Sieg in den Ruinen? Putin lässt Video manipulieren – Ukraine kämpft um Wahrheit
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Werbowe steht für Stillstand. In der Siedlung töten sich die Gegner beim Hissen ihrer Farben – die Trümmer legen die Sinnlosigkeit des Krieges offen.
Werbowe – Auf der neuesten Karte von DeepState wurde Verbove jedoch als ,Gebiet, das einer Klärung bedarf‘ gekennzeichnet und gleichzeitig auf russische Vorstöße in der Nähe hingewiesen“, schreibt Julia Struck – die Autorin der Kiyv Post berichtet, dass der Ukraine-Krieg in der Region Saporischschja nicht nur um den Gewinn an Boden tobt, sondern auch um die Definition der Wahrheit: Wladimir Putins Invasionstruppen behaupten territoriale Gewinne, während die Verteidiger von massiven Verlusten der Angreifer sprechen. Analysten rätseln, wer recht haben könnte.
Kämpfe um Werbowe: Artilleristen der 110. Separaten Mechanisierten Brigade der Ukraine – hier eine Aufnahme von August 2024 während eines Einsatzes bei Pokrowsk (Archivfoto).
Laut der Kiyv Post soll Russland behauptet haben, die Siedlung Werbowe in der Region Saporischschja eingenommen zu haben – das habe Russland auch mittels eines Videos auf Telegram propagiert. Die Ukraine habe ebenfalls auf Sozialen Medien reagiert und Russland einer Lüge bezichtigt: „Die 110. Separate Mechanisierte Brigade berichtete auf Telegram, dass eine russische Sabotage- und Aufklärungsgruppe in Werbowe eingedrungen sei, um Aufnahmen des Hissens der russischen Flagge zu inszenieren. Nach Angaben der Brigade wurde die Gruppe von ukrainischen Streitkräften rasch eliminiert“, schreibt Julia Struck. „Zwei Jahre danach“ lautet der Titel einer Studie von 2024, die den Einfluss des Kremls durch Online-Progaganda untersucht hat – der wird immer größer.
Experten über Putins Strategie: Der Social-Media-Dienst Telegram gelte als Wurzel allen Übels
„Während in Russland die sozialen Medien und der freie Zugang zu Informationen weitgehend eingeschränkt wird, nutzt dessen Führung gerade diese Errungenschaften im Rest der Welt“, zitiert Wulf Rohwedder für die Tagesschau aus der Studie des britischen Thinktanks „Institute for Strategic Dialogue“ (ISD). Laut den Autoren stecke das Netz voller „halbverdeckter Taktiken, mit denen russische Staats- und Kreml-freundliche Medien trotz der Sanktionen der Europäischen Union weiterhin ein großes Publikum erreichen“. Der Social-Media-Dienst Telegram gelte als Wurzel allen Übels, sagt Aleksy Szymkiewicz. Die BBC zitiert den Analysten der polnischen Faktencheck-Organisation Demagog mit einer ernüchternden Prognose.
„Der Informataionskrieg ist ein zentraler Bestandteil von Russlands Außenpolitik und militärischer Strategie.“
„Dort werden zunächst falsche oder manipulative Behauptungen gepostet – dann verbreiten sie sich auf größeren Plattformen wie X. Und von X gelangen sie dann beispielsweise in Diskussionen in Facebook-Gruppen“, so Szymkiewicz gegenüber der BBC. Demnach könnte die Überzeugung entstanden sein, dass Werbowe tatsächlich in russische Hände gefallen sei. Visueller Kern der gegenseitigen Behauptungen war das Hissen der jeweiligen Flagge. Das von der Ukraine herausgegebene Video endet mit dem Ausbreiten des blau-gelben Tuchs; vorher war ein Trupp Soldaten beim Aufziehen der russischen Farben offenbar überrascht und dann durch Granatfeuer aufgerieben worden – die filmende Drohne zeigt detailliert, wie menschliche Körper nach dem Einschlag und der verflüchtigten Rauchsäule in sich zusammensacken.
Allerdings zeugen die Frontberichte des US-Thinktanks „Institute for the Study of War“ (ISW) von einer anderen Wahrheit, wie das ISW aktuell veröffentlicht hat: „Geolokalisiertes Filmmaterial vom 3. Oktober zeigt, dass ukrainische Streitkräfte vor Kurzem Sosniwka (südöstlich von Welyka Mychajliwka) und Werbowe (südwestlich von Welyka Mychajliwka) zurückerobert haben – das ISW bezieht sich aber auf eine Telegram-Quelle. Werbowe wird offenbar nicht nur am Boden bitter umkämpft, sondern auch in der Berichterstattung über den Kriegsverlauf. Die ursprünglich rund 1.200 Seelen umfassende Siedlung ist seit mindestens zwei Jahren Schmelzpunkt der Kämpfe um diesen Teil der Ukraine: An der Verbindung Tokmak und Melitopol gelegen, gilt Werbowe als Art Schlüsselstellung für den Zugang zu den Logistikzentren an der Front von Saporischschja.
