VonNadja Orthschließen
Seit Monaten liefern sich Russland und die Ukraine blutige Kämpfe in der östlichen Stadt Bachmut. Nun drängt die USA offenbar auf einen Taktik-Wechsel.
München/Kiew - Im Ukraine-Krieg steht seit Monaten die östliche Stadt Bachmut im Fokus der russischen Armee. Trotz hoher Verluste auf russischer Seite versuchen Putins Soldaten weiterhin verbittert, die Stadt einzunehmen, während die Verteidigung Bachmuts für die Ukraine mittlerweile zum Symbol für den ukrainischen Widerstand und daher umso bedeutsamer geworden ist. Doch nun drängen US-amerikanische und westliche Beamte offenbar auf einen Taktik-Wechsel und raten dem ukrainischen Präsident Wolodymyr Selenskyj, den Schwerpunkt der Kämpfe auf ein neues Gebiet im Land zu verlagern.
Die Beamten würden im Ukraine-Krieg demnach einen Schwerpunktwechsel zu einer Offensive im Süden befürworten, statt sich mit Russland weiterhin blutige Kämpfe im östlichen Bachmut zu liefern. Gegenüber dem US-Sender CNN sagten die Beamten aus der USA und der Ukraine, dass für die mögliche Offensive im Süden ein anderer Kampfstil angewandt werden könnte, der die Milliarden Dollar schwere neue Ausrüstung taktisch sinnvoll nutzt.
Bachmut nach monatelangen Kämpfen stark zerstört
Seit fast sechs Monaten kämpfen Russland und die Ukraine nun bereits um Bachmut im Donbass. Lange Zeit hatten Experten gerätselt, weshalb Russland trotz hoher Verluste so besessen auf das Einnehmen der Stadt ist. Vor kurzem hatte man aus US-Kreisen verlautet, dass der Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin, der mit seiner hohen Anzahl an Söldnern eine entscheidende Rolle in der Offensive spielt, vor allem an den Salz- und Gipsminen vor Ort interessiert sei. Auch Prigoschin äußerte sich zuletzt auf Telegram persönlich und begründete seine Besessenheit überwiegend mit den weitläufigen Tunnelsystemen unter der Stadt.
„Es ist ein brutaler und zermürbender Kampf“, zitiert CNN einen hochrangigen westlichen Geheimdienstmitarbeiter, der sich vergangene Woche zu der Schlacht in Bachmut geäußert hatte. Täglich würden zwischen 100 und 400 Meter Land zwischen beiden Kriegsseiten hin und her getauscht und ebenso fast täglich mehrere Tausend Artilleriegeschosse abgefeuert werden. Das mache Bachmut mittlerweile weniger attraktiv. „(Bachmut) ist militärisch weniger attraktiv, was die Infrastruktur angeht, als es vielleicht gewesen wäre, wenn es nicht so zerstört worden wäre“, wird der Beamte weiter zitiert.
Ukrainische Großsstädte außerhalb Putins Reichweite
Der Schwerpunkt soll deshalb der USA zufolge im Frühjahr verlagert werden. Der stellvertretende nationale Sicherheitsberater Jon Finer, die stellvertretende Außenministerin Wendy Sherman und der Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik Colin Kahl reisten letzte Woche nach Kiew, um mit Selenskyj eine mögliche taktische Änderung im Krieg zu besprechen. Statt weiterhin Kräfte in Bachmut aufzuzerren, solle sich die Ukraine auf einen mechanisierten Manöverkrieg konzentrieren, bei dem „schnelle, unvorhergesehene Bewegungen“ gegen Russland eingesetzt werden. Dies hätten mit dem Gespräch vertraute Quellen gegenüber CNN gesagt.
Nach der erfolgreichen Verteidigung von beispielsweise der zweitgrößten Stadt Charkiw befänden sich ukrainische Großstädte, insbesondere die Hauptstadt Kiew, aktuell außerhalb Putins Reichweite. Es sei daher wahrscheinlicher anzunehmen, dass sich der russische Präsident auf die Einnahme weiterer Gebiete in der Region Saporischschja sowie im Donbass konzentriert, bei letzterem Bachmut dabei als Sprungbrett nutzen will.
„Was wir bereits gesehen haben, ist nichts anderes als ein Fleischwolf“
Saporischschja im Süden der Ukraine ist für Putin insofern von Bedeutung, da Russland dadurch seine „Landbrücke“ von der russischen Region Rostow zur russischen Halbinsel Krim aufrechterhalten kann. Wie das britische Verteidigungsministerium in seinem regelmäßigen Geheimdienstbericht Anfang des Monats berichtete, würde ein größerer militärischer Erfolg der Ukraine in Saporischschja „die Funktionsfähigkeit der russischen „Landbrücke“ zwischen der russischen Region Rostow und der Krim ernsthaft in Frage stellen“.
Die USA und ihre Verbündeten bezweifeln unterdessen, dass Russland zu einer ernsthaften Offensive fähig ist. „Ich bezweifle sehr, dass die russische Fähigkeit, effektiv zu mobilisieren, zu bemannen, auszubilden und auszurüsten, etwas anderes sein wird als das, was wir bereits gesehen haben“, sagte ein westliche Geheimdienstler gegenüber CNN. „Und was wir bereits gesehen haben, ist nichts anderes als ein Fleischwolf“. (nz)


