nach der gescheiterten Blitz-Invasion eingegraben und die ukrainische Gegenoffensive abgewartet. Die Ukraine schien daraufhin mit ihren anfänglichen Bemühungen Erfolg zu haben: „Open-Source-Analysen verfügbarer Videos deuten jedoch darauf hin, dass einige ukrainische Einheiten eine wichtige russische Verteidigungslinie in der Nähe des Dorfes Werbowe durchbrochen haben“, meldeten neben CNN auch andere Medien – ohne die Frontberichte verifizieren zu können. Seitdem scheinen sich die ukrainischen Verteidiger dort festgebissen zu haben, und Russland versucht, mit kleinen Trupps die Verteidigung zu perforieren – unter großen Verlusten, wie RBC-Ukraine von verschiedenen Frontabschnitten meldet. Laut der französischen Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP), sei jetzt wieder mehr Bewegung in diese Region gekommen.

Seit Juli sollen die Russen dort wieder vorwärts drücken, zuletzt mit mehr Dynamik – wobei auch das wieder unter Vorbehalt steht. Die Open Source-Analysten von DeepState zeigten auf ihren Schlachtfeldkarten, dass „die russischen Streitkräfte in diesem Teil der Frontlinie in den letzten zehn Tagen rund zehn Kilometer vorgerückt“ seien. „Solche Erfolge sind in diesem Stadium eines Krieges, der sich bereits seit mehr als dreieinhalb Jahren hinzieht und in dem es beiden Seiten nicht gelungen ist, rasche Fortschritte an den schwer verschanzten und befestigten Frontlinien zu erzielen, relativ schnell“, schreibt AFP. Was die ukrainischen Verteidiger durchaus bemängeln.

Ukraine kämpft um Wahrheit: „Die 110. Brigade kritisierte auch die Überwachungsressource DeepState“

„Die 110. Brigade kritisierte auch die Überwachungsressource DeepState und sagte, dass deren Berichte manchmal russische Propaganda-Kampagnen verstärken könnten“, schreibt Julia Struck in der Kiyv Post. Die Wahrheit ist ein knappes und umkämpftes Gut im Ukraine-Krieg. Und das wird schlimmer werden, vermutet Maksim Markelov in The Conversation: Mit der Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) könnten Desinformationskampagnen Inhalte immer ausgefeilter aufarbeiten und verbreiten. Wie weit die KI die Propaganda-Kampagnen Russlands indes schon durchsetzt hat, ist aber unbekannt; das würde auch wenig an der strategischen Ausrichtung Russlands ändern: Fakten zu verdrehen und Unsicherheit zu schüren.

Seit der Krim-Annexion 2014 versuche der Kreml die russische Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer auf der falschen Seite der Geschichte stehen, schreibt Lisa Gaufman für die „Bundeszentrale für politische Bildung“. Und je langsamer seine Kräfte vorwärts marschieren, desto lauter lässt Wladimir Putin das Megaphon drehen. Die Analysten des „Institute for Strategic Dialogue“ machen jedenfalls deutlich, dass ein Angriff auf die westliche Integrität andere Geräusche macht als lediglich den von auftretenden Kampfstiefeln: „Der Informationskrieg ist ein zentraler Bestandteil von Russlands Außenpolitik und militärischer Strategie.“ (Quellen: Institute for the Study of War, Institute for Strategic Dialogue, Bundeszentrale für politische Bildung“, AFP, Kiyv Post, Tagesschau, BBC, CNN, The Conversation, RBC-Ukraine) (hz)

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