Ukraine-Krieg ohne Fortschritte: „So schwer es auch sein mag, wir werden weiterarbeiten“
„Wir haben ein Ziel: die Befreiung unserer Gebiete. So schwer es auch sein mag, wir werden weiterarbeiten. Und ich möchte auch den Skeptikern danken, denn auch ihre Kritik trägt zum Erfolg unserer Aufgabe bei“, sagte vor zwei Jahren Oleksandr Tarnavsky. Zu der Zeit hatte die Ukraine einen Strohhalm der Hoffnung in der Hand: den der Gegenoffensive. Werhove sollte ein Abschnitt davon sein, wie ihn der Sender CNN zitiert hat. „Der General, der die ukrainische Gegenoffensive entlang der südlichen Frontlinie anführt, sagt, seine Truppen seien in Werbowe durchgebrochen – und prognostiziert einen noch größeren Durchbruch“, schriebt CNN-Autor Vasco Cotovio.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Werbowe steht also symbolisch für Hoffnungen – für Hoffnungen für die Soldaten auf beiden Seiten. Auf der anderen Seite symbolisiert der Ort die Sinnlosigkeit des Unterfangens. Möglicherweise auch für beide Kontrahenten. So glorreich die letzte Szene des ukrainischen Telegram-Posts wirken soll, so erbärmlich ist das Szenario in Wirklichkeit: Zwei Soldaten stehen im Dreck vor einer ausgebombten Lagerhalle und spannen bemüht die ukrainische Fahne zwischen sich auf. Eine Botschaft über einen vermeintlichen Phyrrussieg – für dieses Bild sind hunderte Menschen gestorben. Und morgen oder nächste Woche kann das Bild schon ganz anders aussehen; seit zwei Jahren währt das Hin und Her nun schon.
Russland wohl wieder dynamischer: In den letzten zehn Tagen rund zehn Kilometer vorgerückt
Russland hatte sich zu der Zeit nach der gescheiterten Blitz-Invasion eingegraben und die ukrainische Gegenoffensive abgewartet. Die Ukraine schien daraufhin mit ihren anfänglichen Bemühungen Erfolg zu haben: „Open-Source-Analysen verfügbarer Videos deuten jedoch darauf hin, dass einige ukrainische Einheiten eine wichtige russische Verteidigungslinie in der Nähe des Dorfes Werbowe durchbrochen haben“, meldeten neben CNN auch andere Medien – ohne die Frontberichte verifizieren zu können. Seitdem scheinen sich die ukrainischen Verteidiger dort festgebissen zu haben, und Russland versucht, mit kleinen Trupps die Verteidigung zu perforieren – unter großen Verlusten, wie RBC-Ukraine von verschiedenen Frontabschnitten meldet. Laut der französischen Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP), sei jetzt wieder mehr Bewegung in diese Region gekommen.
Seit Juli sollen die Russen dort wieder vorwärts drücken, zuletzt mit mehr Dynamik – wobei auch das wieder unter Vorbehalt steht. Die Open Source-Analysten von DeepState zeigten auf ihren Schlachtfeldkarten, dass „die russischen Streitkräfte in diesem Teil der Frontlinie in den letzten zehn Tagen rund zehn Kilometer vorgerückt“ seien. „Solche Erfolge sind in diesem Stadium eines Krieges, der sich bereits seit mehr als dreieinhalb Jahren hinzieht und in dem es beiden Seiten nicht gelungen ist, rasche Fortschritte an den schwer verschanzten und befestigten Frontlinien zu erzielen, relativ schnell“, schreibt AFP. Was die ukrainischen Verteidiger durchaus bemängeln.
Ukraine kämpft um Wahrheit: „Die 110. Brigade kritisierte auch die Überwachungsressource DeepState“
„Die 110. Brigade kritisierte auch die Überwachungsressource DeepState und sagte, dass deren Berichte manchmal russische Propaganda-Kampagnen verstärken könnten“, schreibt Julia Struck in der Kiyv Post. Die Wahrheit ist ein knappes und umkämpftes Gut im Ukraine-Krieg. Und das wird schlimmer werden, vermutet Maksim Markelov in The Conversation: Mit der Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) könnten Desinformationskampagnen Inhalte immer ausgefeilter aufarbeiten und verbreiten. Wie weit die KI die Propaganda-Kampagnen Russlands indes schon durchsetzt hat, ist aber unbekannt; das würde auch wenig an der strategischen Ausrichtung Russlands ändern: Fakten zu verdrehen und Unsicherheit zu schüren.
Seit der Krim-Annexion 2014 versuche der Kreml die russische Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer auf der falschen Seite der Geschichte stehen, schreibt Lisa Gaufman für die „Bundeszentrale für politische Bildung“. Und je langsamer seine Kräfte vorwärts marschieren, desto lauter lässt Wladimir Putin das Megaphon drehen. Die Analysten des „Institute for Strategic Dialogue“ machen jedenfalls deutlich, dass ein Angriff auf die westliche Integrität andere Geräusche macht als lediglich den von auftretenden Kampfstiefeln: „Der Informationskrieg ist ein zentraler Bestandteil von Russlands Außenpolitik und militärischer Strategie.“ (Quellen: Institute for the Study of War, Institute for Strategic Dialogue, Bundeszentrale für politische Bildung“, AFP, Kiyv Post, Tagesschau, BBC, CNN, The Conversation, RBC-Ukraine) (hz)