Ukraine-Krieg

Chemiefabrik in Sjewjerodonezk: Hier verstecken sich Zivilisten vor Putins Krieg

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Der Rauch der Ölraffinerie von Lyssytschansk steht über der Stadt. Lyssytschansk ist eine Stadt am rechten Ufer des Donez in der Region Luhansk. Zusammen mit Sjewjerodonezk und Rubischne bildet die Stadt einen der größten Chemiekomplexe der Ukraine. In dem Asot-Werk suchen Zivilisten nun Zuflucht.
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Die Chemiefabrik Asot in Sjewjerodonezk wird zu einer Zuflucht: Zahlreiche Zivilisten suchen hier Schutz vor Putins Bomben. Doch das Gelände wurde umzingelt.

Update von Freitag, 10. Juni, um 16:53 Uhr: Kiew – Die Chemiefabrik Azot in der schwer umkämpften ostukrainischen Stadt Sjewjerodonezk ist vollständig umzingelt. Das melden prorussische Separatisten. „Eine kleine Gruppe ukrainischer Formationen auf dem Territorium des Azot-Chemiewerks kann die Fabrik nicht mehr verlassen. Alle Fluchtwege sind für sie abgeschnitten“, berichtete die Nachrichtenagentur dpa und berief sich dabei auf den Botschafter der selbst ernannten Volksrepublik Luhansk in Moskau, Rodion Miroschnik. Miroschnik räumte die Möglichkeit ein, dass sich auf dem belagerten Azot-Gelände weiterhin auch Zivilisten aufhalten könnten. 

Chemiefabrik in Sjewjerodonezk: Hier verstecken sich Zivilisten vor Putins Krieg – Separatisten haben Gelände umzingelt

Erstmeldung von Freitag, 3. Juni, um 31:21 Uhr: Kiew – Wird Sjewjerodonezk ein gleiches Schicksal ereilen wie Mariupol? Die Hafenstadt am Schwarzen Meer war Mitte Mai an Putins Armee gefallen. Vorausgegangen waren wochenlange Kämpfe, die sich auf das Stahlwerk Asovstal konzentrierten und fast die vollständige Zerstörung der Stadt mit sich zogen. Nun steht wohl Sjewjerodonezk auf der zentralen Eroberungsliste von Wladimir Putin. Die russischen Streitkräfte haben ihre Angriffe intensiviert und rückten am Donnerstag, dem 2. Juni, mit massiver Artillerieunterstützung vor. Ähnlich wie in Mariupol suchen Zivilisten Schutz vor dem Ukraine-Krieg. In Sjewjerodonezk verschanzen sie sich auch unter einer Chemiefabrik.

Angriff auf Sjewjerodonezk: Zilivisten in der Ukraine suchen in Chemiefabrik Zuflucht

Während die Kämpfe um Sjewjerodonezk unermüdlich weiter gehen, hat das ukrainische Militär bekannt gegeben, dass es das Verwaltungszentrum der Region Luhansk nicht aufgeben werde. „Im Zentrum von Sjewjerodonezk halten die Kämpfe an“, teilte der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht am Freitag mit. Der Feind beschieße die ukrainischen Stellungen in der Stadt, in den Vororten Boriwsk und Ustyniwka sowie in der Zwillingsstadt Lyssytschansk, die mit Sjewjerodonezk einen Ballungsraum bildet, berichtet die Deutsche Presse-Agentur. Derweil tobt der Ukraine-Krieg seit 100 Tagen.

Wie aus Angaben beider Seiten hervorgeht, sollen in der umkämpften Stadt Zivilisten in Bunkern der Chemiefabrik Asot/Azot (Stickstoff) Zuflucht gesucht haben. Hier scheint sich ein ähnliches Muster wie in Mariupol abzuzeichnen: Die Fabrik Asovstal war wochenlang Schauplatz der Kämpfe in der Region. Auch die Elite-Kämpfer des Asow-Bataillons sollen hier ausgeharrt haben. Die gleichen Dimensionen wie in Mariupol hat Asot allerdings noch nicht erreicht: Die ukrainische Verwaltung von Luhansk sprach am Donnerstag von etwa 800 Menschen, die auf dem Gelände Schutz suchen würden.

Wladimir Putin will Sjewjerodonezk einnehmen: Chemiewerk Asot ist nicht von großer Bedeutung

„Das sind Einheimische, die gebeten wurden, die Stadt zu verlassen, die sich aber geweigert haben. Auch Kinder sind dort, aber nicht sehr viele“, sagte Gouverneur Serhij Hajdaj dem US-Sender CNN über die Zivilisten in Sjewjerodonezk, die unter der Chemiefabrik ausharren würden. Ob die russische Armee von Wladimir Putin allerdings die gleichen Anstrengungen unternehmen wird, um das Gebiet zu erobern, ist derzeit fraglich: Die Eroberung von Asovstal war Mitte Mai ein wichtiger Sieg. Das Chemiewerk Asot sei aus militärischer Sicht aber weniger bedeutsam als Azovstal, sagte Hajdaj.

Dennoch: Eine Chemiefabrik birgt auch eine große Gefahr. Das zeigte sich bereits Ende Mai: Nachdem die russischen Streitkräfte die Chemiefabrik für Salpetersäure beschossen hatten, waren Chemikalien in die Luft geflogen. Laut des Separatistenvertreters Rodion Miroschnik handelte es sich um Salpetersäure. Das Werk Asot/Azot gehört zu den größten Chemieunternehmen in der Ukraine und beschäftigte vor dem Ukraine-Krieg etwa 7000 Menschen. Diese sind mittlerweile abgezogen, doch der Austritt von Salpetersäure birgt auch eine Gefahr für die Bevölkerung.

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Gefahr durch Chemiewerk in Sjewjerodonezk: Salpetersäure könnte austreten und Bevölkerung treffen

Sollte das giftige Gas-Dampf-Gemisch von Menschen eingeatmet werden, kann es im schlimmsten Fall zu einer lebensgefährlichen Lungenentzündung und zu einer Ansammlung von Flüssigkeit in den Lungenbläschen kommen. Salpetersäure gehört wie Salz- oder Schwefelsäure zu den Mineralsäuren und ist eine gängige Labor- oder Industriechemikalie, die auch dafür eingesetzt werden kann, um Metalle aufzulösen. Auf der Haut von Menschen verursacht sie zudem schwere Verbrennungen.

Auch wenn das Chemiewerk Asot in Sjewjerodonezk vielleicht nicht die gleiche Bedeutung für Wladimir Putin wie Asovstal hat, könnte die Fabrik wohl eine ähnliche Leuchtkraft für die Bevölkerung haben und bei der Eroberung von Sjewjerodonezk als letzte Bastion der Verteidiger den Russen gegenüberstehen. Derweil hat Deutschland angekündigt, die Ukraine bei der Verteidigung zu unterstützen und sicherte die Lieferung von Iris-T, einem Raketenabwehrsystem, zu.

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