Ukraine-Krieg bedroht Atomanlagen – Ministerium warnt: „Reaktoren nicht auf Angriffe ausgelegt“
VonNail Akkoyun
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Kriegsbedingte Stromausfälle bedrohen die Atomanlagen der Ukraine. Selbst das stillgelegte AKW Tschernobyl ist wieder ein Thema. Die Regierung nennt die Situation „besorgniserregend kritisch“.
Kiew – Inmitten des Ukraine-Kriegs wächst die Sorge um die Sicherheit der Atomanlagen. Am Mittwoch legte ein russischer Luftangriff die Stromversorgung am Standort des Tschernobyl-Reaktors lahm. Betroffen: Die riesige Schutzhülle über dem 1986 explodierten Reaktorblock und ein Lager für abgebrannte Brennelemente. Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte scharf: Russland müsse gewusst haben, dass ein Angriff auf das Umspannwerk in der nahegelegenen Stadt Slawutytsch solche Folgen nach sich ziehen würde.
Im Ukraine-Krieg bilden auch die ukrainischen Atomkraftwerke eine Gefahr. Dieses Foto zeigt den französischen Minister für Europa und auswärtige Angelegenheiten Jean-Noel Barrot (4. v. r.) und seine Delegation während ihres Besuchs der neuen Sicherheitshülle des Kernkraftwerks Tschernobyl. (Archivfoto)
Zwar sprang die Notversorgung sofort an, und mittlerweile fließt wieder regulärer Strom, wie Energieministerin Hryntschuk bestätigte. Die Strahlenwerte blieben im Normbereich. Doch der Vorfall schürt neue Ängste um die Sicherheit der ukrainischen Atomanlagen mitten im Kriegsgebiet.
Sorge um AKW Tschernobyl, doch Nuklearexperte sieht „keine unmittelbare Gefahr“
Dadurch hätten keine aktuellen Daten zur Strahlenbelastung oder zur Ortsdosisleistung ermittelt werden können, erklärt Lutz Küchler von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) gegenüber fr.de von Ippen.Media. Doch der Nuklearexperte gibt teilweise Entwarnung: „Das kann die Arbeiten vor Ort zwar verzögern, stellt jedoch keine unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung vor Ort oder gar in Europa dar.“
Allerdings kämpft man in Tschernobyl noch mit den Folgen eines russischen Drohnenangriffs vom Februar. Die beschädigte Lüftungsanlage der doppelwandigen Schutzhülle konnte bislang nicht repariert werden. Auch die Kühlung der gelagerten Brennelemente war kurzzeitig gefährdet. Doch hier griffen Sicherheitssysteme: „Dieselvorräte und Ersatzpumpen stellen hier ein zusätzliches Sicherheits-Backup dar“, so Küchler. Derzeit weise nichts darauf hin, „dass sich die Menge radioaktiver Stoffe im Umkreis der Anlage während des Stromausfalls erhöht hat“.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Erstmals in dreieinhalb Jahren in Ukraine-Krieg: AKW Saporischschja komplett auf Generatoren angewiesen
Dramatischer sieht es im AKW Saporischschja aus: Europas größtes Atomkraftwerk hängt seit dem 23. September komplett am Tropf von Dieselgeneratoren – ein Rekord im Ukraine-Krieg, wie IAEA-Chef Grossi alarmiert feststellt: „Europas größtes Atomkraftwerk hat jetzt seit mehr als einer Woche keinen Strom von außen, was mit Abstand der längste Fall in mehr als dreieinhalb Jahren Krieg ist.“
Der Diesel reicht laut russischer Besatzer noch für etwa zehn Tage. Zwar läuft die Kühlung der abgeschalteten Reaktoren noch, doch Grossi warnt: Die aktuelle Situation sei „eindeutig kein Dauerzustand mit Blick auf die nukleare Sicherheit“. Präsident Selenskyj sprach von einer „Bedrohung für absolut alle“.
AKWs in der Ukraine: Bundesministerium sieht Situation „besorgniserregend kritisch“
Die Ukraine hängt am Atomstrom wie kaum ein anderes europäisches Land. Neun aktive Reaktorblöcke in drei Kraftwerken liefern lebenswichtigen Strom, während Saporischschja stillsteht und Tschernobyl längst Geschichte ist. Doch die Anlagen geraten immer wieder ins Visier: IAEA-Beobachter meldeten kürzlich Drohnenflüge nahe aktiver Reaktoren im AKW Süd-Ukraine in der Region Mykolajiw. Auch Umspannwerke werden gezielt attackiert.
Das Bundesumweltministerium nennt die Situation auf Ippen-Anfrage „besorgniserregend kritisch“: „Die Reaktoren sind – wie alle anderen AKW auch – nicht auf kriegerische Angriffe ausgelegt“, mahnt ein Sprecher. Zwar sehe man aktuell keine akute Strahlungsgefahr, doch das AKW brauche „zwingend eine ausreichende Wasser- und Stromversorgung“.
Die Bundesregierung unterstütze die Aktivitäten und Forderungen der IAEA zum Schutz des Kernkraftwerks Saporischschja „sowie aller übrigen AKW-Standorte in der Ukraine“. Die internationale Gemeinschaft beobachtet die Entwicklungen mit wachsender Besorgnis. IAEA-Chef Grossi steht sowohl mit der Ukraine als auch mit Russland in Kontakt. (Quellen: eigene Recherche, dpa, AFP) (nak)