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Heiliger Krieg statt Spezialoperation: Patriarch Kirill sieht Russland im Kampf gegen Satanismus

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Dieses von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik via AP veröffentlichte Foto zeigt Wladimir Putin, der dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill gratuliert. Kirill hat sich aktuell mit deutlichen Worten zum Ukraine-Krieg positioniert. (Archivbild)
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Offiziell ist der Ukraine-Krieg in Russland eine „Spezialoperation“. Doch die Rhetorik wandelt sich. In einem Dokument wird nun vom Heiligen Krieg gesprochen.

Moskau – Lange Zeit achteten Russlands Verantwortliche penibel darauf, die russische Invasion nicht als Ukraine-Krieg zu bezeichnen. Gewünschte Rhetorik war, von einer „Spezialoperation“ zu sprechen. Seit Wladimir Putins sogenanntem Erfolg bei der vergangenen Russland-Wahl ist die Realität allerdings eine andere geworden: Nach knapp zwei Jahren mit schweren Kämpfen im Nachbarland wurde auch in Russland erstmals von Krieg gesprochen – trotzdem gilt weiterhin der Terminus „Spezialoperation“ als Norm. Der Vorsitzende der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill, schließt sich allerdings nun den neuen Aussagen an und sieht das Land in einem Heiligen Krieg gegen den Westen.

Ukraine-Krieg als Heiligen Krieg bezeichnet: Patriarchen Kirill sieht Russland im Kampf gegen Satanismus

Während eines Kongresses des Weltrussischen Volksrates, bei dem sich religiöse, politische und kulturelle Persönlichkeiten des Landes austauschen, verabschiedeten die Mitglieder ein Dokument, das sich mit zahlreichen kulturellen und gesellschaftlichen Positionen Russlands befasst. Unter der Leitung des russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill, der als enger Vertrauter von Wladimir Putin gilt, wurde am 27. März damit eine weitere geistliche Grundlage und Rechtfertigung für die russische Invasion geschaffen. Offiziell hat das Schreiben allerdings keinen direkten Bezug zur russisch-orthodoxen Kirche, aber viele Geistliche und mit der Kirche verbundene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gehören dem Rat an.

„Aus spiritueller und moralischer Sicht ist die spezielle Militäroperation ein Heiliger Krieg, in dem Russland und sein Volk den einzigen spirituellen Raum des Heiligen Russlands verteidigen“, heißt es in dem Dokument des Weltrussischen Volksrates unter anderem. Des Weiteren erklärt der Rat, dass Russland „die Welt vor dem Ansturm des Globalismus und einem Sieg des Westens“ schützen müsse, da dieser dem Satanismus verfallen sei. Auch in Afrika soll Putins Russland derweil einen spirituellen Krieg führen.

Putin-Freund Kirill zu Ukraine-Krieg: Kampf um die Zukunft des Christentums und gegen „Mächte des Bösen“

Dass Kirill sich mit deutlichen Worten zum Ukraine-Krieg positioniert und als Geistlicher nicht an Waffenruhe oder Frieden appelliert, ist allerdings keine neue Entwicklung: Bereits kurz nach Ausbruch der Kämpfe vor knapp zwei Jahren machte der Patriarch deutlich, dass die Ukraine und Weißrussland Teil „russischer Länder“ seien. Wie Newsweek berichtet, bezeichnete Kirill die ukrainischen Verteidigerinnen und Verteidiger als „Mächte des Bösen“. Zudem vertrat er bereits damals die Ansicht, dass Putins Krieg in der Ukraine ein Kampf um die Zukunft des Christentums sei.

Der Ukraine-Krieg hat sich in den vergangenen Monaten immer mehr zu einem Materialkampf entwickelt und die Ukraine baut weiterhin auf Waffenlieferungen des Westens. An den Fronten sterben täglich Hunderte Soldaten, die Verluste sind hoch und ein Ende des Ukraine-Kriegs ist nicht in Sicht. Doch Kirill und der Volksrat haben in ihrem Dokument dargelegt, wie sie sich die Zukunft der Ukraine vorstellen: Nach dem Krieg „sollte das gesamte Territorium der modernen Ukraine in die Zone des ausschließlichen Einflusses Russlands fallen“, heißt es in dem Schreiben. Zudem solle künftig ein „russophobes Regime sowie ein politisches Regime, das von einem externen, russlandfeindlichen Zentrum aus kontrolliert wird“ ausgeschlossen werden.

Reaktion auf Aussage zum Ukraine-Krieg: Ukrainische Kirche distanziert sich

Eine Reaktion auf die Aussagen des Weltrussischen Volksrates zum Verlauf des Ukraine-Kriegs folgte wenig später: Die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOC), die historisch mit dem Moskauer Patriarchat verbunden war, hat sich deutlich distanziert. Wie Ukrainska Prava schreibt, vertritt die UOC nicht die Ideologie der russischen Welt, die im Dokument des Weltrussischen Volksrates skizziert wird. „Seine Seligkeit Metropolit Onufrii von Kiew [hat] die Haltung unserer Kirche zu dieser Idee seit langem öffentlich zum Ausdruck gebracht: Wir bauen keine russische Welt auf, wir bauen Gottes Welt“, heißt es in einer Stellungnahme.

Die UOC fügte hinzu: Die Aussage, dass die sogenannte spezielle Militäroperation ein „heiliger Krieg“ sei, widerspreche den Grundprinzipien der christlichen Moral. Inwieweit diese Moral bei Putin, der sich selbst als gläubigen Christen sieht, gegenwärtig im Ukraine-Krieg eine Rolle spielt, ist allerdings mehr als fraglich. Bereits vor einem Jahr wurde geschätzt, dass Russlands Armee in der Ukraine bis zu 500 religiöse Gebäude zerstört haben soll – inzwischen soll die Zahl weit höher liegen. (fbu)

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